Befreiungstheologie
Mauerfall auf katholisch
Gestern wurde das Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und dem suspendierten Theologen Hans Küng, welches am letzten Samstag in Castelgandolfo stattfand, bekannt. Heute Dienstag sorgt sich die Presse um den Anlaß.
Spiegel – Hamburg

„Küng sagte nach dem Treffen, das bereits vergangenen Samstag stattfand, er sei sehr froh, daß es dazu gekommen sei. Es sei klar gewesen, daß die strittigen Punkte ausgeklammert waren. Der Kontakt zu Ratzinger war nach der großen Kontroverse um ihn 1979 und 1980 abgebrochen. Nur 1983 traf Küng in Bayern noch einmal mit Ratzinger zusammen. Damals, so Küng, sei die Lage zwischen ihnen noch sehr angespannt gewesen. Nun aber habe er den Eindruck gehabt, die gleiche Person wie in den glücklichen Tübinger Jahren wieder getroffen zu haben.“

Mitteldeutsche Zeitung – Sachsen Anhalt

„Am Montag schickte die Deutsche Presse-Agentur eine Eilmeldung: »Papst empfing ‘Romkritiker’ Hans Küng«. Für Nicht-Christen ist das so aufregend wie der Sack Reis, der in China umfällt. Für Christen ist das Treffen zweifellos sensationell – eine Art Mauerfall auf katholisch.“

Stern – Hamburg

„Benedikt habe schnell auf seine Bitte nach dem Treffen reagiert, das ihm Johannes Paul II. 25 Jahre lang verweigert habe, sagte Küng. Das Treffen gilt als Teil einer Versöhnungsstrategie Benedikts, das Verhältnis zu Kirchen-Abweichlern zu verbessern. Küng sagte der Nachrichtenagentur Reuters über sein Treffen mit Benedikt telefonisch aus Tübingen, der Papst sei aufgeschlossen für neue Perspektiven. Auch Küng sprach von einem Gespräch in freundlicher Atmosphäre. »Und ich bin überzeugt daß das für viele Menschen die erschrocken sind über diese Wahl, ein Zeichen der Hoffnung sein wird.«“

Süddeutsche Zeitung – Bayern

„Kirchenkreise bewerteten den Schritt des Papstes als Bruch mit bisherigen diplomatischen Formen und als Zeichen für eine neue Politik auch gegenüber Kirchenkritikern. »Der Papst ist auch ein großer Psychologe«, sagte ein hochrangiger Vatikan-Mitarbeiter der SZ. Damit sei »die Luft raus« aus dem jahrzehntelangen Streit zwischen der Kirche und Küng. Der Tübinger Professor habe es in der Vergangenheit immer abgelehnt, mit dem Kurienkardinal Joseph Ratzinger zu sprechen. Stattdessen habe er eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. gefordert. Nun sei er doch noch von einem Papst empfangen worden – aber eben von Joseph Ratzinger. Inhaltlich habe sich dadurch zwar nicht viel geändert, atmosphärisch aber sei viel erreicht worden. Der Papst habe ein Signal gegen »überzogenes hierarchisches Denken« gesetzt.“

Kipa-Apic – Freiburg/Fribourg

„Das Gespräch, von Küng selbst als ein »brüderliches« bezeichnet, soll dem Vernehmen nach über zwei Stunden lang gedauert haben. Damit hat der Papst dem kritischen Theologen weit mehr Zeit eingeräumt, als er sonst selbst höchstrangigen Gästen gewährt.“

Welt – Berlin

„Benedikt XVI. und der Tübinger Theologe sind allerdings Weggefährten seit den Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als Bonner Professor diente Joseph Ratzinger, der heutige Pontifex, dem greisen Kölner Kardinal Josef Frings als Berater. Er zählte wie Küng zu den »Konzils-Teenagern«, jener Gruppe junger Theologen, die sich vom Konzil einen kirchlichen »Aufbruch« versprachen. Später ging Ratzinger auf Distanz zu einigen nachkonziliaren Entwicklungen. Vor allem Teile der mit dem Konzil einhergehenden Liturgiereform fanden sein Mißfallen. Er entdeckte Spuren eines »Konzils-Ungeistes« – ganz im Gegensatz zu Küng, der das Zweite Vatikanum noch nicht in der Kirche ganz verwirklicht sah.“