Sexualität
Treulos, peinlich und beschämend
Der sinnliche Eros ist seinem Wesen nach treulos. Denn die Kraft des Begehrens schwindet mit der Erfüllung. Von Edgar Julius Jung († 1934).
Edgar Julius Jung
Edgar Julius Jung
© Gemeinfrei
(kreuz.net) Der Berliner Kaplan Helmut Fahsel († 1983) unterscheidet zwei Arten des Eros: den bedürftigen als Liebe zu etwas, woran er Mangel leidet, als Streben nach Vollkommenheit.

Der Drang, von seiner erlangten Vollkommenheit wieder anderen mitzuteilen, führt sodann zum zeugenden Eros.

Diese Zweiteilung des Eros erfährt eine gleichlaufende Dreiteilung in den

• erkenntnislosen Eros, der in der unbelebten Natur, einschließlich der Pflanzenwelt, waltet,

• den sinnlichen Eros, der schon im Tiere lebt, und

• den geistigen Eros, der das Kennzeichen des Menschen ist.

Der Eros umfaßt demnach drei Gestalten, die wieder jede dem bedürftigen und dem zeugenden Eros angehören können.

Der sinnliche Eros ist seinem Wesen nach treulos. Denn die Kraft des Begehrens schwindet mit der Erfüllung.

Auf der anderen Seite wird durch den Genuß der Gegenstand der Liebe verändert oder zerstört, woraus die Hinneigung zu anderen Körpern folgt.

Diesen Drang nach Veränderung empfindet nur der Mensch als peinlich und beschämend, weil er die Forderung des geistigen Eros in sich fühlt: Dessen Charakter ist Treue und Beständigkeit.

Er wird nicht in der reinen Geschlechtsliebe erfüllt, sondern im geistigen Bande der Freundschaft.

In der Ehe ist das harmonische Verhältnis zwischen den verschiedenen Gestalten des Eros hergestellt:

„Der erkenntnislose bedürftige Eros in der verschiedenen Geschlechtsanlage veranlaßt das leichte Entstehen des sinnlich bedürftigen Eros zwischen Mann und Weib.“

„Der sinnlich bedürftige Eros bewirkt in der männlichen und weiblichen Psyche durch Einfluß der körperlichen Einigungskraft eine gewisse Gleichheit des Geistes, die zum Entstehen des geistig bedürftigen Eros disponiert.

Aus diesem Grunde veranlaßt der sinnlich bedürftige Eros das leichte Entstehen der Freundschaft zwischen Mann und Weib. So regt also im Menschen der niedere Eros den höheren an.“

„Umgekehrt wieder versucht der geistige Eros seine Eigenheit des Einen und Dauernden dem sinnlichen Eros aufzuprägen. Dies führt zum Eingehen der monogamen Ehe, verbunden mit dem Treueversprechen des dauernden Zusammenlebens.

Der sinnliche Eros vollzieht dann in seiner innigsten Vereinigung die eigentliche Ehe, indem er den zeugenden Eros zwischen den Geschlechtern ins Leben ruft.

So beeinflußt im Menschen der höhere Eros den niederen und der bedürftige Eros in seinem Abschlusse den zeugenden.“

Der sinnlich zeugende Eros führt zur Empfängnis. Der geistig zeugende bringt das Streben mit sich, die Kinder durch Erziehung geistig zu vervollkommnen und durch das Band der Liebe auf Lebenszeit mit den Eltern geistig zu vereinen.

So ist die Familie die Krönung erotischer Ganzheit.

Aus „Die Herrschaft der Minderwertigen, ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich“ (1930), dem Hauptwerk des konservativen deutschen Juristen, Politikers und Publizisten Edgar Julius Jungs († 1934).