Freitag, 29. April 2005 13:04
Wen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?
In Europa stehen sich zwei Gegner gegenüber: das Christentum und die Kultur der Aufklärung. Was sind die Wurzeln dieses Gegensatzes? Aus dem letzten Vortrag von Kardinal Joseph Ratzinger, gehalten am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul II.
Benedikt XVI. predigt in der Messe am Morgen nach seiner Wahl zum Papst
Benedikt XVI. predigt in der Messe am Morgen nach seiner Wahl zum Papst
(kreuz.net) Werfen wir einen genaueren Blick auf den Gegensatz der zwei Kulturen – Christentum und Aufklärung –, die beide Europa geprägt haben.

Die Aufklärung ist eine Geistesströmung aus dem 18. Jahrhundert. Sie zelebriert die Freiheit des Individuums und mißtraut Autoritäten, Religionen und Traditionen. Die Wahrheit sucht sie alleine durch Verstand, Beobachtung und Experimente. Der aufklärerische Wahrheits- und Freiheitsbegriff ist oft reduktiv, intellektualistisch und richtungslos. Die erste gesellschaftliche Auswirkung der Aufklärung waren die Wirren der Französischen Revolution.

In der Debatte um die Präambel der europäischen Verfassung, wurde dieser Gegensatz in zwei kontroversen Punkten sichtbar: in der Frage des Gottesbezuges und in der Frage der Erwähnung der christlichen Wurzeln Europas.

Man sagt, daß die Christen angesichts der Tatsache, daß Artikel 52 der EU-Verfassung die institutionalen Rechte der Kirchen schütze, beruhigt sein können. Doch das bedeutet, daß die Christen ihren Platz im Leben Europas im Rahmen des politischen Kompromisses finden, während die europäischen Fundamente von christlichen Inhalten unberührt bleiben.

Die Begründung, die in der öffentlichen Debatte für dieses „Nein“ gegeben wird, ist oberflächlich. Es ist klar, daß sie – statt die wahren Gründe bekanntzugeben – diese eher verdeckt.

Die Behauptung nämlich, daß die Erwähnung der christlichen Wurzeln Europas die Gefühle vieler Nicht-Christen, die in Europa leben, beleidige, ist wenig überzeugend, weil es sich dabei in erster Linie um eine historische Tatsache handelt, die niemand im Ernst leugnen kann.

Natürlich enthält eine solche historische Anspielung auch einen Bezug zur Gegenwart, da man durch die Erwähnung der Wurzeln auch die verbleibenden Quellen der moralischen Orientierung, also, einen Identitätsfaktor des Gebildes, das sich Europa nennt, bezeichnet. Wer würde damit beleidigt? Wessen Identität würde dadurch bedroht?

Die Moslems, die hier häufig und gerne ins Spiel gebracht werden, fühlen sich nicht von unseren christlichen Fundamenten der Moral bedroht, sondern vom Zynismus einer säkularisierten Kultur, die ihre eigenen Fundamente leugnet.

Auch unsere jüdischen Mitbürger werden vom Bezug auf die christlichen Wurzeln Europas nicht beleidigt, insofern diese Wurzeln bis auf den Berg Sinai zurückgehen. Sie sind von der Stimme geprägt, die sich auf dem Gottesberg hören ließ, und sie verbinden uns in den großen grundlegenden Orientierungen, welche die Zehn Gebote der Menschheit gegeben haben.

Das gleiche gilt für den Gottesbezug: Nicht die Erwähnung Gottes beleidigt die Mitglieder der anderen Religionen, sondern eher der Versuch, eine menschliche Gemeinschaft ohne Gott aufzurichten.

Die Gründe für das genannte zweifache „Nein“ sind tiefer, als die vorgebrachten Erklärungen vermuten lassen.

Das doppelte Nein setzt die Meinung voraus, daß nur eine radikal aufklärerische Kultur, die in unserer Zeit zur vollen Blüte gelangt ist, für die europäische Identität konstitutiv sein kann.

Neben ihr können verschiedene religiöse Kulturen mit ihren entsprechenden Rechten existieren, unter der Bedingung und im Maß aber, in dem sie die Kriterien der aufklärerischen Kultur respektieren und sich ihnen unterwerfen.

Die Kultur der Aufklärung definiert sich im wesentlichen durch die Rechte der Freiheit. Für diese Kultur ist die Freiheit der fundamentale Wert, der alles andere mißt: die Freiheit der Religionswahl, welche die religiöse Neutralität des Staates mitbeinhaltet; die Freiheit, die eigene Meinung zu sagen, sofern sie dieses Regelwerk nicht in Zweifel zieht; die demokratische Ordnung des Staates, das heißt, die parlamentarische Kontrolle der Staatsorgane; die freie Formung der Parteien; die Unabhängigkeit der Rechtssprechung; und zum Schluß der Schutz der Menschenrechte und das Verbot von Diskriminierungen.

Im letzten Punkt ist das Regelwerk noch immer im Entstehen begriffen, weil es sich widersprechende Menschenrechte gibt, wie zum Beispiel im Fall des Gegensatzes des Freiheitswillens der Frau und des Lebensrechtes des ungeborenen Kindes.

Das Konzept der Diskriminierung wird immer mehr ausgeweitet. Deshalb kann sich das Verbot der Diskriminierung immer mehr in eine Beschränkung der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit verwandeln.

Schon bald wird man nicht mehr – wie es die katholische Kirche tut – lehren können, daß die Homosexualität eine objektive Unordnung in der Struktur der menschlichen Existenz ist. Und die Tatsache, daß die Kirche überzeugt ist, nicht das Recht zu besitzen, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen, wird von einigen als mit der europäischen Verfassung unvereinbar betrachtet.

Es ist klar, daß das Regelwerk der Kultur der Aufklärung – das noch alles andere als definitiv ist – wichtige Werte enthält, auf die wir als Christen nicht verzichten können oder wollen.

Aber es ist ebenso offensichtlich, daß der schlecht oder gar nicht definierte Begriff der Freiheit, der dieser Kultur zugrunde liegt, zu unvermeidlichen Widersprüchen führt. Und es ist offensichtlich, daß er aufgrund seiner radikalen Anwendung zu Einschränkungen der Freiheit führen wird, die wir uns noch vor einer Generation nicht hätten vorstellen können.

Eine konfuse Ideologie der Freiheit führt zu einem Dogmatismus, der sich der Freiheit gegenüber immer feindlicher verhält.

Aus der Rede, die Kardinal Ratzinger am Vorabend des Todes von Johannes Paul II. in Subiaco anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ gehalten hat

Große Worte und Werte

Der Titanenkampf um Europa

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Zweimal: nein!

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Warum Benedikt?
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