Dienstag, 25. Oktober 2005 13:35
Zum Abschluß der Römischen Bischofssynode über die Eucharistie sprach kreuz.net mit Pater Markus Graulich. Der Salesianer und Professor für Kirchenrecht an der Päpstlichen Universität seines Ordens in Rom war für die Synodenberichterstattung in deutscher Sprache verantwortlich.
Was gibt es über die Bischofssynode zu sagen, das in den Medien nicht so zum Ausdruck kam oder vergessen
wurde?Pater Markus Graulich SDB: Bei etwa 240 ausführlichen Wortmeldungen im Plenum, bei der Vielzahl
der Beiträge in der freien Diskussion und den Sprachgruppen ist in der Öffentlichkeit sicher nur ein
oberflächlicher Eindruck von dem entstanden, was auf der Synode vor sich ging.
Unter den Bischöfen
herrschte eine echt kollegiale Atmosphäre, bei allen Unterschieden in Sichtweisen und Vorschlägen zum
konkreten Handeln.
Der Vielfalt, die dadurch deutlich wurde, ging die gemeinsame Verpflichtung auf das
Wort Jesu voraus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“
Viele Bischöfe und Experten kamen mit dem Gefühl
nach Rom, daß es nach den Schreiben von Johannes Paul II. nicht mehr wirklich viel über die Eucharistie
zu besprechen gäbe.
Doch, als der Dialog ins Rollen kam, entdeckten alle den Reichtum des kirchlichen
Lebens, der in der Eucharistie seine Mitte hat, bei allen ortskirchlichen Problemen, ob es um die Beachtung
der liturgischen Normen, die soziale Dimension der Eucharistie oder die Feier der Eucharistie in Krieg
und Leid geht.
Neben den Arbeiten am Synodenthema war für die Teilnehmer sicher auch die Begegnung mit
dem Heiligen Vater und untereinander von Bedeutung sowie die vielen Gespräche am Rande und in den Pausen.
Die Gemeinschaft des Bischofskollegiums kam vor und über aller thematischen Beschäftigung spürbar
zum Ausdruck.
Einer der dichtesten Momente dieser Kollegialität war die Anbetung in St. Peter, zu der
sich der Papst und die Synodenväter am vergangenen Montag in der Peterskirche trafen.
Welche Themen
waren auf der Bischofssynode wirklich die wichtigsten?Pater Markus Graulich SDB: Es gab aus meiner Sicht
ein dominierendes Thema: die Sorge um die Eucharistie als die Mitte des kirchlichen Lebens.
Darauf lassen
sich andere Themen zurückführen wie etwa die Frage nach der Katechese, das heißt, nach der Erschließung
des eucharistischen Geheimnisses.
Dieses Thema hat viele Facetten, die von der ‘ars celebrandi’ – die
Kunst des Zelebrierens als erster Möglichkeit der Erschließung des Geheimnisses – über die Sakramentenvorbereitung
bis hin zum Einbezug der Familie in die Vorbereitung der Kinder auf den Empfang der Kommunion und die
TV-Übertragung von Messen reicht.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach der Ermöglichung der
Feier der Eucharistie in Zeiten des Priestermangels, der Säkularisierung und des schwindenden religiösen
Bewußtseins auch der Getauften.
Dann ging es um die sogenannten Wort-Gottes-Feiern „in Erwartung des
Priesters“ – eine Formulierung, die an Stelle des Begriffs „priesterlose Gottesdienste“ getreten ist.
Sie macht auch deutlich, daß solche Feiern nicht die Vollform der sonntäglichen Messe ersetzen können.
Immer vom Zentralthema ausgehend ging es auch um die Frage der Berufungen, der Kultur und Bedeutung des
Zölibates usw.
Es war erstaunlich zu sehen, wie die Frage nach der Eucharistiefeier als Mitte des Lebens
der Kirche alle Kulturen beschäftigt, ob vor dem westeuropäischen und nordamerikanischen Hintergrund
der Säkularisierung oder vor dem Hintergrund des Fortschreitens der Sekten in Lateinamerika.
Welches
Thema wurde am kontroversesten diskutiert?Pater Markus Graulich SDB: Kontrovers ging es zu bei den Fragen
der Zulassung zum Kommunionempfang und zwar sowohl im Hinblick auf die nichtkatholischen Christen als
auch im Hinblick auf wiederverheiratete Geschiedene und katholische Politiker, die lebensfeindliche Gesetze
verabschieden.
Ebenso kontrovers war die Diskussion um die Frage der Zulassung der sogenannten ‘viri
probati’ zur Priesterweihe.
Diese Möglichkeit wird in den Vorschlägen an den Heiligen Vater als ein
derzeit nicht zu beschreitender Weg bezeichnet.
Die Diskussion wird aber weitergehen, glaube ich.
Welchen
Eindruck haben Sie von der Berichterstattung weltlicher und kirchlicher Medien über die Synode?Pater
Markus Graulich SDB: Ich war ehrlich gesagt von dem doch relativ großen Interesse der Medien an einem
so dezidiert kirchlich-theologischen Thema überrascht.
Die weltlichen Medien haben sich dann zwar in
der Berichterstattung meistens zurückgehalten, oder sich auf die „heißen Eisen“ gestürzt, wobei gerade
die italienischen Medien nicht immer das wiedergaben, was wirklich in der Synode diskutiert wurde.
Es
genügten einzelne Reizworte, um darum herum eine Story zu „stricken“.
Sicher ist es gerade für die
weltlichen Medien schwer, Nuancen zu verstehen und die Geduld aufzubringen, sich durch die Dokumentation
der Synodentätigkeit zu arbeiten.
Dadurch kommt aber oft ein verzerrtes, mindestens aber ein verkürztes
Bild der Synode zum Vorschein.
Ausdrücklich positiv hervorheben möchte ich den Film des Bayrischen
Fernsehens „Der Papst hält Rat“, in dem eine dreiviertel Stunde lang zur besten Sendezeit (19.30-20.15
Uhr) sehr kenntnisreich über die Synode im Leben der Kirche und die jetzige Synode berichtet wurde.
Was war für Sie der bewegendste Moment auf der Weltbischofssynode?Pater Markus Graulich SDB: Neben
der Anbetungsstunde in Sankt Peter waren das die Beiträge in der Synodenaula, in denen die Bischöfe
aus den ex-kommunistischen Ländern oder auch aus Lateinamerika und Afrika Zeugnis ablegten über die
Bedeutung der Eucharistie in ihrem Leben, in der Gefangenschaft, im Bürgerkrieg, in der Verfolgung, unter
den unvorstellbarsten Umständen.
Diese Beiträge wurden immer mit Applaus bedacht, weil deutlich wurde:
ohne die Feier der Eucharistie kann ein katholischer Christ nicht leben.
Wie würden Sie den Umgang der
einzelnen Bischöfe miteinander beschreiben? Gab es Sprachprobleme?Pater Markus Graulich SDB: Wie schon
erwähnt, herrschte auf der Synode eine sehr kollegiale und auch sehr entspannte und brüderliche Atmosphäre,
bei aller betont sachbezogenen Diskussion.
In der Aula selbst gab es durch die sehr gute Simultanübersetzung –
die beiden jungen Legionäre Christi Vincenz und Sylvester Heeremann, die zum großen Teil die Übersetzung
ins Deutsche bestritten, verdienen ein besonderes Lob – keine Sprachprobleme.
Im persönlichen Gespräch
halfen sich die Bischöfe oft gegenseitig mit Übersetzungen aus, und oft reichte auch eine Geste, um
sich verständlich zu machen.
Es wird gemunkelt, daß die lateinische Arbeitsgruppe den mangelnden Lateinkenntnissen
der Prälaten zum Opfer fiel. Haben Sie den Eindruck, daß die Kirchensprache auf der Synode präsent
war?Pater Markus Graulich SDB: Es ist richtig, daß es keinen Arbeitskreis gab, der sich ausschließlich
der lateinischen Sprache bediente.
Einzelne Bischöfe – wenn auch nur drei oder vier – haben aber ihren
Beitrag in der Aula auf Latein gehalten. Die offiziellen Vorträge – die Relatio des Generalsekretärs,
die Relatio vor und nach der Diskussion – sowie die Vorschläge für den Heiligen Vater wurden in Latein
vorgetragen.
Von daher ist das Latein schon präsent gewesen, aber es hat sicher nicht dominiert.
Viele
Bischöfe haben einen erschwerten Zugang zur Kirchensprache, deren Pflege im Studium nicht im Vordergrund
steht.
Italienisch können wohl die meisten, viele auch Englisch oder Französisch.
Generell ist vielleicht
der Eindruck entstanden, daß man die schweren liturgischen Mißstände in der Kirche heruntergespielt
hat. Wird man nach der Synode konkret dagegen vorgehen?Pater Markus Graulich SDB: Das würde ich so
allgemein nicht sagen. Die Mißstände wurden und werden wahrgenommen.
Es wurde aber auch hervorgehoben,
daß sie im Schreiben der Gottesdienstkongregation ‘Redemptionis Sacramentum’ schon ausführlich behandelt
wurden und es nun auf der konkreten Ebene vor Ort darum geht, Abhilfe zu schaffen.
Persönlich glaube
ich, daß es eigentlich für einen Priester genügen müßte, sich vor der Feier jeder Messe an einen
Satz zu erinnern, der ihm bei der Weihe gesagt worden ist: „Bedenke, was Du tust, ahme nach, was Du vollziehst,
und stelle Dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“
Oder, wie es der ehemalige Bischof von Mainz,
Hermann Kardinal Volk († 1988), gerne ausdrückte: „Jetzt feiern wir Gottesdienst und nicht uns selbst!“
Dieses Grundgesetz liturgischen Handelns der Kirche ist eine Sache der persönlichen Haltung und auch
der persönlichen Demut: die Messe und die anderen Sakramente so zu feiern, wie es die Kirche vorsieht
und immer mehr versuchen, zu verstehen.
Dann kommt die Beachtung der Normen von allein.
Natürlich muß
sich jeder auch die Zeit nehmen, die Normen der Liturgie zur Kenntnis zu nehmen und zum Beispiel die Einführung
in das Meßbuch mit Verstand zu lesen.
In diesem Sinne könnte den Mißbräuchen schon in der Seminarausbildung
Einhalt geboten werden.
Ich habe den Eindruck, daß die von Seiten der Synodenväter erfolgte Betonung
der ‘ars celebrandi’ – der Kunst des Zelebrierens – und des Umstandes, daß eine würdige Feier der Sakramente
schon einen Großteil der Katechese ausmacht, in diese Richtung weisen und erhoffe mir entsprechend eine
Verbesserung.
Es gilt aber auch, was verschiedene Synodenväter hervorgehoben haben: die vereinzelt geschehende
Feier der Eucharistie unter Mißachtung der geltenden Normen soll nicht vergessen lassen, daß mehrere
hundertausend Priester jeden Tag die Eucharistie würdig und nach den Normen der Kirche feiern.
Ihnen
haben die Synodenväter deshalb auch ausdrücklich gedankt.
Ein großes Problem vatikanischer Dokumente
besteht darin, daß vieles auf dem Papier bleibt. Wird es den Verlautbarungen der vergangenen Bischofssynode
auch so gehen?Pater Markus Graulich SDB: Das hoffe ich nicht. Der Großteil der Texte ist ja auch nicht
zur Veröffentlichung bestimmt.
Ich habe einmal überschlagen, daß auf der Synode an die 1000 Seiten
Papier bedruckt wurden: die Beiträge der Väter von je sechs Minuten, die Protokolle der Sprachgruppen,
die Vorschläge, die Modi zu den Vorschlägen usw.
Wer außerhalb der Synode wird das jemals lesen? Die
eigentlichen Ergebnisse der Synode wird der Heilige Vater in seinem postsynodalen Schreiben zusammenfassen.
Ich hoffe, daß dieses Schreiben dann breit zur Kenntnis genommen und in den Ortskirchen durch unterstützende
Maßnahmen auch umgesetzt wird.
Pater Graulich, herzlichen Dank für das Gespräch.