Freitag, 9. September 2005 18:39
Warnung vor dem Zorn
Wer nach dem Vollmaß der Liebe strebt und für den geistlichen Kampf vorbereitet sein möchte, dem sei jegliches Laster von Zorn und Grimm fern. Von Johannes Cassian († 430).
Hl. Johannes Cassian
Hl. Johannes Cassian
(kreuz.net) Er beherzige, was Paulus sagt: „Jede Art von Bitterkeit, Zorn, Wut, Geschrei und Lästerung samt aller Bosheit sei fern von euch.“

Wenn der Völkerapostel schreibt: „Jeder Zorn sei ferne von euch“, dann nimmt er keine Art von Zorn aus, auch den nicht, der uns gleichsam nötigt und nützlich erscheint.

Hat sich zum Beispiel ein Bruder verfehlt, so eile man – wenn es nötig ist – ihm zu helfen.

Doch wer ihm, der vielleicht an einem leichten Fieber leidet, Arznei reichen will, der stürze sich nicht durch seine Entrüstung über die Fehler des Bruders in die schlimme Krankheit der Erblindung.

Denn wer die Wunde eines Bruders heilen will, der muß selber von jeder Art Krankheit frei sein, damit ihn nicht das Wort des Evangeliums treffe: „Arzt, heile dich selber!“

Sonst könnte es sein, daß er zwar den Splitter im Auge des Bruders, den Balken aber im eigenen Auge nicht bemerkt.

Wird jemand vielleicht den Splitter aus dem Auge seines Bruders ziehen können, wenn er den Balken zorniger Entrüstung im eigenen Auge hat?

Jede Erregung des Zornes – aus welchem Grund auch immer – blendet die Augen des Herzens. Der Zorn stößt nämlich einen Balken in das sehscharfe Auge und raubt dem Auge den Blick auf die Sonne der Gerechtigkeit.

Es ist dabei einerlei, ob eine Goldplatte – das heißt: ein sogenannter ‘heiliger Zorn’, weil jemand etwas gegen Gott und gegen sein eigenes Heil unternimmt – oder eine Bleiplatte – ein ‘unheiliger’ Zorn – übers Auge gelegt wird.

Der Wert der Metalle spielt keine Rolle, wenn die Augen nichts mehr sehen können.

Es gibt nur einen einzigen legitimen Zorn: den über die eigene Sünde.

Der Zorn leistet uns nur dann einen guten Dienst, wenn wir voll Entrüstung mit den Zähnen gegen die ausschweifenden Regungen des eigenen Herzens knirschen und wenn wir vor der Gegenwart der Engel – ja vor Gott selber – in Furcht erbeben, sobald wir an das denken, was in den Schlupfwinkeln unseres Herzens verborgen ist und was wir uns schämen würden, vor den Menschen zu tun oder zu sagen.

Gottes Auge aber durchschaut alles.

Keine Geheimnisse unseres Gewissens können vor ihm verborgen bleiben.

Aus dem achten Kapitel der Institutiones des Johannes Cassian († 430). Der Mönch Cassian war ein geistlicher Autor der rund 14 Jahre in der ägyptischen Wüste lebte und in Marseilles gestorben ist.
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