Donnerstag, 14. April 2005 09:25
Wird das nächste Konklave eine Personen- oder eine Themenwahl? Verlautbarungen von Kardinälen deuten auf das zweite. Die Themen? Mitbestimmung, Entkirchlichung, Islam. Anonyme Interviews mit Kardinälen.

(kreuz.net, Rom) John Allen – der Korrespondent der sehr progressistischen US-Wochenzeitung „National
Catholic Reporter“ – blieb auch nach der von den Kardinälen vereinbarten Mediensperre nicht ohne Informationen.
Allen ist für seine hervorragenden Kontakte und detaillierten Kenntnisse der vatikanischen Szene bekannt.
Am vergangenen Wochenende sprach John Allen – Mediensperre hin oder her – nacheinander gleich mit drei
Kardinälen. Es handelt sich um einen europäischen, einen afrikanischen und einen nordamerikanischen
Kirchenfürsten. Die drei baten um Anonymität.
Jeder der drei Kardinäle sprach über den Dauerbrenner
„Kollegialität“. „Kollegialität“ ist das vatikanische Codewort für „Mitbestimmung“ und fordert den
Abbau der päpstlichen Zentralmacht zugunsten der Bischöfe.
„Johannes Paul II. war in seinem Herzen
ein sehr kollegialer Papst“, meinte der europäische Kardinal. Der Papst habe zum Beispiel den verstorbenen
Erzbischof Jan Schotte, Sekretär der Bischofssynode, sogar zum Kardinal ernannt: „.So etwas ist nie zuvor
geschehen.“ Der Papst habe damit die Bedeutung der Bischofssynode hervorheben wollen.
Die Bischofssynode
ist eine vatikanische Einrichtung, die in regelmäßigen Abständen Gruppen von Bischöfen aus aller Welt
zu Beratungen nach Rom ruft.
Das Problem der Bischofssynode bestehe darin, daß sie kaum mehr als ein
Sammelsurium von Meinungen gewesen sei. Zu Konsensen und Entscheidungen sei man dagegen nie gekommen.
Wäre das aber der Fall, könnte die Bischofssynode das Instrument eines „starken Episkopates“ sein, das
einem „starken Papsttum“ die Waage hält, meinte ein Kardinal und deutete damit an, daß sich das Papsttum
in Richtung „parlamentarische Monarchie“ entwickeln sollte.
Warum das unter Papst Johannes Paul II. nicht
geschehen sei? Zum Teil – meinte dieser Kardinal – weil sich der Papst mehr für die Dinge außerhalb
als für innerkirchliche Belange interessiert habe.
Der afrikanische Kardinal sagte etwas ähnliches
und kritisierte gleichzeitig die päpstliche Kurie, die in den letzten Jahren ein bißchen aus den Fugen
geraten sei. Der Kardinal sieht ein doppeltes Heilmittel: Kollegialität/Mitbestimmung und Inkulturation/Pluralismus.
Inkulturation bezeichnet das Anliegen, den Glauben und die Liturgie in kulturell unterschiedlichen Formen
und Denkweisen auszudrücken. Inkulturation ist das vatikanische Codewort für Pluralismus.
Der Afrikaner
kritisierte den nigerianischen Kardinal Francis Arinze. Dieser sei nicht die beste Lösung für die gegenwärtigen
Probleme. Kardinal Arinze sei zu lange in Rom gewesen. Es sei unklar, wie gut er „die gegenwärtige Situation
in Afrika“ kenne.
Der US-Kardinal sorgt sich besonders um die Entkirchlichung Europas. Ihm komme die
Kirche in Mitteleuropa wie ein großes Durcheinander vor: „Kleine Reste ausgenommen – besonders unter
Jugendlichen – scheint mir, daß es uns nicht gelungen ist, die entkirchlichte Kultur zu erreichen.“
Der europäische Kardinal schlägt eine einfache und relativ bequeme Lösung vor: ein neuer heiliger Franziskus
von Assisi, der Europa in wenigen Jahren verändern würde: „Wir brauchen eine transparente, evangeliumsbezogene
Kirche.“ Die Europäer seien dem „reinen Christus ohne Macht und Reichtum“ gegenüber sehr offen, vermutet
der Kardinal.
Die drei Kardinäle waren sich einig, daß die nächste Papstwahl von Themenbereichen wie
Mitbestimmung, Entkirchlichung oder Islam bestimmt sein müßten.
„Ich hoffe es“, meinte der Europäer:
„Aber ich bin mir nicht sicher. Ich hoffe, daß wir uns auf diese Bereiche konzentrieren werden und nicht
auf persönliche Fragen über die Kandidaten.“
„Ich hoffe, mich über diese Dinge unterhalten zu können“ –
meinte der Afrikaner – „aber ich weiß noch nicht, wo und wie.“ Er möchte gerne mit den Lateinamerikanern
sprechen, sorge sich aber etwas um die Sprache. Sorgen bereite ihm, daß sich zuviele Kardinäle kaum
kennen. Er hätte sich gewünscht, daß man den Ort, wo die Kardinäle während des Konklaves wohnen,
schon einige Tage früher hätte beziehen können, um einen „Gemeinschaftssinn“ aufzubauen. Das sei aber
aus praktischen Gründen nicht möglich.
Der Nordamerikaner sagte im wesentlichen das gleiche: „Bisher
hatte ich kaum Gelegenheit zu einer vertiefteren Unterhaltung. Ich hoffe, daß sich in den nächsten Tagen
diesbezüglich etwas entwickeln wird. Wie die meisten anderen, habe ich noch nie ein Konklave erlebt.
Ich weiß nicht genau, wie das alles funktioniert.“
Der afrikanische Kardinal meinte, daß seine Mitwähler
weder ein zu langes noch ein zu kurzes Konklave wünschten. Zu kurz rieche nach einem überstürzten Entscheid.
Zu lang erwecke den Eindruck einer Spaltung unter den Kardinälen. Man könnte dann meinen, daß die Wahl
von einer Splittergruppe und nicht vom Konsens aller entschieden worden sei.
Das bedeute, daß das Konklave
drei bis vier, vielleicht fünf Tage dauern werde, orakelte der Kardinal.
Der neue Papst? Man nehme die
drei Themen, gehe die Liste der Kardinäle durch und…