Montag, 15. August 2005 17:39
„Als Johannes Paul II. tot war, war ich am Boden zerstört“
Der Erzbischof von Köln stellte sich einem umfangreichen Spiegel-Interview. Der Kirchenfürst sprach über Gott und die Welt – sogar über die Angst vor dem Tod.
(kreuz.net) Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, unterhielt sich kürzlich mit der Online-Ausgabe des für seine kirchenfeindliche Berichterstattung bekannten Hamburger Boulevard-Magazins ‘Spiegel’.

Beim Weltjugendtag befürchte er keinen Terroranschlag, erklärte der Kardinal dem Magazin: „Gott wird uns vor einer Katastrophe schützen.“

Er bete jeden Abend für die Terroristen. Der Segen Gottes könne aus Terroristen Heilige machen.

Der Kardinal bejaht die Frage, daß der neue Papst bei der Jugend genauso gut ankommen werde wie Johannes Paul II.

Auch Papst Benedikt XVI. wisse sehr gut um die Bedeutung der Jugendlichen. Der Erzbischof verwies dabei auf eine Generalaudienz, bei der Papst Benedikt XVI. erklärte:

„Wenn man der Jugend weniger gibt als Gott, gibt man ihr zu wenig.“

Wenn man den jungen Menschen Gott vorenthält – spinnt der Kardinal den Gedanken des Papstes weiter – „stecken sie sich Kondome und Pillen in die Tasche. Das sind doch Ersatzhandlungen.“

Wie er – Kardinal Meisner – den jungen Menschen Gott geben wolle?

Kardinal Meisner verweist auf die Rolle der Familie. Zunächst komme an ein Kind nur die Wirklichkeit heran, welche die Eltern hineinließen:

„Wenn sie die Wirklichkeit Gottes nicht eröffnen, werden die Kinder zu geistigen Krüppeln.“ Der Mensch habe aber den Drang zur Transzendenz:

„Wenn der Himmel abgeschafft ist, den Engeln und den Spatzen überlassen – wie Heinrich Heine meinte –, dann verzehrt er die Ressourcen und wird dabei doch nicht satt.“

Die meisten Eltern der heutigen Jugend entstammten der 68er Generation: „Das sind metaphysische Asylanten, Obdachlose. Die wissen nicht, wo sie hingehören.“

Bei Weltjugendtagen hätten die jungen Menschen dagegen die Chance, zu sich selbst zu finden, indem sie die Erfahrung machen, welchen ungeheuren Wert ihr Leben hat.

Ob es sein Ernst gewesen sei, daß die Wahl von Benedikt XVI. das erste postmortale Wunder Johannes Paul II. war?

„Mein voller Ernst“ – antwortet Kardinal Meisner: „Als Johannes Paul II. tot war, war ich am Boden zerstört, weil er mich mit dem Weltjugendtag alleine ließ.“

Aber vor dem aufgebahrten Papst habe er dessen Stimme vernommen:

„Das müßtest du eigentlich wissen: Wenn Heilige im Himmel sind, dann nehmen sie teil an den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes.“

Dann habe der verstorbene Papst vom Himmel aus Benedikt XVI. zum Weltjugendtag geschickt.

Beim Requiem für den verstorbenen Papst habe er den Sarkopharg gesehen und dahinter den damaligen Kardinaldekan Ratzinger: „Was für eine Symbiose.“

Da habe er sich gedacht: „Papa Wojtyla, jetzt tu was, daß der dein Nachfolger wird.“

Vor dem Konklave habe er noch dem einen oder anderen Kollegen gesagt: „Denkt daran, der Wojtyla-Papst guckt euch über die Schulter.“

Als Benedikt XVI. gewählt worden war, habe er sofort zugesagt, zum Weltjugentag zu kommen, noch bevor er – Kardinal Meisner – eine Einladung aussprechen konnte.

„Das ist für mich wirklich ein Wunder.“

Ob er mit seinen Aussagen jetzt nicht das für das Konklave geltende Wahlgeheimnis verletzt habe?

„Ich habe nicht gesagt, wen ich gewählt habe.“

Der Papst sei mit Zweidrittelmehrheit gewählt worden, erinnert der Kirchenfürst:

„Da können Sie sich ja selbst die Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Ich habe aber nicht gesagt, ob ich zu den zwei Dritteln gehöre oder nicht.“

Der Papst habe seine Wahl mit einer Hinrichtung verglichen. Ob dies klug gewesen sei?

„Natürlich“, erwidert Kardinal Meisner.

Wenn einer unbedingt Papst werden wolle, dann sei er ungeeignet:

„Wenn sich dagegen einer windet, dann ist dies das sicherste Zeichen, daß er der richtige Mann ist.“

Was es bedeute, daß ein deutschstämmiger Papst zum Weltjugendtag nach Deutschland komme?

Er habe Johannes Paul II. gefragt, warum er den Weltjugendtag in Deutschland haben wollte. Da habe ihm der verstorbene Papst geantwortet:

„Im 20. Jahrhundert gingen die beiden Weltkatastrophen von Deutschland aus. Ich möchte, daß am Anfang des 21. Jahrhunderts von Deutschland eine positive Bewegung ausgeht.“

„Und das von einem Polen!“, kommentiert Kardinal Meisner:

„Das ist schon toll. Da hat er sich wohl gesagt: Am besten garantiert mir das der Ratzinger.“

Auch das gehöre zum Wunder.

Ob sich Benedikt XVI. revanchieren und seinen Freund schon in Köln seligsprechen werde?

Nein, das würde noch dauern. Man habe dem verstorbenen Papst immer gesagt: Schreib nicht so viel. Denn wenn du mal selig- und heiliggesprochen werden solltest, dann gibt’s so viel nachzuprüfen.“

Nun habe ja der Papst eine ganze Bibliothek hinterlassen.

Der Hauptgrund, daß Johannes Paul II. nicht in Köln seliggesprochen werde, sei dennoch ein anderer:

„Der Papst muß in Rom selig gesprochen werden, denn dort ist der Sitz der Weltkirche. Der Papst gehört allen, nicht einer Nation.“

Ob die – wie sich der ‘Spiegel’ ausdrückt – „konfrontativ-polemische Haltung“ von Kardinal Meisner der christlichen Vorstellung von Nächstenliebe nicht widerspreche?

Nächstenliebe sei kein Freundlichkeitsbrei, antwortet der Kardinal: „Liebe ist oft sehr hart.“

Er müsse den Menschen die Wirklichkeit vor Augen stellen – auch wenn sie die nicht hören wollen:

„Wo habe ich denn jemanden vor den Kopf gestoßen?“

Der ‘Spiegel’ zitiert als Beispiel eine Spiegel-Lüge: einen von Kardinal Meisner angeblich gemachten Vergleich der Kinderabtreibungspille mit dem in nationalsozialistischen Konzentrationslagern angewandten Giftgas Zyklon B.

Das werde ihm alles angehängt, erklärt der Kirchenfürst:

„Sie müssen mal meine Texte genau lesen. Ich habe den Begriff ‘Zyklon B’ nie verwendet.“

„Das nicht“ – beharrt der Spiegeljournalist – „aber er habe in bezug auf die Kinderabtreibungspille gesagt, es sei eine Tragödie, wenn sich „die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, in Deutschland ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung zu stellen“.

Es sei offenkundig, welche Tötungsmittel er gemeint habe.

Aber er habe sie nicht miteinander verglichen, wiederholt der Kardinal geduldig:

„Ich habe das Wort ‘Zyklon B’ noch nie bei einer Verkündigung in den Mund genommen. Man braucht offenbar so einen Buhmann, dem man Dinge anhängt, die er gar nicht gesagt hat.“

Wieso das bei „den Leuten“ nicht ankomme?

Das wisse er nicht: „Aber das ging ja schon los, als ich von Berlin hierher kam. Was man mir da alles unterstellt hat.“

Dabei habe ihn noch niemand gekannt: „Ich habe gelesen, was die Presse über mich geschrieben hat, und mir gedacht: Mein Gott, das soll ich alles sein?“

Ob er den Menschen diene, wenn er die Homosexualität „verdamme“, fragt der Journalist unter Benützung von Suggestiv-Vokabular.

Die Kirche habe für die Schöpfungsordnung einzustehen: „Ich stehe für die Schöpfung Gottes ein und verkünde den Glauben.“

Wenn seine Zeit abgelaufen ist, werde er dafür vor dem Richterstuhl Gottes stehen.

Ob er sich vor diesem Tag fürchte?

„Ein bißchen schon.“

Schließlich müsse er dann Rechenschaft ablegen: „Habe ich alle meine Möglichkeiten ausgeschöpft, das Reich Gottes den Menschen nahe zu bringen? Habe ich alles richtig gemacht?“

Bestimmt nicht, beantwortet Kardinal Meisner seine rhetorischen Fragen:

„Aber ich glaube, ich habe auch nicht alles falsch gemacht.“
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