Montag, 17. Oktober 2005 07:58
„Ich werde nicht viele neue Dokumente veröffentlichen“
Gestern strahlte das polnische Fernsehen ein 15minütiges Fernsehinterview mit Benedikt XVI. aus. Bereits Mitte September gewährte es der Papst dem Jesuitenpater Andrzej Majewski in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Der Originaltext.
(kreuz.net/Radio Vatikan) Jesuitenpater Andrzej Majewski: Herzlichen Dank, Heiliger Vater, daß Sie uns aus Anlaß des heute in Polen gefeierten „Tages des Papstes“ dieses kurze Interview gewähren.

Am 16. Oktober 1978 wurde Kardinal Karol Wojtyla zum Papst gewählt. Von diesem Tag an hat er als Johannes Paul II. 26 Jahre lang die Kirche als Nachfolger Petri – zusammen mit den Bischöfen und Kardinälen – geleitet.

Unter den Kardinälen wurden auch Sie, Heiliger Vater, von Ihrem Vorgänger besonders geschätzt. Johannes Paul II. schrieb in seinem Buch ‘Auf, laßt uns gehen’ über Ihre Person – ich zitiere: „Ich danke Gott für die Anwesenheit und die Hilfe von Kardinal Ratzinger. Er ist ein bewährter Freund“.

Heiliger Vater, wie hat diese Freundschaft begonnen und wie haben Sie, Heiliger Vater, Kardinal Karol Wojtyla kennengelernt?

Ich habe Karol Wojtyla erst in den beiden Präkonklaven und Konklaven des Jahres 1978 persönlich getroffen. Ich hatte natürlich von ihm gehört – zunächst vor allem im Kontext des Briefwechsels zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen vom Jahr 1965.

Die deutschen Kardinäle erzählten mir, wie groß dabei das Verdienst und der Beitrag des Erzbischofs von Krakau gewesen waren und daß er eigentlich die Seele dieses historischen Briefwechsels gewesen ist.

Von Freunden im Universitätsbereich hörte ich von seiner Philosophie und seiner Größe als Denker.

Aber, wie ich schon sagte, trafen wir uns das erste Mal erst während des Konklaves im Jahr 1978.

Von Anfang an habe ich für ihn eine große Sympathie empfunden. Gott sei Dank hat mir der damalige Kardinal sogleich seine Freundschaft geschenkt. Ich bin für das Vertrauen dankbar, das er mir schenkte, ohne daß ich es verdient hätte.

Vor allem, wenn er betete, sah ich vor mir greifbar, daß er ein Mann Gottes war. Das war mein wichtigster Eindruck: ein Mann, der mit Gott lebt – mehr noch – der in Gott lebt.

Mich hat auch die vorurteilslose Herzlichkeit beeindruckt, mit der er mir begegnete. In den Treffen des Präkonklaves der Kardinäle ergriff er mehrmals das Wort. Dabei hatte ich Gelegenheit, das Format des Denkers wahrzunehmen.

Ohne viele Worte ist so eine große Freundschaft entstanden. Gleich nach seiner Wahl hat er mich mehrmals zu Gesprächen nach Rom gerufen. Schließlich ernannte er mich zum Präfekten der Glaubenskongregation.

Somit war Ihre Berufung nach Rom keine Überraschung?

Es war etwas schwierig, weil es für mich mit dem Beginn meiner Amtszeit in München und der feierlichen Bischofsweihe in der dortigen Kathedrale eine Verpflichtung – fast eine Ehe – für diese Diözese gab.

Man betonte damals, daß ich nach Jahrzehnten der erste aus der Diözese stammende Bischof war. Ich fühlte mich daher dieser Diözese sehr verpflichtet und an sie gebunden.

Es gab außerdem schwierige Probleme, die noch nicht gelöst waren, und ich wollte die Diözese nicht mit diesen ungelösten Schwierigkeiten zurücklassen.

Darüber sprach ich mit dem Heiligen Vater in einem Raum der großen Offenheit und des Vertrauens, die dem Heiligen Vater eigen waren. Er war mit gegenüber sehr väterlich.

Schließlich gab er mir eine Bedenkzeit. Er selber wollte auch nachdenken.

Am Ende hat er mich überzeugt, denn das war der Wille Gottes. Ich konnte diesen Ruf so annehmen – auch die große und nicht einfache Verantwortung, die meine Fähigkeiten überstieg. Aber im Vertrauen auf das väterliche Wohlwollen des Papstes und unter der Führung des Heiligen Geistes konnte ich ja sagen.

Diese Aufgabe dauerte mehr als 20 Jahre…

Ja, ich bin im Februar 1982 gekommen, und es dauerte bis zum Tod des Papstes im Jahr 2005.

Was sind Ihrer Meinung nach, Heiliger Vater, die bedeutendsten Meilensteine im Pontifikat von Johannes Paul II.?

Wir können dieses Pontifikat von zwei Seiten betrachten: ad extra – zur Welt – und ad intra – zur Kirche.

Was die Welt angeht, hat der Heilige Vater mit seinen Reden, seiner Person, seiner Gegenwart und seiner Fähigkeit zu überzeugen ein neues Gespür für die moralischen Werte und die Bedeutung der Religion geschaffen. Das hat zu einer neuen Offenheit – einer neuen Sensibilität – für die Probleme der Religion und für die Notwendigkeit der religiösen Dimension im Menschen geführt.

Vor allem ist die Bedeutung des Bischofs von Rom auf eine ungeahnte Weise gewachsen. Trotz aller Unterschiede und obwohl nicht alle den Nachfolger Petri anerkennen, haben die Christen wahrgenommen, daß er der Sprecher der Christenheit ist.

Auch für Nichtchristen und andere Religionen wurde er zum Verkünder der großen Werte der Menschheit.

Man muß auch erwähnen, daß es ihm gelang, unter den Weltreligionen ein Klima des Dialogs zu schaffen und das Bewußtsein für eine gemeinsame Verantwortung für die Welt zu wecken. Er hat auch deutlich gemacht, daß Gewalt und Religion unvereinbar sind und daß wir zusammen den Weg des Friedens suchen müssen – in dieser gemeinsamen Verantwortung für die Menschheit.

Schauen wir nun auf die Situation der Kirche.

Ich glaube, daß er vor allem die Jugendlichen für Christus begeistern konnte.

Das ist etwas Neues, wenn wir an die Jugend der 68er und der 70er Jahre denken. Daß sich die jungen Menschen für Christus und die Kirche sowie für anspruchsvolle Werte begeisterten, konnte nur einer Persönlichkeit mit diesem Charisma gelingen.

Er alleine konnte die Jugend der Welt für Gottes und Christi Liebe mobilisieren.

In der Kirche hat er – denke ich – eine neue Liebe zur Eucharistie geweckt.

Wir befinden uns noch im Jahr der Eucharistie, das er mit so viel Hingabe gewollt hat. Er weckte ein neues Bewußtsein für die Größe der göttlichen Barmherzigkeit. Er vertiefte auch sehr die Liebe zur Muttergottes. Dadurch führte er uns zu einer Verinnerlichung des Glaubens und gleichzeitig zu einer größeren Wirksamkeit.

Natürlich muß man – wie wir alle wissen – auch den Beitrag erwähnen, den er für die großen Umwälzungen in der Welt geleistet hat, die 1989 zum Untergang des sogenannten real-existierenden Sozialismus führten.

Was hat Sie, Heiliger Vater, im Laufe Ihrer persönlichen Treffen und Gespräche mit Johannes Paul II. am meisten beeindruckt? Könnten Sie etwas über Ihre letzten Begegnungen mit Johannes Paul II. erzählen?

Ja. Die letzten beiden Begegnungen fanden um den 5. oder 6. Februar in der Gemelli-Klinik statt sowie in seinem Zimmer am Tag vor seinem Tod.

Beim ersten Treffen litt der Papst sichtbar an großen Schmerzen. Aber er war ganz bei sich und gegenwärtig. Ich war einfach für ein Arbeitstreffen gekommen, weil ich ihm einige Dinge vorlegen mußte.

Obwohl er sehr litt, folgte der Heilige Vater dem, was ich sagte, mit großer Aufmerksamkeit. In wenigen Worten teilte er mir seine Entscheidungen mit. Er gab mir seinen Segen. Er grüßte mich auf Deutsch und brachte so sein ganzes Vertrauen und seine Freundschaft zum Ausdruck.

Es bewegte mich sehr, wie er einerseits in Einheit mit dem leidenden Christus litt und sein Leiden mit ihm und für ihn trug. Andererseits aber sah ich, wie er eine innere Fröhlichkeit und vollkommene Geistesgegenwart ausstrahlte.

Die zweite Begegnung fand am Tag vor seinem Tod statt. Er litt offensichtlich an noch größeren Schmerzen. Ärzte und Freunde umgaben ihn. Er war noch ganz bei sich und gab mir seinen Segen.

Er konnte nicht mehr viel sprechen. Seine Geduld im Leiden hat mich viel gelehrt, vor allem, wie er sich den Händen Gottes anvertraute und sich seinem Willen überließ.

Trotz der erkennbaren Schmerzen war er frohen Mutes, denn er befand sich in den Händen der göttlichen Liebe.

In Ihren Ansprachen erwähnen Sie, Heiliger Vater, oft die Gestalt von Johannes Paul II. Sie sagen von ihm, daß er ein großer Papst war und ein betrauerter und verehrter Vorgänger. Wir denken immer an die Worte Ihrer Heiligkeit während der Messe vom 20. April. Sie sagten damals – ich zitiere: „Es scheint, daß er mich an der Hand führt. Ich sehe seine lachenden Augen und höre seine Stimme, die sich in diesem Augenblick besonders an mich richtet: ‘Hab keine Angst!’“

Heiliger Vater, zum Schluß eine sehr persönliche Frage: Spüren Sie immer noch die Gegenwart von Johannes Paul II.? Und wenn ja, wie?


Gewiß.

Ich möchte zunächst auf den ersten Teil Ihrer Frage antworten.

Als ich vorher vom Erbe des Papstes sprach, habe ich vergessen, die vielen Dokumenten zu erwähnen, die er uns hinterlassen hat: 14 Enzykliken, viele pastorale und andere Schreiben. Das ist ein sehr reiches Erbe, das in der Kirche noch nicht ausreichend umgesetzt ist.

Ich sehe eine meiner existentiellen und persönlichen Sendungen darin, nicht viele neue Schreiben zu veröffentlichen, sondern darauf hinzuwirken, daß diese Dokumente verwirklicht werden.

Sie stellen einen sehr reichen Schatz dar – eine authentische Interpretation des Zweiten Vatikanums.

Wir wissen, daß der Papst ein Mann des Konzils war. Er hatte Geist und Buchstaben des Konzils innerlich aufgenommen und er läßt uns mit seinen Texten verstehen, was das Konzil tatsächlich wollte – und was es nicht wollte.

Er hilft uns, Kirche unserer Zeit und der Zukunft zu sein.

Jetzt komme ich zum zweiten Teil Ihrer Frage.

Der Papst war mir durch seine Texte immer sehr nahe. Ich sehe ihn und höre ihn sprechen. Ich kann mit dem Heiligen Vater in einem andauernden Dialog stehen, denn durch diese Worte spricht er immer zu mir.

Ich kenne auch den Ursprung vieler Texte. Ich erinnere mich an die Gespräche, die wir über den einen oder anderen Text geführt haben. Ich kann diesen Dialog mit dem Heiligen Vater fortführen.

Natürlich ist diese Nähe durch Worte nicht nur eine Nähe zu Texten, sondern auch zur Person. Hinter den Texten spüre ich den Papst selber.

Ein Mensch, der in Christus stirbt, geht nicht weg. Ich spüre immer mehr, daß er bei Christus auch mir nahe ist. Insofern ich Christus nahe bin, bin ich dem Papst nahe. Er hilft mir jetzt, Christus nahe zu sein.

Ich versuche, in seine Atmosphäre des Gebets einzutreten – in seine Liebe zu Gott Vater und zur Muttergottes. Ich vertraue mich seinen Gebeten an. Das ist ein andauernder Dialog und auch ein Nahesein – auf eine neue, aber auf eine sehr tiefe Weise.

Heiliger Vater, wir erwarten Sie in Polen. Viele fragen sich, wann der Papst nach Polen kommen wird…

Ja, die Absicht besteht, nach Polen zu fahren, wenn Gott es will und es mir die Zeit erlaubt. Ich habe mit Erzbischof Stanislaus Dziwisz über das Datum gesprochen. Man sagte mir, daß der Juni die beste Zeit wäre.

Natürlich muß alles erst noch mit den zuständigen Stellen abgesprochen werden. In diesem Sinn ist das eine provisorische Ankündigung. Aber ich glaube, daß ich im nächsten Juni – wenn Gott so will – nach Polen kommen könnte.

Heiliger Vater, im Namen aller Fernsehzuschauer danke ich Ihnen von Herzen für dieses Interview. Danke, Heiliger Vater.

Ich danke Ihnen.

Übersetzung: Ludwig Waldmüller von ‘Radio Vatikan’ und kreuz.net
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