10:58:06 | Dienstag, 22. November 2005
Sehr geehrte Mitglieder der Österreichischen Bischofskonferenz,Wie den zahlreichen Medienberichten
zu entnehmen ist, haben Sie mit dem Papst in Rom
unter anderem über den zunehmenden Säkularisierungsprozeß
in Österreich gesprochen.
Diese Entwicklung ist nicht neu und hat gute Gründe.
Ich darf Ihnen dazu
aus eigener Erfahrung eine kleine Beobachtung mitteilen.
Ich bin Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
in Wien. Unter anderem betreue und behandle ich Frauen, die mit einer ungewollten Schwangerschaft zu einem
Abbruch der Schwangerschaft kommen.
Keine der Frauen, die ich bisher gesehen habe, macht sich die Entscheidung
leicht. Wenn sie sich trotzdem für diesen Schritt entscheiden, dann deshalb, weil sie keine andere Lösungsmöglichkeit
sehen.
In dieser Situation treffen diese Frauen vor unserem Ambulatorium [Ort, wo ungeborene Kinder getötet
werden A.d.R.] auf Menschen katholischen Glaubens, die gezielt auf sie warten, sie ansprechen, ihnen Material
übergeben und häufig Plakate umgehängt haben, welche mit emotionellen, inhaltlich falschen Bildern
schockieren wollen.
Diese Menschen nennen die Frauen „Mörderin“, sprechen sie mit „du“ an, stellen sich
gelegentlich in den Weg und versprechen helfen zu können, wo sie doch nicht im Mindesten die Situation
der Frauen kennen, ja nicht einmal daran interessiert sind, wo deren Probleme sind oder ob die Frauen
überhaupt mit ihnen sprechen wollen.
Zusammenfassend kann ich Ihnen berichten, daß die Aktionen der
Menschen vor unserem Ambulatorium bei praktisch allen Patientinnen und ihren Begleitpersonen eine Wut,
teilweise eine maßlose Wut, auslösen.
Was von den religiös motivierten Demonstranten als besonders
empörend empfunden wird, ist der absolute Mangel an Respekt für andere Menschen, insbesondere für Frauen
in einer Krisensituation.
Diese Wut richtet sich in gleichem Ausmaß gegen die Menschen vor dem Ambulatorium
wie auch gegen die Katholische Kirche, die sie vertreten.
Wie bekannt, ist ein Abbruch für die meisten
Frauen ein schwieriger Schritt.
In Erinnerung bleibt vielen dieser Frauen, neben der Wut über die beleidigenden
und entwürdigenden Übergriffe der Demonstranten, vor allem die große Enttäuschung über die Katholische
Kirche, die sie in dieser schwierigen Situation nicht nur nicht unterstützt, sondern mittels der Demonstranten
auch noch Salz in die offene Wunde gestreut hat.
Wenn Sie geehrte Mitglieder der Bischofskonferenz von
der realistischen Annahme ausgehen, daß etwa 3 von 4 Frauen in Österreich einmal in ihrem Leben einen
Abbruch vornehmen lassen und ein großer Teil von ihnen diesen religiös motivierten Übergriffen ausgesetzt
ist, so ergibt sich daraus ein beachtliches Potential für den anhaltenden Säkularisierungsprozeß.
Darüber hinaus ist unklar, wie unter diesen Voraussetzungen eine „Trendwende“ dieses Prozesses möglich
sein soll.
Wenn die großen Worte der Katholischen Kirche von Nächstenliebe nicht nur leere Worte sind,
möchte ich an Sie appellieren,
diese Frauen wenigstens zu akzeptieren und anzunehmen, wenn Sie in den
katholischen Krankenhäusern schon nicht für sie sorgen können oder wollen.
Annehmen hieße aber auch,
die Entscheidung der Frauen für einen Abbruch zu akzeptieren und sie nicht mit emotionalen und inhaltlich
falschen Argumenten, sowie psychischen Übergriffen einzuschüchtern, wie dies tagtäglich unter anderem
durch die Organisation ‘Human Life International’ (HLI) und mit Unterstützung der Kirche „Maria vom Siege“
in Wien geschieht.
Es ist Ihnen hinreichend bekannt, daß es schon immer Schwangerschaftsabbrüche gegeben
hat und die Häufigkeit nur durch eine häufige Anwendung von Verhütungsmitteln zu senken ist.
Ich darf
in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß im internationalen Vergleich Holländerinnen mit Abstand
die niedrigste Rate an Abbrüchen haben. Es ist Ihnen auch bekannt, daß die Legalisierung des Abbruchs
nicht zu einer Zunahme der Häufigkeit von Abbrüchen geführt, jedoch dazu beigetragen hat, daß heute
praktisch keine Frau mehr an dem Eingriff verstirbt, wie es früher an der Tagesordnung war.
In diesem
Sinne verbleiche [sic] ich mit freundlichen Grüßen
Dr. Christian Fiala