Mittwoch, 31. August 2005 09:24
Personalpolitik haßt er besonders
Ein neuer Stil sei mit dem neuen Papst in den Apostolischen Palast eingezogen, erklärte der Journalist Peter Seewald jüngst in einem Artikel. Dabei verweist er auf die Abschaffung des Handkusses oder das Verschwinden der Tiara aus dem päpstlichen Wappen.
(kreuz.net, Vatikan) Kurz vor dem Kölner Weltjugendtag erschien im Boulevardmagazin ‘Stern’ ein Artikel von Peter Seewald. Darin geht es um Papst Benedikt XVI., mit dem Seewald vor 9 Jahren ein Buchinterview veröffentlichte, das unter dem Titel „Salz der Erde“ erschien.

Seewald ist Co-Autor eines weiteren Buches mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger. Ende Mai gab er einen Bildband über den neuen Papst heraus.

Seewald beginnt seine Beschreibung mit der Reise des Papstes ins süditalienische Bari anläßlich des italienischen Eucharistischen Kongresses Ende Mai:

„Als in Bari Hunderte von Priestern ausziehen, um die Kommunion zu spenden, tragen viele von ihnen Dreitagebärte, coole Sonnenbrillen und Jeans und ein Hemd mit Priesterkragen dazu.“

„Die Kirche ist gar nicht alt und unbeweglich“, zitiert Seewald den Papst angesichts der beschriebenen Kommunionspendung: „Nein, sie ist jung.“

Auf die Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst seien die päpstlichen Hofschneider nicht vorbereitet gewesen.

Im „Raum der Tränen“, dem Ankleideraum neben der Sixtinischen Kapelle, lagen am 19. April drei Gewänder bereit. Eines lang, eines breit, eines für Untersetzte – keines paßte.

Die weiße Papstsoutane war viel zu kurz, die Pantoffeln zu eng, und aus den halblangen Ärmeln sah ein abgewetzter schwarzer Pullover heraus, beschreibt Seewald die ersten Schritte des Neugewählten in den päpstlichen Gewändern.

„Wie zusammengeflickt“, zitiert er einen der Kurialen an der Seite des Papstes.

Anläßlich des Umzuges des Papstes aus seiner Kardinalswohnung in den Papstpalast verweist Seewald auf die Verwunderung der Römer, als diese auf dem Umzugswagen die Secondhand-Möbel ihres „Papa Tedesco“ – des deutschen Papstes – sahen.

Darunter waren alte Bücherregale, die in der neuen Wohnung zentimetergenau wieder aufgebaut wurden. Jedes Buch bekam seinen alten Platz zurück.

Neu sei ein Trimmrad. Es sei vom Leibarzt des Papstes – Dr. Renato Buzzonetti (81) – auf ‘extrahart’ eingestellt worden.

Seewald beschreibt auch die unterschiedliche Lebensführung des neuen Papstes:

Der neue Papst empfange im Gegensatz zu seinem Vorgänger selten Besucher zum Essen.

Wenn er betet, tue er dies meist allein.

Ein „TV-taugliches Reli-Tainment“ werde es mit ihm genauso wenig geben wie einen „eiligen Vater“, der von Event zu Event jettet.

Benedikt XVI. verstecke sich nicht. Aber er wolle nicht das Spektakuläre, sondern das Wichtige tun, lobt Seewald.

Eines hasse der Papst ganz besonders: Entscheidungen in Personalfragen. Diese seien ihm schon als Erzbischof in München unliebsam gewesen.

Schlimm sei für den Heiligen Vater auch das Gefühl, eingesperrt zu sein: Jeden seiner Spaziergänge muß er anmelden. In sein Haus nach Regensburg – immerhin noch der Erstwohnsitz des Papstes – könne er auch nicht mehr reisen.

Manchmal aber mache sich der Papst klammheimlich aus dem Staub und treffe sich zum Plausch außerhalb der Kurie.

Die bayrischen Klassentreffen müßten künftig ohne ihn stattfinden. Seewald weiß, daß Benedikt XVI. einen eigenhändig verfaßten Absagebrief verschickt habe.

Nie zuvor wie seit seiner Wahl zum Papst habe er so häufig mit seinem älteren Bruder in Regensburg telephoniert:

„Als Kinder hatten sie sich ‘Josepherl’ und ‘Georgerl’ genannt. Seit Joseph zunehmend italienisierte, ruft ihn Georg ‘Giuseppe’, was irgendwie so klingt wie bayerisch und italienisch zugleich.“

Seewald spricht auch über den neuen Führungsstil des Heiligen Vaters:

„Stillschweigend schaffte er den Handkuß ab. Als Nächstes verschwand die Tiara aus dem päpstlichen Wappen, Symbol auch für die weltliche Macht seines Thrones.“

Johannes Paul II. hatte sich angewöhnt, in der Ich-Formulierung zu sprechen. Benedikt XVI. hat wieder den Majestätsplural eingeführt – das päpstliche „Wir“.

Seewald sieht darin die Absicht des Papstes, die Kollegialität in den Vordergrund zu stellen. ‘Kollegialität’ ist das kirchliche Codewort für ‘Mitbestimmung’.

Vatikanmitarbeiter haben nach Seewald bestätigt, daß in der römischen Kurie vieles straffer, effizienter und transparenter geworden sei.

Seinen früheren Kontrahenten Walter Kardinal Kaspar habe der neue Papst nicht nur neu in den Sattel gehoben: „Er gab ihm auch noch einen kräftigen Schubs.“

Seither verkehre der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen zwischen Rom und den Höfen der orthodoxen Patriarchen nur noch im Galopp.

Auch der Dialog mit dem Judentum hat nach Einschätzung Seewalds bei Benedikt XVI. hohe Priorität.

Die erste Amtshandlung war ein Brief an die jüdische Gemeinde von Rom. Kurze Zeit später unterbrach er das Seligsprechungsverfahren für einen französischen Priester, dem angebliche antisemitische Reden vorgehalten wurden.

Der Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses habe sich über die Wahl Benedikt XVI. gefreut: „Dieser Mann hat in den letzten zwanzig Jahren durch seine Theologie und Freundschaft die zweitausendjährige Geschichte der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum verändert“.

Auch in Italien werde die Wahl des deutschen Papstes gerne gesehen. Italienische Medien würden über den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation berichten, der am Borgo Pio – unweit des Vatikan – spazieren ging, sich mit Katzen unterhielt und bei Obstverkäufern nach den besten Äpfeln für Strudel fragte.

„Seine Wahl ist eine gute Nachricht“, zitiert Seewald den Anführer der italienischen Post-Kommunisten:

„Ich habe Sympathie für Menschen mit Intellekt und Kultur.“
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