Dienstag, 26. Oktober 2004 10:45
„Mein ist die Rache, spricht Gott“ – und Don Camillo auch. Geben ist seliger als nehmen und empfangen, es sei denn, man empfängt das heilige Sakrament der Beichte.

(kreuz.net) Don Camillo war ein Mensch von jener Sorte, die Haare auf den Zähnen hat. So passierte einmal
in der Gegend eine schmutzige Sache, das heißt, es ging um das Gebot der Fleischeslust. Alte Gutsbesitzer
und junge Mägde waren darin verwickelt. Während der Messe hatte Don Camillo gerade eine im allgemeinen
Ton gehaltene und völlig harmlose Predigt begonnen. Plötzlich erblickte er ausgerechnet in der ersten
Reihe einen der Unkeuschen.
Da brannten ihm die Pferde durch. Er unterbrach seine nette kleine Ansprache,
warf dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus, der über dem Hauptaltar hing, ein Tuch über den Kopf, damit
ihm verborgen bliebe, was sich sogleich abspielen sollte. Dann stemmte Don Camillo die beiden Fäuste
in die Hüften und beendete die fromme Predigt auf seine Weise. Er posaunte mit donnernder Stimme so grobe
Dinge ins Gotteshaus hinaus, daß die Kirchendecke ächzte und krächzte. Das war der erste Schlag.
Dann
kam die Zeit des Wahlkampfes. Natürlich verkündigte Don Camillo mehr als einmal von der Kanzel sein
politisches Urteil über die lokalen Vertreter der Linken. Das blieb nicht ohne Folgen. Eines schönen
Abends, im Zwielicht zwischen Tag und Nacht, kehrte Don Camillo mit dem Fahrrad zum Pfarrhof zurück.
Da stürzte ein Schatten, verhüllt durch einen dunklen Mantel, hinter dem Zaun hervor. Er hatte dort
offensichtlich auf den Priester gelauert und griff diesen nun von hinten an. Er nützte den Umstand, daß
Don Camillo durch das Fahrrad behindert war, an dessen Lenkstange ein Korb mit siebzig frischen Eiern
hing. Don Camillo erhielt eine gehörige Tracht Prügel, und der Schatten verschwand sogleich, als ob
ihn die Erde verschlungen hätte.
Don Camillo schwieg eisern über diesen Vorfall. Im Pfarrhaus angelangt
brachte er die Eier in Sicherheit, ging in die Kirche und beriet sich mit dem gekreuzigten Christus, so
wie er es in Augenblicken des Zweifelns immer zu tun pflegte.
– „Was soll ich tun?“ fragte Don Camillo.
– „Schmiere dir den Rücken mit Öl ein und sei still“, antwortete ihm der Gekreuzigte vom Hochaltar.
„Wir müßen vergeben, wenn man uns beleidigt. Das ist die christliche Regel.“
– „Gut“, warf Don Camillo
ein. „Hier handelt es sich aber um Prügel, nicht um Beleidigung.“
– „Was willst du damit sagen?“ erwiderte
Christus leise. „Sind vielleicht die dem Körper zugefügten Beleidigungen schmerzhafter als jene, die
der Geist erleidet?“
– „Ich habe verstanden, Herr. Du mußt aber in Betracht ziehen, daß die Prügel,
die Deinen Diener treffen, in Wahrheit Dich meinen. Mir geht es mehr um Dich als um mich.“
– „Bin ich
etwa nicht viel mehr ein Diener Gottes gewesen als du? Und habe ich nicht jenen verziehen, die mich gekreuzigt
haben?“
– „Mit dir kann man nicht reden“, schloß Don Camillo. „Du hast immer recht. Dein Wille geschehe.
Wir werden verzeihen. Erinnere Dich aber, daß es Deine Verantwortung sein wird, wenn diese Gauner durch
mein Schweigen ermutigt werden und mir eines schönen Tages meinen dummen Kürbiskopf einschlagen. Ich
könnte Dir Stellen aus dem Alten Testament anführen…“
„Don Camillo, mir kommst du mit dem Alten Testament?
Ich werde die volle Verantwortung übernehmen. Aber unter uns gesagt, eine gute Tracht Prügel wird Dir
nicht schaden und Dir beibringen, in meinem Hause keine Politik zu treiben.“
Don Camillo hatte also verziehen.
Eines aber blieb ihm im Halse stecken wie eine Fischgräte: die Neugierde zu wissen, wer es nur gewesen
sein könnte, der ihn an jenem Abend überfallen hatte.
Die Zeit verging. Eines Abends saß Don Camillo
noch zu später Stunde im Beichtstuhl. Da erkannte er durch das Gitter das Gesicht des Häuptlings der
extremen Linken: Peppone im Beichtstuhl! Dem frommen Gottesmann fiel der Kinnladen herunter. Dann aber
strahlte er:
– „Der Herr sei in Deinem Herzen und auf Deinen Lippen, lieber Bruder, mehr als mit irgend
jemandem anderen, weil du mehr als sonst jemand seinen Segen notwendig hast. Es muß schon lange her sein,
daß du das letzte Mal gebeichtet hast.“
– „Es war 1918“, antwortete Peppone.
– „Wieviele Sünden magst
Du in diesen dreißig Jahren mit all den heidnischen Gedanken in Deinem Kopf begangen haben!“
– „Na ja,
es sind schon so einige“, seufzte Peppone.
– „Zum Beispiel?“
– „Zum Beispiel: Vor zwei Monaten habe
ich Sie geprügelt.“
– „Ernste Sache“, antwortete Don Camillo. „Indem du einen Diener Gottes beleidigt
hast, hast du den allmächtigen Gott selber beleidigt.“
– „Ich habe es bereut“, rief Peppone. „Außerdem
habe ich Sie nicht als einen Diener Gottes, sondern als einen politischen Gegner geprügelt. Es war ein
Moment der Schwäche.“
– „Hast Du außer dieser Sünde und der Zugehörigkeit zu deiner teuflischen Partei
noch andere schwere Sünden zu beichten?“
Peppone schüttete den Sack aus. Alles in allem war es nicht
viel. Zur Buße für die Sünden fertigte Don Camillo ihn mit zwanzig Vaterunsern und Ave-Marias ab. Als
Peppone an der Kommunionbank kniete, um seine Buße abzubeten, fiel Don Camillo ebenfalls vor dem Kruzifix
auf die Knie.
– „Jesus“, sagte er, „verzeihe mir, aber ich haue ihm eine herunter.“
– „Denke nicht einmal
daran“, antwortete Jesus. „Ich habe ihm vergeben. Du mußt ihm auch vergeben. Im Grunde genommen ist er
ein braver Mensch.“
– „Jesus, traue diesen Roten nicht. Sie sind furchtbar heimtückisch. Schau ihn Dir
gut an: Hat er nicht eine Ganovenfresse?“
– „Ein Gesicht wie alle anderen. Don Camillo, in dein Herz
hat sich Gift eingeschlichen.“
– „Jesus, ich habe Dir immer gut und mit Hingabe gedient. Verwehr mir
diese eine Gnade nicht und laß es wenigstens zu, daß ihm dieser Leuchter dort auf den Nacken fällt.
Was ist schon so ein Leuchter, mein Jesus?“
– „Nein“, antwortete Jesus. „Deine Hände sind zum Segnen,
nicht zum Schlagen da.“
Don Camillo seufzte, verbeugte sich und verließ den Altar. Dann wandte er sich
noch einmal zum Tabernakel, um sich zu bekreuzigen. Er befand sich hinter Peppones Rücken, der kniend
ganz im Gebet versunken war.
– „In Ordnung“, flüsterte Don Camillo, indem er die Hände faltete und
zu Jesus hinaufschaute. „Die Hände sind zum Segnen da, nicht aber die Füße.“
– „Auch das ist wahr“,
sagte Jesus vom Hochaltar, „aber ich bitte dich, Don Camillo: nur einen.“
Der Fußtritt traf wie ein
Blitz. Peppone steckte ihn ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann stand er auf und seufzte erleichtert:
– „Zehn Minuten warte ich schon darauf, jetzt fühle ich mich viel besser.“
– „Ich auch“, rief Don Camillo,
und sein Herz war jetzt leicht und rein wie der heitere Himmel.
Jesus sagte nichts. Man sah Ihm aber
an, daß auch er zufrieden war.