Donnerstag, 15. September 2005 11:13
Überzogene Erwartungen
Die Hoffnung auf eine kirchliche Einheit zwischen Katholiken und Orthodoxen ist unrealistisch. Das erklärten kürzlich Vertreter der Orthodoxie. Manche von ihnen betrachten die Katholiken im besten Fall als Schismatiker – im schlimmsten: als ungetaufte Heiden.
Papst Johannes Paul II. umarmt am 29. Juni 2004 den orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I., am Petersplatz
Papst Johannes Paul II. umarmt am 29. Juni 2004 den orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I., am Petersplatz
(kreuz.net, Assisi) Der Romkorrespondent der US-Wochenzeitung ‘National Catholic Reporter’, John Allen, sprach Anfang September in Assisi mit Vertretern der Orthodoxie.

Assisi ist eine Stadt in der mittelitalienischen Region Umbrien unweit von Perugia.

Anlaß der Begegnungen war ein Symposium zum Thema „Die Eucharistie in der östlichen und der westlichen Tradition“.

Das Treffen katholischer und orthodoxer Theologen wurde von der päpstlichen Universität ‘Antonianum’ und der ‘Aristoteles Universität’ in Thessaloniki in Nordgriechenland organisiert.

Die päpstliche Universität ‘Antonianum’ befindet sich in Rom und wird von den Franziskanern geleitet.

Dem Symposium kam eine besondere Bedeutung zu, da Papst Benedikt XVI. dem Ökumenismus mit den Orthodoxen eine persönliche Priorität beimißt. Der Heilige Vater verfaßte für den Kongreß sogar ein Grußwort.

John Allen berichtet, daß sich die meisten Orthodoxen darüber einig sind, daß die Erwartungen der ökumenischen Bewegung seit dem Zweiten Vatikanum unrealistisch und überzogen seien.

Eine „volle, sichtbare und strukturelle Einheit“ zwischen den „getrennten Zweigen der Christenheit“ werde sich in nächster Zukunft nicht realisieren lassen.

Das erklärte zum Beispiel der griechisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Paul Jasidschi. Aleppo liegt in Nordsyrien in Vorderasien.

Es handle sich – so der Metropolit – bei dieser Frage nicht um einen politischen Streit. Die Frage sei nicht, ob Rom oder Konstantinopel der mächtigste Thron sei: „Es geht um theologische Probleme.“

Die Orthodoxen könnten den Papst durchaus als eine Art obersten Patriarchen akzeptieren. Aber die Art und Weise, wie er seinen Primat ausübe, sei problematisch. Das Bischofskollegium müsse über dem Papst stehen:

„Die Wahrheit läßt sich leichter erfassen, wenn die Bischöfe in einer Synode zusammenarbeiten.“

Die Orthodoxen könnten – so der Metropolit weiter – kein System annehmen, in dem der Papst mächtiger sei als die Bischöfe.

Das bedeute nicht, daß eine Zusammenarbeit zwischen Orthodoxen und Katholiken unmöglich sei: „Wir sind uns in vielen Dingen eins. Die ekklesiologischen Unterschiede sind zwar geringfügig. Sie wiegen trotzdem schwer.“

Ein anderer orthodoxer Theologe, Petros Vassiliadis, schlug in dieselbe Kerbe. Eine strukturelle Einheit zwischen den Katholiken und den Orthodoxen sei unvorstellbar:

„Wir können zwei große Traditionen anerkennen – die östliche und die westliche –, aber nicht in einer einzigen Struktur.“

Die Orthodoxen würden dem Juristdiktionsprimat des Papstes niemals zustimmen. Vassiliadis begründete dessen Ablehnung mit einer Autonomie der Ortskirche und des Bischofsamtes:

„In der orthodoxen Welt kann ein Patriarch außerhalb seiner eigenen Diözese ohne Erlaubnis des zuständigen Ortsbischofs nicht einmal eine Messe zelebrieren. Manchmal wird die Genehmigung verweigert.“

Der Bischof genieße eine praktisch uneingeschränkte Stellung.

Metropolit Jazidschi und Theologe Vassiliadis erklärten übereinstimmend, daß die Ziele der ökumenischen Bewegung neu zu bestimmen seien.

„Wir müssen uns vom Gedanken der strukturellen Einheit lösen“, erklärt Vassiliadis.

Stattdessen könne man einen Schwerpunkt auf das gegenseitige Verständnis und auf gemeinsame kulturelle oder soziale Aktionen setzen. Als Beispiel nennt der byzantinsche Theologe den Kampf für die christliche Seele Europas: „Mehr kann man wohl nicht erwarten.“

Ein Schritt nach vorne wäre – so Vassiliadis –, wenn die Orthodoxen mit den Katholiken ebenso verfahren würden, wie die Katholiken mit ihnen, und sie als Geschwisterkirche akzeptierten.

Die Katholiken anerkennen die Gültigkeit der Sakramente der orthodoxen Gemeinschaften. Umgekehrt sei dies nur teilweise der Fall, bedauert der orthodoxe Theologe.

Der Theologe erwähnte das Beispiel, daß Katholiken, die sich zur Orthodoxie abwenden, wegen einer behaupteten Ungültigkeit der Taufe vor allem in Griechenland oft noch einmal getauft werden.

Die russische Orthodoxie anerkennt dagegen das Taufsakrament der Katholiken und Lutheraner.

John Allen erwähnt abschließend, daß der katholische apostolische Vikar in Anatolien, Bischof Luigi Padovese (58), die Dinge rosiger sehe. Anatolien ist der Teil der Türkei östlich des Bosporus.

Bischof Padovese hält die Einheit für erreichbar: „Schließlich leben wir in einer Ära des Pluralismus. Es wird nicht schnell gehen, aber ich denke, es wird geschehen.“
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