Mittwoch, 4. Mai 2005 15:01
In seinem letzten Vortrag als Kardinal äußerte sich der neue Papst über die Kultur der Aufklärung, die Wurzeln Europas und einige sich daraus ergebende interessante Folgerungen. Von Benedikt XVI.

(kreuz.net) Es gehört zum Wesen der Kultur der Aufklärung, mit einem universalen Anspruch aufzutreten.
Diese Kultur betrachtet sich nämlich als Kultur einer Vernunft, die endlich das vollkommene Selbstbewußtsein
erreicht hat, in sich vollendet ist und darum keiner Ergänzung durch andere kulturelle Faktoren bedarf.
Diese Ansprüche werden offenbar, wenn sich die Frage stellt, wer Mitglied der europäischen Gemeinschaft
werden kann, besonders in der Debatte um den Eintritt der Türkei in die EU.
Bei der Türkei handelt
es sich um einen Staat – oder vielleicht besser: um einen Kulturraum – der keine christlichen Wurzeln
besitzt, sondern von der islamischen Kultur geprägt ist.
Später hat Atatürk versucht, die Türkei
in einen weltlichen Staat umzuformen, indem er den Laizismus, der in der christlichen Welt Europas gereift
war, auf moslemischem Boden einpflanzte.
Man kann die Frage stellen, ob das möglich ist. Die Thesen
der aufklärerischen und laizistischen Kultur Europas gehen davon aus, daß nur die Normen und Inhalte
der Kultur der Aufklärung in der Lage sind, die Identität Europas zu bestimmen.
In der Folge kann jeder
Staat, der sich diese Kriterien zueigen macht, zu Europa gehören. Letztendlich spielt es also keine Rolle,
welchem Wurzelwerk die Kultur der Freiheit und Demokratie aufgepflanzt wird.
Aus genau diesem Grund erklärt
man, daß die Wurzeln nicht in die Definition der Fundamente Europas einbezogen werden können, weil es
sich um tote Wurzeln handle, die nicht Teil der gegenwärtigen Identität seien.
Die neue Identität,
die einzig durch die Kultur der Aufklärung bestimmt ist, führt folglich dazu, daß auch Gott im öffentlichen
Leben und in den Grundlagen des Staates keine Rolle mehr spielt.
Auf diese Weise wird alles logisch und
irgendwie auch plausibel.
Was können wir uns Schöneres wünschen, als daß Demokratie und Menschenrechte
überall respektiert werden?
Doch es stellt sich dennoch die Frage, ob es sich bei der laizistischen
Kultur der Aufklärung wirklich um jene endlich entdeckte Kultur einer Vernunft handelt, die allen Menschen
gemeinsam ist, eine Kultur, die – wenn auch auf historisch und kulturell unterschiedlichem Boden – überall
Zugang haben sollte.
Man kann sich auch fragen, ob diese Kultur wirklich so in sich selbst vollendet
ist, daß sie keiner Wurzeln außerhalb von sich selber bedürfte.
Aus dem Vortrag von Joseph Kardinal
Ratzinger anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens
und der Familie in Europa“ in Subiaco bei Rom am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul II.Große
Worte und WerteDer Titanenkampf um EuropaWen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?Gehört
die Türkei in die Europäische Union?Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?Zweimal: nein!
Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?Warum Benedikt?