Montag, 27. Juni 2005 18:00
Mein Name ist Bao. Ich bin Priester in Nordchina. Ich bin seit elf Jahren getauft. Vor einigen Jahren trat ich ins Priesterseminar ein. Zuvor war ich ein ungläubiger kommunistischer Aktivist. Doch dann explodierte das Rad.

(kreuz.net) In meiner Familie war nur meine protestantische Großmutter christlich. Als ich ein kleines
Kind war, hörte ich sie einmal von Christus reden. Er sei der Sohn Gottes, erklärte sie.
Ich interessierte
mich nicht für Religion. Die chinesischen Lehranstalten erziehen zum Atheismus. Ich war voller gottloser
Theorien. Den Glauben hielt ich für kindisch und ein bißchen verrückt.
Als Universitätsstudent trat
ich den Kommunisten bei. In China wird man nur selten aus Überzeugung Parteimitglied. Die meisten erwarten
sich bessere Aufstiegschancen.
Nach einiger Zeit wurde ich krank. Alpträume quälten mich. Einmal träumte
ich von einem Paket. Ich öffnete es und sah ein Buch. Es war eine Bibel. Sie leuchtete. Dann erwachte
ich.
Ich erinnerte mich an meine Großmutter. Sie hatte mir über die Heilige Schrift erzählt. Ich erinnerte
mich, daß sie mir sagte: „Jesus ist allmächtig.“
So dachte ich mir: Wenn Jesus allmächtig ist, dann
kann er mich heilen. Ich suchte eine Kirche und fand einen protestantischen Tempel. Einem Kommunisten
ist es verboten, religiös zu sein. Deshalb schaute ich mir die Protestanten heimlich an.
Nach meinem
Studienabschluß fand ich als Kommunist eine sehr gute Stelle in einer großen Stadt. Vor Arbeitsantritt
fuhr ich einen Monat zu meiner Familie.
Gegen Ende meines Ferienmonats gab mir ein Freund zehn Audio-Kassetten.
Später erfuhr ich, daß er katholisch war. Die Tonbänder enthielten Predigten eines chinesischen Priesters.
Nachdem ich die Texte gehört hatte, tobte in meinem Herzen ein Sturm.
Ich bekam Zweifel an meinen Zweifeln:
Vielleicht existiert Gott wirklich und die katholische Religion ist die wahre? Zugleich erinnerte ich
mich an die alten kommunistischen Theorien. Die Not war groß. Als Katholik würde ich meine Stelle verlieren.
Ich war ratlos.
Es war der letzte Tag vor dem Antritt meiner neuen Arbeit. Das Busticket war schon gekauft.
Zum ersten Mal in meinem Leben betete ich zur Muttergottes: „Heilige Maria“ – flehte ich zu ihr – „wenn
du existiert, der katholische Glaube wahr ist und du willst, daß ich katholisch werde, dann gibt mir
morgen während der Reise ein Zeichen, vielleicht, daß ich einen Unfall überlebe. Dann werde ich glauben.“
Heute denke ich, daß dieses Gebet ziemlich dumm war. Doch damals war es das einzige Gebet, das mir einfiel.
Am nächsten Tag geschah der erflehte Unfall. Der vordere rechte Reifen des Busses platzte. Wir fuhren
mit hoher Geschwindigkeit. Der Bus kam von der Straße ab und kippte. Alle überlebten. Der Unfall schockierte
mich, aber an das erbetene Zeichen dachte ich kaum.
Nach einigen Stunden Wartezeit fuhren wir in einem
Ersatzfahrzeug weiter.
Als wir den Bahnhof erreichten, wo meine Reise weitergehen sollte, war es schon
sehr spät. Die Fahrkarten für meinen Zug waren ausverkauft. Der nächste Zug in meine Richtung mit freien
Plätzen sollte erst in drei Tagen fahren.
Würde ich meine Stelle nicht rechtzeitig antreten können?
Ich betete erneut zur Muttergottes: „Wenn du mir hilfst, ein Zugticket zu bekommen, werde ich dir folgen.“
Plötzlich kam ein Mann: „Dieses Billet ist für die Stadt XXX. Es ist für heute. Wer will es kaufen?“
Es war mein Reiseziel. Ich erstand die Fahrkarte auf der Stelle.
Das war nur ein kleines Zeichen, doch
für mich war es der erste Schritt meiner Bekehrung.
Am neuen Ort suchte ich eine katholische Kirche.
Ich ging dort heimlich zur Messe. Langsam verstand ich mehr vom katholischen Glauben. Schließlich bat
ich um die Taufe.
Doch es gab eine Hürde: meine Mitgliedschaft bei den Kommunisten.
Gleichzeitig Katholik
und Kommunist zu sein, ist unmöglich. Der Priester, der mich unterrichtete, erklärte mir, daß ich die
Kommunisten verlassen müsse.
Ich hatte Angst vor den Konsequenzen. Vielleicht würde ich meinen Beruf
verlieren oder gar verfolgt werden. Die Kommunisten kontrollieren in China alles. Mit dem Austritt aus
der Partei wird man zu einem Fremden im eigenen Land.
Da hatte ich eine Idee. Jeder Kommunist muß monatlich
eine gewisse Geldsumme abliefern. Wenn jemand sechs Monate nicht bezahlt hat, wird er bestraft oder gar
aus der Partei ausgeschlossen. Ich wollte auf diesem Weg aussteigen.
Sechs Monate lang bezahlte ich den
Mitgliederbeitrag nicht. Doch nichts geschah. Denn ohne mich zu informieren, bezahlte mein Vorgesetzter
für mich. Ich weiß nicht, warum er so handelte.
Es blieb mir keine andere Wahl, als offiziell auszutreten.
Ich schrieb einen Brief. Doch mir fehlte der Mut, ihn abzugeben.
Erst nach langem Zögern ging ich zum
Parteifunktionär und überreichte ihm den Brief. Der Kommunist war sprachlos. Einen Parteiaustritt hatte
er in seinem Leben noch nie erlebt.
So konnte ich getauft werden. Danach erfüllte mich ein tiefer Frieden.
Jetzt ging ich jeden Sonntag im Untergrund zur Messe. Einmal fragte mich eine Ordensschwester: Warum
folgen Sie Jesus nicht ganz und werden Priester?
Das sei unmöglich, erklärte ich ihr. Ich fühlte mich
nach der Tradition verpflichtet, für meine Eltern im Alter zu sorgen. Würde ich in ein Seminar eintreten,
wären sie meine ersten Feinde.
Sechs Monate später betete ich bei mir zuhause. Ich hörte eine Stimme:
„Folge mir.“ Es war niemand im Raum. In meinem Herzen wußte ich, daß Christus mich rief. Ich fürchtete
mich sehr.
Ein Priester der Untergrundkirche muß
alles verlassen: die Familie, die Arbeit, die Sicherheit.
Er muß sein Kreuz umarmen. Ihm drohen Leid und Gefängnis. Ich sagte: ‘Nein’.
Jetzt war mein Herzensfriede
dahin. Ich wurde rastlos und verlor meine Freude. Ich konnte dem Ruf des Herrn nicht widerstehen. So betete
ich um eine andere Arbeitsstelle, um ins Seminar eintreten zu können. Zwei Jahre arbeitete ich, um eine
Rente für meine Eltern anzulegen.
Es folgten fünf Jahre im Untergrundseminar. Das Leben war schwierig
und gefährlich. Wir wohnten in einem Landhaus. Es gehörte einer gläubigen Familie. Wenn wir erfuhren,
daß die Polizei uns aufgespürt hatte, mußten wir fliehen. In fünf Jahren wechselten wir dreimal den
Ort.
Wir Seminaristen machten alles selber: Putzen, Kochen, Waschen. Wir lebten sehr armselig: wenig
Nahrung, kaum Gemüse, fast nie Fleisch, überfüllte Räume. Aber in meinem Herzen war Friede und Freude.
Nach fünf Studienjahren kam der Tag meiner Priesterweihe. Damals gab es in meiner Diözese große Schwierigkeiten.
Es drohte eine Inhaftierung. Deshalb begann unsere Weihemesse um 4.00 Uhr morgens. Zu dieser Zeit schlafen
alle. Auch die Polizei.
Unser Leben als Katholiken ist schwierig. Doch der Glaube stärkt uns jeden Tag –
auch das Beispiel der eingekerkerten Priester. In meiner Heimatstadt gab es 1983 drei katholische Familien.
Jetzt – zwanzig Jahre später – sind es mehr als 4000. Das Blut der Märtyrer ist der Samen für neue
Christen.
Der Bericht wurde von der katholischen Nachrichtenagentur ‘AsiaNews’ veröffentlicht. Namen
und geographische Angaben wurden von ‘AsiaNews’ aus Sicherheitsgründen geändert.