Sonntag, 21. August 2005 11:27
Der Papst ermutigte die Weltjugend in seiner Predigt am Marienfeld, den eucharistischen Heiland immer mehr zu lieben: „Mühen wir uns darum – es lohnt sich.“

Liebe junge Freunde,
Vor der heiligen Hostie, in der Jesus sich für uns zum Brot gemacht hat, das unser
Leben von innen her trägt und nährt, haben wir gestern abend den inneren Weg der Anbetung begonnen.
In der Eucharistie soll Anbetung Vereinigung werden. Mit der Eucharistiefeier stehen wir in der „Stunde“
Jesu, von der das Johannes-Evangelium spricht. Durch die Eucharistie wird diese seine „Stunde“ unsere
Stunde, Gegenwart unter uns.
Mit den Jüngern feierte er das Pascha-Mahl Israels, das Gedächtnis der
befreienden Tat Gottes, die Israel aus der Knechtschaft ins Freie führte. Jesus folgt den Riten Israels.
Er spricht das Preis- und Segensgebet über das Brot.
Aber nun geschieht Neues.
Er dankt Gott nicht
nur für die großen Taten der Vergangenheit, er dankt ihm für seine Erhöhung, die im Kreuz und in der
Auferstehung geschieht.
Dabei spricht er auch zu den Jüngern mit Worten, die die Summe von Gesetz und
Propheten in sich tragen: „Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.
Dieser Kelch ist der neue
Bund in meinem Blut.“ Und so teilt er Brot und Kelch aus und trägt ihnen zugleich auf, das, was er jetzt
sagt und tut, immer neu zu sagen und zu tun zu seinem Gedächtnis.
Was geschieht da? Wie kann Jesus seinen
Leib austeilen und sein Blut?
Indem er Brot zu seinem Leib und Wein zu seinem Blut macht und austeilt,
nimmt er seinen Tod vorweg, nimmt er ihn von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe.
Was
von außen her brutale Gewalt ist, wird von innen her ein Akt der Liebe, die sich selber schenkt, ganz
und gar.
Dies ist die eigentliche Wandlung, die im Abendmahlssaal geschah und die dazu bestimmt war,
einen Prozeß der Verwandlungen in Gang zu bringen, dessen letztes Ziel die Verwandlung der Welt dahin
ist, daß Gott alles in allem sei (vgl. 1 Kor 15, 28).
Alle Menschen warten immer schon irgendwie in
ihrem Herzen auf eine Veränderung und Verwandlung der Welt. Dies nun ist der zentrale Verwandlungsakt,
der allein wirklich die Welt erneuern kann:
Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben.
Weil
er den Tod in Liebe umformt, darum ist der Tod als solcher schon von innen her überwunden und Auferstehung
schon in ihm da. Der Tod ist gleichsam von innen verwundet und kann nicht mehr das letzte Wort sein.
Das ist sozusagen die Kernspaltung im Innersten des Seins – der Sieg der Liebe über den Haß, der Sieg
der Liebe über den Tod.
Nur von dieser innersten Explosion des Guten her, das das Böse überwindet,
kann dann die Kette der Verwandlungen ausgehen, die allmählich die Welt umformt. Alle anderen Veränderungen
bleiben oberflächlich und retten nicht.
Darum sprechen wir von Erlösung: Das zuinnerst Notwendige ist
geschehen, und wir können in diesen Vorgang hineintreten. Jesus kann seinen Leib austeilen, weil er wirklich
sich selber gibt.
Diese erste grundlegende Verwandlung von Gewalt in Liebe, von Tod in Leben zieht dann
die weiteren Verwandlungen nach sich.
Brot und Wein werden sein Leib und sein Blut.
Aber an dieser Stelle
darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muß sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Jesu Christi
werden uns gegeben, damit wir verwandelt werden. Wir selber sollen Leib Christi werden, blutsverwandt
mit ihm.
Wir essen alle das eine Brot. Das aber heißt: Wir werden untereinander eins gemacht.
Anbetung
wird, so sagten wir, Vereinigung. Gott ist nicht mehr bloß uns gegenüber, der ganz Andere. Er ist in
uns selbst und wir in ihm.
Seine Dynamik durchdringt uns und will von uns auf die anderen und auf die
Welt im ganzen übergreifen, daß seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde.
Ich finde
diesen neuen Schritt, den das Abendmahl uns geschenkt hat, sehr schön angedeutet im Unterschied zwischen
dem griechischen und dem lateinischen Wort für Anbetung.
Das griechische Wort heißt proskynesis. Es
bedeutet den Gestus der Unterwerfung, die Anerkennung Gottes als unseres wahren Maßstabes, dessen Weisung
wir folgen. Es bedeutet, daß Freiheit nicht bedeutet, sich auszuleben und für autonom zu halten, sondern
sich nach dem Maß der Wahrheit und des Guten zu richten und so selbst wahr und gut zu werden.
Dieser
Gestus ist notwendig, auch wenn unser Freiheitsstreben ihm zunächst entgegensteht. Aber uns zueignen
können wir ihn erst ganz in der zweiten Stufe, die sich im Abendmahl eröffnet.
Das lateinische Wort
für Anbetung heißt ad-oratio – Berührung von Mund zu Mund, Kuß, Umarmung und so im tiefsten Liebe.
Aus Unterwerfung wird Einung, weil der, dem wir uns unterwerfen, die Liebe ist. So wird Unterwerfung sinnvoll,
weil sie uns nicht Fremdes auferlegt, sondern uns freimacht zum Innersten unserer selbst.
Kehren wir
noch einmal zum Letzten Abendmahl zurück. Das Neue, das da geschah, lag in der neuen Tiefe des alten
Segensgebetes Israels, das nun zum Wort der Verwandlung wird und uns die Teilhabe an der „Stunde“ Christi
schenkt.
Nicht das Pascha-Mahl zu wiederholen, hat Jesus uns aufgetragen; es ist ja auch ein Jahresfest,
das man nicht beliebig wiederholen kann.
Er hat uns aufgetragen, in „seine Stunde“ einzutreten. In sie
treten wir ein durch das Wort der heiligen Macht der Verwandlung, die durch das Preisgebet geschieht,
das uns in die Kontinuität mit Israel und der ganzen Heilsgeschichte Gottes stellt und uns zugleich das
Neue schenkt, auf das dieses Gebet von innen her wartete.
Dieses Gebet – die Kirche nennt es Hochgebet –
konstituiert Eucharistie.
Es ist Wort der Macht, das die Gaben der Erde auf ganz neue Weise in die Selbstgabe
Gottes verwandelt und uns in diesen Prozeß der Verwandlung hineinzieht.
Deswegen nennen wir dieses Geschehen
Eucharistie, was die Übersetzung des hebräischen Wortes beracha ist – Dank, Preisung, Segen und so vom
Herrn her Verwandlung: Gegenwart seiner „Stunde“.
Die „Stunde“ Jesu ist die Stunde, in der die Liebe
siegt.
Das heißt: Gott hat gesiegt, denn er ist die Liebe. Die „Stunde“ Jesu will unsere Stunde werden
und wird es, wenn wir uns durch die Feier der heiligen Eucharistie in den Prozeß der Verwandlungen hineinziehen
lassen, um die es dem Herrn geht.
Eucharistie muß Mitte unseres Lebens werden. Es ist nicht Positivismus
oder Machtwille, wenn die Kirche uns sagt, daß zum Sonntag die Eucharistie gehört.
Am Ostermorgen haben
zuerst die Frauen, dann die Jünger den Auferstandenen sehen dürfen. So wußten sie von da an, daß nun
der erste Wochentag, der Sonntag, sein Tag ist. Der Tag des Schöpfungsbeginns wird zum Tag der Erneuerung
der Schöpfung. Schöpfung und Erlösung gehören zusammen.
Deswegen ist der Sonntag so wichtig. Es ist
schön, daß in vielen Kulturen heute der Sonntag ein freier Tag ist oder gar mit dem Samstag ein sogenanntes
freies Wochenende bildet.
Aber diese freie Zeit bleibt leer, wenn Gott nicht darin vorkommt.
Liebe Freunde!
Manchmal ist es vielleicht im ersten Augenblick unbequem, am Sonntag auch die heilige Messe einzuplanen.
Aber Ihr werdet sehen, daß gerade das der Freizeit erst die rechte Mitte gibt.
Laßt Euch nicht abbringen
von der sonntäglichen Eucharistie, und helft auch den anderen, daß sie sie entdecken. Damit von ihr
die Freude kommt, die wir brauchen, müssen wir sie natürlich auch immer mehr von innen verstehen und
lieben lernen.
Mühen wir uns darum – es lohnt sich.
Entdecken wir den inneren Reichtum des Gottesdienstes
der Kirche und seine wahre Größe: daß da nicht wir selber uns allein ein Fest machen, sondern daß
der lebendige Gott selbst uns ein Fest gibt.
Mit der Liebe zur Eucharistie werdet Ihr auch das Sakrament
der Versöhnung neu entdecken, in der Gottes verzeihende Güte immer wieder einen Neubeginn in unserem
Leben möglich macht.
Wer Christus entdeckt hat, muß andere zu ihm führen. Eine große Freude kann
man nicht für sich selbst behalten. Man muß sie weitergeben.
Heute gibt es in großen Teilen der Welt
eine merkwürdige Gottvergessenheit. Es scheint auch ohne ihn zu gehen. Aber zugleich gibt es auch ein
Gefühl der Frustration, der Unzufriedenheit an allem und mit allem:
Das kann doch nicht das Leben sein!
In der Tat nicht.
Und so gibt es zugleich mit der Gottvergessenheit auch so etwas wie einen Boom des
Religiösen. Ich will nicht alles schlecht machen, was da vorkommt. Es kann auch ehrliche Freude des Gefundenhabens
dabei sein.
Aber weithin wird doch Religion geradezu zum Marktprodukt. Man sucht sich heraus, was einem
gefällt, und manche wissen, Gewinn daraus zu ziehen.
Aber die selbstgesuchte Religion hilft uns im letzten
nicht weiter. Sie ist bequem, aber in der Stunde der Krise läßt sie uns allein. Helft den Menschen,
den wirklichen Stern zu entdecken, der uns den Weg zeigt: Jesus Christus.
Versuchen wir selber, ihn immer
besser kennenzulernen, damit wir überzeugend auch andere zu ihm führen können.
Deswegen ist die Liebe
zur Heiligen Schrift so wichtig, und deswegen ist es wichtig, den Glauben der Kirche zu kennen, in dem
uns die Schrift aufgeschlüsselt wird: Es ist der Heilige Geist, der die Kirche in ihrem wachsenden Glauben
immer weiter in die Tiefe der Wahrheit eingeführt hat und einführt (vgl. Joh 16,13).
Papst Johannes
Paul II. – der liebe Papst Johannes Paul II. – hat uns ein wunderbares Werk geschenkt, in dem der Glaube
der Jahrhunderte zusammenfassend dargelegt ist: den Katechismus der katholischen Kirche. Ich selber konnte
vor kurzem das Kompendium dieses Katechismus der Öffentlichkeit vorstellen, das auch auf Wunsch des heimgegangenen
Papstes erstellt wurde.
Es sind zwei Grundbücher, die ich Euch allen ans Herz legen möchte.
Natürlich
reichen Bücher allein nicht aus. Bildet Gemeinschaften aus dem Glauben heraus. In den letzten Jahrzehnten
sind Bewegungen und Gemeinschaften entstanden, in denen die Kraft des Evangeliums sich lebendig zu Worte
meldet. Sucht Gemeinschaft im Glauben, Weggefährten, die gemeinsam die große Pilgerstraße weitergehen,
die uns die Weisen aus dem Orient zuerst gezeigt haben.
Das Spontane der neuen Gemeinschaften ist wichtig;
aber wichtig ist auch, dabei die Gemeinschaft mit dem Papst und den Bischöfen zu halten, die uns garantieren,
daß wir nicht Privatwege suchen, sondern wirklich in der großen Familie Gottes leben, die der Herr mit
den zwölf Aposteln begründet hat.
Noch einmal muß ich zur Eucharistie zurückkommen.
„Weil wir ein
Brot sind, sind wir viele auch ein Leib“, sagt der heilige Paulus (1 Kor 10, 17). Er will damit sagen:
Weil wir den gleichen Herrn empfangen und er uns aufnimmt, in sich hineinzieht, sind wir auch untereinander
eins.
Das muß sich im Leben zeigen.
Es muß sich zeigen in der Fähigkeit des Vergebens. Es muß sich
zeigen in der Sensibilität für die Nöte des anderen. Es muß sich zeigen in der Bereitschaft zu teilen.
Es muß sich zeigen im Einsatz für den Nächsten, den nahen wie den äußerlich fernen, der uns angeht.
Heute gibt es Formen des Volontariats, Gestalten des gegenseitigen Dienens, die gerade unsere Gesellschaft
dringend braucht.
Wir dürfen zum Beispiel die alten Menschen nicht ihrer Einsamkeit überlassen, an
den Leidenden nicht vorbeigehen.
Wenn wir von Christus her denken und leben, dann gehen uns die Augen
auf, und dann leben wir nicht mehr für uns selber dahin, sondern dann sehen wir, wo und wie wir gebraucht
werden.
Wenn wir so leben und handeln, merken wir alsbald, daß es viel schöner ist, gebraucht zu werden
und für die anderen da zu sein, als nur nach den Bequemlichkeiten zu fragen, die uns angeboten werden.
Ich weiß, daß Ihr als junge Menschen das Große wollt, daß Ihr Euch einsetzen wollt für eine bessere
Welt. Zeigt es den Menschen, zeigt es der Welt, die gerade auf dieses Zeugnis der Jünger Jesu Christi
wartet und zuallererst durch das Zeichen Eurer Liebe den Stern entdecken kann, dem wir folgen.
Gehen
wir voran mit Christus und leben wir unser Leben als wirkliche Anbeter Gottes. Amen.