Mittwoch, 13. April 2005 17:45
Seele, wie verhältst du dich in dieser papstlosen Zeit? Lies, was der heilige Bischof Alphons Maria von Liguori zu diesem Thema schreibt. Er schickte einem Mitbruder im bischöflichen Amt zum Anlaß einer Sedisvakanz den folgenden Brief: „Alle menschliche Wissenschaft und Klugheit dieser Welt kann die Kirche nicht aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Erschlaffung und Verwirrung befreien, in der sich alle Glieder der Kirche befinden.“

Hochgelobt seien Jesus, Maria und Joseph.
Arienzo, 24. Oktober 1774
Sehr geehrte Exzellenz,
mein lieber
Freund und Herr!
Was meine Meinung zur gegenwärtigen Lage der Kirche und der Wahl des neuen Papstes
betrifft: Welches Gewicht kann das Urteil eines erbärmlichen, ungebildeten und erdhaften Menschen, wie
ich einer bin, haben? Jetzt braucht es Gebet und noch einmal Gebet.
Alle menschliche Wissenschaft und
Klugheit dieser Welt kann die Kirche nicht aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Erschlaffung und Verwirrung
befreien, in der sich alle Glieder der Kirche befinden. Der allmächtige Arm Gottes ist notwendig.
Was
die Bischöfe betrifft: Nur sehr wenige von ihnen besitzen einen echten Eifer für die Seelen. Fast alle
religiösen Gemeinschaften – man könnte das „fast“ streichen – sind lau. Als Folge der allgemeinen Verwirrung
ist die Befolgung der Ordensregeln zusammengebrochen. Der Gehorsam ist ein Relikt der Vergangenheit. Der
Zustand des Weltklerus ist noch schlimmer.
In einem Wort: Wir brauchen eine Reform der Kleriker und Ordensleute,
wenn die gegenwärtige Verdorbenheit unter den Laien geheilt werden soll.
Deshalb müssen wir zu Jesus
Christus beten, daß er uns jemanden als seinen Stellvertreter schicke, der mehr vom Eifer für die Ehre
Gottes beseelt ist, als von der menschlichen Klugheit und persönlichen Neigungen. Er sollte zu keiner
Partei gehören und vom Verlangen nach menschlicher Ehre frei sein. Sollten wir einen Papst bekommen,
der die Ehre Gottes nicht als sein einziges Ziel verfolgt – das wäre zu unserem großen Unglück – ,
wird Christus ihm nicht sonderlich beistehen. Die gegenwärtigen Zustände werden sich dann vom Schlimmen
zum Schlimmeren entwickeln.
Doch das Gebet ist ein Heilmittel für viele Krankheiten. Es wird den Heiland
bewegen, den gegenwärtigen Zustand zu heilen. Deshalb habe ich alle Häuser meiner demütigen Redemptoristen-Kongregation
angewiesen, inbrünstiger als je zuvor für die Wahl des neuen Pontifex zu beten. Auch die Priester meiner
Diözese – Weltpriester und Ordensmänner – habe ich aufgetragen, in jeder Messe das Gebet
pro electione
Pontificis zu rezitieren.
Ich hoffe, der Heiland erleuchtet das Heilige Kardinalskollegium, die päpstlichen
Nuntien weltweit anzuweisen, Sorge zu tragen, daß dieses Gebet von jedem Priester bei jeder Messe gesprochen
wird. Dies ist der erste Ratschlag, den ein erbärmlicher alter Mann wie ich geben kann.
Ich werde es
nicht versäumen, mehrmals pro Tag für die Wahl des neuen Papstes zu beten. Welchen Nutzen werden meine
erkalteten Gebete haben? Trotzdem. Ich vertraue auf die Verdienste Jesu Christi und Unserer lieben Frau,
daß der Heiland mir – vor meinem Tod, der angesichts meines Alters bald bevorsteht – die Tröstung gewähren
wird, die Kirche erneuert zu sehen. [Anm.: Der Heilige wird noch weitere 13 Jahre leben]
Ich versichere
euch, daß es mein größter Wunsch ist, Heilmittel für die gegenwärtige betrübliche Lage der Kirche
zu finden. In meinem Kopf geistern tausend Gedanken herum, die ich allen erzählen möchte. Aber, ich
weiß um meine Unwürdigkeit. Ich besitze nicht die Keckheit, meine Gedanken zu veröffentlichen. Auch
sollte ich mir nicht wünschen, die ganze Welt zu verändern. So teile ich diese Gedanken nur Ihnen mit,
nicht aus Stolz, sondern um meines Seelenfriedens willen.
Da es zur Zeit viele unbesetzte Kardinalsposten
gibt, hoffe ich zuerst, daß der neue Papst unter den vorgeschlagenen Kandidaten nur die Gebildetsten
und um das Wohl der Kirche Bemühtesten auswählen wird. Im ersten Schreiben, das die Wahl des neuen Papstes
mitteilt, soll er den Prinzen der verschiedenen Länder mitteilen, daß sie, sofern sie Kandidaten für
die Kardinalswürde nominieren wollen, nur jene Kandidaten vorschlagen sollen, deren Frömmigkeit gewiß
ist. Andernfalls könnte er sie nicht mit gutem Gewissen ernennen.
Ich wünsche mir, daß der nächste
Papst denen, die bereits über ein ausreichendes Einkommen verfügen, keine weiteren Gunsterweise gewährt.
In dieser Sache würde ich gerne sehen, daß der Heilige Vater allen entgegengesetzen Bemühungen zum
Trotz unverrückbar feststeht.
Weiter wünsche ich mir, daß der neue Papst die Geldverschwendung der
Prälaten im Auge behält. Er sollte exakt vorschreiben, was für die jeweilige Gruppe von Prälaten angemessen
ist: So viele Diener und keinen mehr, so viele Pferde und keines mehr, so viele Reisen und keine mehr,
etc. Das wird sicherstellen, daß die Feinde der Kirche keine Nahrung für ihre Kritik finden.
Der neue
Papst sollte wachsam sein und nur denen Wohltaten erweisen, die der Kirche und nicht sonst jemandem dienen.
Er sollte die Bischöfe mit besonderer Sorgfalt auswählen, denn ihnen ist der Gottesdienst und die Heiligung
der Seelen anvertraut. Er sollte sich selbst mit großer Achtsamkeit im voraus über deren moralischen
Wandel und ihre persönlichen Neigungen informieren. Beide üben einen großen Einfluß auf die Leitung
einer Diözese aus.
Über jene Bischöfe, die bereits im Amt sind, soll sich der Papst im Geheimen –
bei den Metropoliten oder anderen – über deren Lebenswandel informieren. So kann er herausfinden, falls
sie die Sorge um das Wohl ihrer Herde vernachlässigen.
Zudem wünschte ich, daß der Papst jeden einzelnen
Bischof, der seine Pflichten vernachlässigt, sich in der Sorge um seinen Palast verliert und im Luxus
versündigt, für Möbel, Lebensstil und ähnliche Dinge einen unangemessenen Aufwand treibt, von seinem
Amt suspendiert oder durch die Ernennung apostolischer Vikare ersetzt wird. Dadurch kann die Lage zum
Besseren gewendet werden.
Hin und wieder ist es wichtig, ein Exempel zu statuieren. Warnende Beispiele
dieser Art werden andere Bischöfe ermuntern, sich in ihrer Extravaganz zu mäßigen.
Ich hoffe, daß
der nächste Papst mit Privilegien, welche die Disziplin und das geistliche Leben schwächen, sehr sparsam
umgehen wird. Solche Privilegien sind, wenn zum Beispiel kontemplativen Schwestern erlaubt wird, ihre
Klausur aus bloßer Neugier zu verlassen, um sich die Dinge dieser Welt anzuschauen. Die Nonnen leichtfertig
von ihren Gelübden zu dispensieren und ihnen zu erlauben, in die Welt zurückzukehren, ist eine Praxis,
die Anlaß für viele Ärgernisse ist.
Ganz besonders hoffe ich, daß der Papst fähig sein wird, die
Ordensleute zu ihrer ursprünglichen Observanz zurückzuführen – zumindest in den allerwichtigsten Bereichen.
Für den Augenblick ist genug gesagt. Ich wünsche nicht, Sie noch länger zu langweilen. Wir können
nicht mehr tun, als zum Herrn zu beten, daß er uns einen Hirten gebe, der vom Heiligen Geist erfüllt
ist – ein Hirt, der mit den von mir angesprochenen Themen umzugehen weiß und alles zur Ehre Jesu Christi
tut.
Empfangen Sie, Exzellenz, meine tiefste Verehrung, während ich mich als ihr ergebener und demütiger
Diener verneige.
+ Alphonso Maria, Bischof von Sant’Agata de Goti
Alphons Maria von Liguori (1696-1787)
gründete den Orden der Redemptoristen, der sich vor allem um die Volksmission kümmert. 1762 wurde Alphons
im hohen Alter von 66 Jahren zum Bischof von S. Agatha dei Goti bei Neapel ernannt. Dieses Bistum hatte
jemand einen „Sack mit unreinen Viechern“ genannt. In den letzten Lebensjahren war der Heilige so geschwächt,
daß er sich mit einem Strohhalm ernähren mußte und die Messe nur noch sitzend lesen konnte. Er starb
zurückgezogen im Mutterhaus seines Ordens. 1816 wurde Alphons selig-, 1839 heiliggesprochen. 1871 erhob
Papst Pius IX. den „hervorragendsten und mildesten unter den Moraltheologen“ zum Kirchenlehrer. 1950 wurde
er zum Patron der Beichtväter und Sittenlehrer erklärt.