09:37:43 | Dienstag, 27. September 2005
Befreiungstheologie
Mauerfall auf katholisch
Gestern wurde das Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und dem suspendierten Theologen Hans Küng, welches am letzten Samstag in Castelgandolfo stattfand, bekannt. Heute Dienstag sorgt sich die Presse um den Anlaß.
Spiegel – Hamburg
„Küng sagte nach dem Treffen, das bereits vergangenen Samstag stattfand, er sei sehr
froh, daß es dazu gekommen sei. Es sei klar gewesen, daß die strittigen Punkte ausgeklammert waren.
Der Kontakt zu Ratzinger war nach der großen Kontroverse um ihn 1979 und 1980 abgebrochen. Nur 1983 traf
Küng in Bayern noch einmal mit Ratzinger zusammen. Damals, so Küng, sei die Lage zwischen ihnen noch
sehr angespannt gewesen. Nun aber habe er den Eindruck gehabt, die gleiche Person wie in den glücklichen
Tübinger Jahren wieder getroffen zu haben.“
Mitteldeutsche Zeitung – Sachsen Anhalt
„Am Montag schickte
die Deutsche Presse-Agentur eine Eilmeldung: »Papst empfing ‘Romkritiker’ Hans Küng«. Für Nicht-Christen
ist das so aufregend wie der Sack Reis, der in China umfällt. Für Christen ist das Treffen zweifellos
sensationell – eine Art Mauerfall auf katholisch.“
Stern – Hamburg
„Benedikt habe schnell auf seine
Bitte nach dem Treffen reagiert, das ihm Johannes Paul II. 25 Jahre lang verweigert habe, sagte Küng.
Das Treffen gilt als Teil einer Versöhnungsstrategie Benedikts, das Verhältnis zu Kirchen-Abweichlern
zu verbessern. Küng sagte der Nachrichtenagentur Reuters über sein Treffen mit Benedikt telefonisch
aus Tübingen, der Papst sei aufgeschlossen für neue Perspektiven. Auch Küng sprach von einem Gespräch
in freundlicher Atmosphäre. »Und ich bin überzeugt daß das für viele Menschen die erschrocken sind
über diese Wahl, ein Zeichen der Hoffnung sein wird.«“
Süddeutsche Zeitung – Bayern
„Kirchenkreise
bewerteten den Schritt des Papstes als Bruch mit bisherigen diplomatischen Formen und als Zeichen für
eine neue Politik auch gegenüber Kirchenkritikern. »Der Papst ist auch ein großer Psychologe«, sagte
ein hochrangiger Vatikan-Mitarbeiter der SZ. Damit sei »die Luft raus« aus dem jahrzehntelangen Streit
zwischen der Kirche und Küng. Der Tübinger Professor habe es in der Vergangenheit immer abgelehnt, mit
dem Kurienkardinal Joseph Ratzinger zu sprechen. Stattdessen habe er eine Audienz bei Papst Johannes Paul
II. gefordert. Nun sei er doch noch von einem Papst empfangen worden – aber eben von Joseph Ratzinger.
Inhaltlich habe sich dadurch zwar nicht viel geändert, atmosphärisch aber sei viel erreicht worden.
Der Papst habe ein Signal gegen »überzogenes hierarchisches Denken« gesetzt.“
Kipa-Apic – Freiburg/Fribourg
„Das Gespräch, von Küng selbst als ein »brüderliches« bezeichnet, soll dem Vernehmen nach über
zwei Stunden lang gedauert haben. Damit hat der Papst dem kritischen Theologen weit mehr Zeit eingeräumt,
als er sonst selbst höchstrangigen Gästen gewährt.“
Welt – Berlin
„Benedikt XVI. und der Tübinger
Theologe sind allerdings Weggefährten seit den Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als Bonner Professor
diente Joseph Ratzinger, der heutige Pontifex, dem greisen Kölner Kardinal Josef Frings als Berater.
Er zählte wie Küng zu den »Konzils-Teenagern«, jener Gruppe junger Theologen, die sich vom Konzil
einen kirchlichen »Aufbruch« versprachen. Später ging Ratzinger auf Distanz zu einigen nachkonziliaren
Entwicklungen. Vor allem Teile der mit dem Konzil einhergehenden Liturgiereform fanden sein Mißfallen.
Er entdeckte Spuren eines »Konzils-Ungeistes« – ganz im Gegensatz zu Küng, der das Zweite Vatikanum
noch nicht in der Kirche ganz verwirklicht sah.“