18:00:02 | Montag, 1. August 2005
Judentum
Obersturmbannführer Benediktus?
Das
israelische Außenministerium benützte letzte Woche die Terroropfer eines Terroranschlages in Netanya, um den Papst und das Andenken von Johannes Paul II. anzugreifen. Wie hat die oft von Vorurteilen gegen die Kirche geplagte deutsche – und israelische – Presse reagiert?
Süddeutsche Zeitung – München
Man hatte über den beeindruckenden Versöhnungsgesten Papst Johannes
Pauls II. vergessen, wie brüchig das Verhältnis zwischen dem Vatikan und Israel in Wirklichkeit ist.
Alle Päpste von Pius XII. bis Johannes Paul II. verstanden sich als Unterstützer der christlichen Palästinenser,
lange vertrat der Vatikan die Forderung, Jerusalem müsse als heiliger Ort eine Stadt mit besonderem Status
bleiben.
Israel wiederum warf dem Vatikan vor, die PLO aufzuwerten, die Intifada zu unterstützen, kurz:
auf der anderen Seite zu stehen.
Nun gibt es einen neuen Papst, und nun will die Regierung in Tel Aviv
es wissen: Wo stehst du, Benedikt? Bei uns? Dann bete für uns! Das sollte er auch tun. Weil Selbstmordattentate
in London so scheußlich sind wie in Haifa. Und wenn Israels Vergeltung das internationale Recht bricht?
Dann sollte er auch für diese Opfer beten.
Der Tagesspiegel – Berlin
Der Heilige Stuhl läßt sich
von niemandem vorschreiben, was und wie er etwas sagen soll.’ So hart und unverblümt hat der Vatikan
lange nicht mehr gesprochen – und das gegenüber einem Partner, um den sich Johannes Paul II. über zweieinhalb
Jahrzehnte mit Geduld, Milde, Vorsicht und Bußgesinnung bemüht hatte.
Doch jetzt hat die Regierung
in Israel einen anderen Ton angeschlagen, und der Vatikan sieht sich frontal angegriffen. Papst-Sprecher
Joaquin Navarro Valls startete seinerseits einen Frontalangriff, die Anschuldigungen Israels seien ‘nur
ein Vorwand’.
Hamburger Abendblatt
Der Konflikt zwischen Israel und dem Vatikan hatte sich zunächst
lediglich an dem Nichterwähnen Israels im Papstgebet am vergangenen Sonntag entzündet. Darauf hatte
Navarro-Valls zunächst mit dem Hinweis reagiert, Papst Joseph Ratzinger habe sich ausdrücklich auf Gewaltakte
der vergangenen Tage beschränkt.
Über die wahren Hintergründe des Streits wird gerätselt.
Aus dem
vatikanischen Umfeld gibt es Äußerungen, Israel wolle mit dem Streit um die Terror-Debatte von den stockenden
Verhandlungen um den juristischen Status der katholischen Kirche im Heiligen Land ablenken.
Da sich der
Streit allerdings sehr schnell und massiv hochgeschaukelt hat, gerät nun auch der Allgemeinzustand der
israelisch-vatikanischen Beziehungen ins Blickfeld.
Frankfurter Rundschau
Der feine Theologe Joseph
Ratzinger mag zwar in der rauen Politik vielleicht noch nicht erfahren sein. Aber seine etablierte Diplomatie
wird sich doch nicht von einer plumpen Attacke überrumpeln lassen.
Es wird gewiß dabei bleiben, daß
die katholische Kirche gute Beziehungen zur jüdischen Welt sucht, aber daß der Heilige Stuhl auch seine
eigenen, handfesten Interessen unbeirrt weiter verfolgt.
Ratzinger-Vorgänger Wojtyla sprach überzeugt
von den Juden als ‘unseren älteren Brüdern’, ließ sich aber nicht davon abhalten, mit Yasser Arafat
quasi eine Anerkennung des Palästinenserstaates zu vereinbaren.
Der neue Papst hat mehrfach deutlich
gemacht, die Politik seines Vorgängers fortsetzen zu wollen. Daß er bald die Synagoge in Köln besuchen
will, ist ein guter Anfang.“
die tageszeitung – Berlin
Die ungewöhnlich scharfe Reaktion auf die israelische
Kritik ist Wasser auf die Mühlen derer, die schon zu Beginn der Amtszeit von Benedikt XVI. Zweifel hinsichtlich
seiner Herkunft, vor allem mit Blick auf sein Verhalten während der NS-Diktatur, laut werden ließen.
Vom ‘Obersturmbannführer Benediktus’ sprach die populäre Radiomoderatorin Irit Linur und ging damit
noch über die damaligen Schlagzeilen der britischen Boulevardpresse vom ‘Hitlerjungen’ Ratzinger hinaus.
Spiegel
Die Begeisterung für den deutschen Segen schwindet. Denn Benedikt XVI. ist kein konservativer
Papst, er ist ein Reaktionär, der seine Kirche in eine geistige Zitadelle führt, anstatt sie selbstbewußt
ins offene Feld zu schicken.
Die von jüdischer und israelischer Seite geäußerte Kritik hat der Vatikan
kalt abgefertigt. Daß er Terrorismus gegen Israel nicht Terrorismus nennen will, ist ein Beleg dafür,
daß Benedikt XVI. nicht in der Tradition von Johannes Paul II. sondern eher in der geistigen Nachfolge
von Pius XII. steht.
Auch der hat immer streng nach Vorschrift gehandelt und Dogmen für wichtiger gehalten
als das wahre Leben und die politische Wirklichkeit.
Braunschweiger Zeitung
Der Papst hat unter dem
Eindruck des Bombenterrors von London und Sharm el-Sheikh gesprochen. Es ist dreist, ihm die unmittelbare
Betroffenheit als Einseitigkeit anzukreiden. Insofern ist die für Vatikan-Verhältnisse deutliche Antwort
verständlich.