Sonntag, 16. Oktober 2005 14:28
In Deutschland hat ein Politiker einen medienwirksamen Vorschlag zur Euthanasie gelandet und dabei die fatalen Implikationen seiner Idee übersehen. Jetzt hofft er, in eine Talkshow eingeladen zu werden.

(kreuz.net, Hamburg) Der Hamburger Justizsenator Roger Kusch (51) dominiert nach seinem jüngsten Vorstoß
zugunsten der Hilflosentötung in dieser Woche die Schlagzeilen.
Als erster CDU-Politiker hat er sich
klar für die Änderung des Paragraphen 216 des Deutschen Strafgesetzbuchs ausgesprochen.
Der Justizsenator
forderte Straffreiheit bei Hilflosentötung auf Verlangen unter bestimmten Umständen.
Die Tageszeitung
‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ erinnerte in ihrer Leitglosse vom Freitag daran, daß die Forderung des
selbstbekennenden Homosexuellen ihre Widerlegung bereits in sich trage.
Das Grundgesetz kenne in den
Persönlichkeitsrechten – mit Ausnahme der Geisteskranken – keine Unterscheidung zwischen gesunden und
kranken Menschen:
„Die Rechte, die Kusch einem sterbenskranken Menschen zugestehen will, muß der Gesetzgeber
auch einem gesunden zugestehen – mit allen Folgen.“
Es sei ferner – so die FAZ – ein Verdienst des Justizsenators,
als erstes Mitglied einer Regierung den Zusammenhang zwischen der Hilflosentötung und der Kinderabtreibung
herzustellen.
Kusch hatte bedauert, daß eine Mutter „sogar fremdes Leben zerstören, aber der Todkranke
nicht die Beendigung seines eigenen Lebens verlangen“ dürfe.
Die ‘FAZ’ spinnt den Gedanken zu Ende.
Der Staat habe sich schon im Fall der Kinderabtreibung verpflichtet, die Voraussetzungen für die rechtswidrige,
aber straffreie Tötung von Menschen zu schaffen:
„Soll er jetzt alle Ärzte – das müßte er tun, weil
ein ‘Tourismus’ wie im Fall der Abtreibung wohl nicht denkbar ist – verpflichten, auf Wunsch des Patienten
diesen zu töten?“
Der ständige Verweis auf zwei oder vier andere Länder, die „fortschrittliche Gesetze
haben“, dürfe – so der Schlußkommentar der ‘FAZ’ – nicht schwerer wiegen als der Hinweis darauf, daß
20 EU-Staaten und fast 200 Staaten weltweit – trotz nicht geringerer Geisteskraft und Schwierigkeiten –
sich zu solchen Gesetzen nicht bereit finden.
Ein anderer Artikel in der heutigen Ausgabe der deutschen
Wochenzeitung ‘Welt am Sonntag’ beschäftigt sich mit Kusch als „Provokateur aus reiner Kalkulation“.
Auch die ‘Welt am Sonntag’ erklärt, daß Kusch keineswegs einen „unüberlegten Pfeil“ abgeschossen habe.
Die Zeitung erinnert daran, daß der Justitzsenator bereits Ende Juni auf einer Diskussionsveranstaltung
für die Hilflosentötung eintrat: Man solle den Hilflosenmord nicht „tabuisieren und verteufeln“, sondern
„öffentlich diskutieren“, verkündigte Kusch damals vollmundig.
In den folgenden Wochen überdachte
er seine Position: „Ursprünglich hatte ich vor, im November in zeitlicher Nähe zum Totensonntag und
Volkstrauertag, eine öffentliche Diskussion anzustoßen“, sagt Kusch nun der ‘Welt am Sonntag’.
Die
Eröffnung
der Filiale eines Schweizer Unternehmens zur Hilflosentötung in Hannover, „und die reflexartigen,
einseitigen Reaktionen darauf haben die Sache beschleunigt.“
Ihm als „bekennenden Christen“ sei es auch
darum gegangen, sich „gegen Denkverbote“ zu wenden:
„Der Gott, an den ich glaube, kann gar nicht den
Willen haben, einen unheilbar Kranken über dessen Durchhaltevermögen hinaus leiden zu lassen.“
Kusch
ist Mitglied der evangelischen nordelbischen Landeskirche. Der Pastor seiner Gemeinde unterstützt den
Tötungsverfechter:
„Ich finde es richtig und sinnvoll, daß sein Vorstoß diskutiert wird.“
In der
vergangenen Woche haben sich sowohl Christdemokraten als auch Sozialisten, Bischöfe, die Hospizbewegung
und nicht zuletzt die breite Masse der Bevölkerung klar gegen die Hilflosentötung ausgesprochen.
Die
jüngste Kritik am Vorstoß des Justizsenators kam von der sozialistischen Bundesjustizministerin Brigitte
Zypries:
„Mit dieser Auffassung steht Herr Kusch ziemlich isoliert da“, erklärte sie in einem Interview
mit dem deutschen Boulevardmagazin ‘Spiegel’.
Abgesehen davon, daß eine solche Debatte in Deutschland
wegen der Vorfälle während des Nationalsozialismus historisch belastet sei, entspreche sie auch nicht
den Bedürfnissen der Menschen.
Ein anderer Kritiker – ebenfalls ein Sozialdemokrat – fand eine andere
Erklärung für die den politischen Vorstoß von Kusch:
„Kusch will endlich einmal in eine Talkshow eingeladen
werden.“