Donnerstag, 27. Oktober 2005 15:52
Eine Anti-Kirchweihpredigt
Am Sonntag vor einer Woche war Kirchweihfest. Die Predigt eines auswärtigen Priesters war eine sehr schwungvolle und pastoral sehr drängende Anti-Kirchweihpredigt. Ein Brief an den Pfarrer. Von Prof. Dr. Georg Muschalek.
(kreuz.net) Sie wissen, Herr Pfarrer, daß wir am Sonntag gern zu Ihnen in Ihre Kirche zur Messe kommen. Wir schätzen es, daß hier das Wesentliche nicht in den Hintergrund tritt.

Am 16. Oktober war Kirchweihfest.

Die Predigt – gehalten von einem Priester von auswärts – war eine sehr schwungvolle, pastoral sehr drängende Anti-Kirchweihpredigt.

Sie werden das vielleicht übertrieben finden. Ich sehe aber nicht, wie man sie anders charakterisieren könnte.

Was der Prediger positiv sagte, ist in dieser Predigt richtig und wertvoll gewesen. Er hat seine Sache auch, wie gesagt, mit ungewöhnlichem Schwung und Elan vorgetragen.

Er wollte die Menschen an das erinnern, was wirklich wichtig ist: daß sie lebendige Steine sind, der Bau Gottes zu Seiner Ehre, das allgemeine heilige Priestertum, das Volk Gottes, das sich als heiliges Opfer hingibt.

Dies alles war sehr dringlich, im Hinblick auf das, was im Einzelnen wie in der Gemeinde durch Gottes Gnade vor sich geht.

Es war in seiner Predigt aber auch dringlich, weil der Priester vor einer Überschätzung der Steine und des äußeren Kirchenbaus warnen wollte.

Warnen vor einer Überschätzung?

Eigentlich war es mehr als ein Warnen.

Es war eine Predigt, die den Blick vom steinernen Kirchenbau wegwenden wollte, hin zu dem geistigen, innerlichen, kommunikativen Bau, den die Menschen selber darstellen.

Nun ist das nichts Neues und es geschieht beileibe nicht nur in Ihrer Kirche.

In den letzten vierzig Jahren hört man diese Gedanken an Kirchweihfesten landauf landab.

Man könnte entgegnen, daß die Gläubigen das Kritische in solchen Predigten nicht so deutlich merken. Das mag sein.

Doch es ist trotzdem eine schleichende Entwöhnung der Menschen vom Katholischen.

Dazu gehört nicht nur die Innerlichkeit – das Erleben des Einzelnen und das Erleben der Gemeinschaft.

Zu ihm gehört auch die feste äußere Realität, die uns Gott in seinem Sohn gegeben hat.

Er ist Mensch geworden, war hier – und nicht dort – konnte gesehen und berührt werden: zum Heil oder zum Haß, verehrend oder abwehrend.

Seither gibt es das Wasser der Taufe, das Brot und den Wein für die Eucharistie, die Sakramente, das Lehramt, das Dogma.

Auch Lehramt und Dogma besitzen etwas von der Härte dieser Wirklichkeit.

Sie bieten dem Menschen Realität.

Das ist eine gewisse Härte, ohne die der Mensch nicht leben kann.

Gewiß, der Stein kann verletzen und töten. Aber er ist auch das feste Fundament, auf dem der Mensch steht. Dieses Fundament rettet ihn vor dem Versinken. Es macht es ihm ermöglicht, auf ihm sein eigenes Haus zu bauen.

Der Protestantismus hat an diesen Steinen im göttlichen Heilsplan Anstoß genommen.

Er wollte die Innerlichkeit des Christen retten, die manchmal unter den Steinen vielleicht tatsächlich begraben wurde.

Er hat sich aber damit von einer wesentlichen Dimension des christlichen Lebens getrennt. Er hat das Christentum verengt.

Vielleicht war diese Abkehr im Zeitalter der Reformation verständlicher. Möglicherweise kam die Innerlichkeit damals wirklich zu kurz.

Heute können wir es aber besser wissen, weil die Geschichte es uns deutlich gemacht hat, wie sehr die äußere, die greifbare – also die sakramentale – Realität des Heils, die greifbar ist wie Jesus von Nazareth, zum Christentum gehört.

Ich war zufällig am selben Tag des Kirchweihfestes auch in der Kirche im bayerischen Kastl bei Amberg. In diesem gewaltigen steinernen Raum wird seit dem 12. Jahrhundert – mit einer kurzen calvinistischen Unterbrechung – das Meßopfer gefeiert und gebetet.

Die Mönche, das Volk und die Fürsten haben diese Kirche geliebt.

Die Menschen haben es sich oft viel kosten lassen, eine Kirche zu bauen oder wieder aufzubauen, wenn sie niedergebrannt oder niedergerissen wurde.

Oft brachten sie die Steine selber mit ihren Ochsenkarren zum Bau.

Heute werden Kirchen, die überflüssig und kostspielig erscheinen, abgestoßen.

Sie werden umgewidmet, wie es schönfärberisch heißt.

Im Bistum Essen soll mehr als ein Drittel der vorhandenen Kirchen entsorgt werden. In anderen Diözesen ist es ähnlich.

Was ist mit uns geschehen?

Können wir heute noch sagen: „Wie freute ich mich, da wir zum Hause des Herrn zogen?“ Das war ein Gesang Israels.

Wir haben keinen Tempel mehr. Haben wir deshalb keine Kirchen?

Brauchen wir deshalb nicht die Steine des Kirchenbaus, die an der geheiligten Wirklichkeit dieser Welt teilnehmen, seitdem der Sohn Gottes Mensch und damit für uns Menschen greifbar zum Heil wurde?

Bei der Inthronisation des früheren Erzbischofs von Bamberg, Mons. Karl Braun, sang der Chor zur Eröffnung: „Wir sind die Kirche“.

Also wir, nicht er.

Auch da muß man sagen: Was der Chor sang, war richtig. Es ist wahr: Wir sind die Kirche.

Es ist wahr: Der Erzbischof ist nicht die Kirche.

Durch den konkreten Zusammenhang aber, in dem gesungen wurde – beim feierlichen Einzug des neuen Erzbischofs – erhielt dieser Gesang eine Spitze, die diesen Text ernsthaft und gefährlich falsch macht.

Wie durch eine unsichtbare Osmose wird den Menschen nahegelegt, daß ein Bischof für die Kirche nicht so wichtig ist.

Es wird den Menschen etwas eingeflößt, was falsch und gefährlich ist, nicht in sich selbst, sondern durch den gegebenen Zusammenhang.

Es heißt dann: „Wir sind Kirche“, obwohl der neue Bischof heute so gefeiert wird.

„Wir sind der lebendige Bau“, obwohl heute die Weihe der Kirche, der steinernen, gefeiert wird.

Wir müssen dem Prediger danken, daß er sein Anliegen im Schlußsatz zusammenfaßte:

„Wir feiern heute nicht die Steine. Wir feiern vor allem die Gemeinde“.

Wir werden die Kirchweihe erst dann in katholischer Weise feiern, wenn die
Gemeinde sagen darf:

„Wie freute ich mich, da wir zogen zum Hause des Herrn“.
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