Montag, 28. November 2005 15:41
Volle acht Jahre soll die Kongregation für das katholische Bildungswesen am Text einer kaum vier Seiten langen und zum überwiegenden Teil aus Zitaten zusammengestückelten Instruktion gefeilt haben, mit der eine Frage geklärt werden sollte, die ohnehin längst geklärt war. Ein Kommentar von Werner Weiß, Münster.

(kreuz.net) Der
vatikanische Text kommt zur Erkenntnis, daß Homosexuelle nicht zu Priestern geweiht werden
dürfen. Anscheinend hat sich die mühevolle Arbeit gelohnt.
Denn alle sind zufrieden – zumindest alle,
die nichts lieber tun, als sich am Thema Homosexualität öffentlichkeitswirksam zu ergötzen und sich
dabei an Peinlichkeit meist gegenseitig übertreffen.
Während sich die bekennenden Homosexuellen freuen,
endlich einmal wieder nach Herzenslust über den Moralismus der Kirche schimpfen zu können, haben die
verklemmten Homosexuellen in der Kirche endlich einmal wieder einen Anlaß, um sich über die bekennenden
Homosexuellen auszulassen.
Die einen jubeln über die vatikanische Instruktion, die anderen jaulen. Willkommener
Anlaß für beide ist die wohl entscheidende Aussage des Dokuments:
„In die Priesterseminare und zu den
heiligen Weihen können jene nicht zugelassen werden, die die Homosexualität praktizieren, die zutiefst
verwurzelte homosexuelle Tendenzen zeigen oder welche die sogenannte Gay-Kultur unterstützen.“
Über
den ersten und den dritten Punkt dürfte allgemein Klarheit bestehen. Was aber ist mit dem zweiten? Was
heißt „zutiefst verwurzelte homosexuelle Tendenzen zeigen“?
Das Verb „zeigen“ kann im Deutschen – ebenso
wie das Wort „presentare“ im italienischen Original – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen
Sinn verwendet werden.
Im übertragenen Sinn bedeutet es soviel wie „haben“, „besitzen“, „innewohnen“,
im wörtlichen Sinn dagegen „aufweisen“, „zum Ausdruck bringen“, „zur Schau tragen“.
Was also bedeutet
die Aussage, daß jene, die „zutiefst verwurzelte homosexuelle Tendenzen“, in Seminaren und am Altar nichts
zu suchen haben?
Sind davon auch jene betroffen, die homosexuelle Tendenzen heimlich in sich tragen,
oder nur jene, die offen dazu stehen? Ist die Neigung an sich gemeint, oder lediglich das Bekenntnis dazu?
Die Antwort der Bildungskongregation ist ein gequältes „Jein“.
Angesichts dessen erscheint mit einem
Mal die bemerkenswert lange Zeit, die man zur Erarbeitung der Instruktion gebraucht hat, in einem neuen
Licht: Hat man vielleicht bewußt um Formulierungen gerungen, die auf die in der jüngeren Zeit immer
drängenderen Fragen antworten, ohne sie beantworten zu müssen?
Roma locuta, causa finita – Rom hat
gesprochen, die Angelegenheit ist erledigt. Was früher einmal eine Binsenwahrheit war, ist heute ein
Wunschtraum. Rom hat gesprochen, aber nicht entschieden. Die Angelegenheit ist nichts weniger als erledigt.
Modernisten und Moralisten werden noch lange Gelegenheit haben, sich an ihrem Lieblingsthema zu ergötzen
und an Schamlosigkeit gegenseitig zu übertreffen.
Auf der Strecke bleibt – wieder einmal – die schweigende
Mehrheit der Normalen, denen die öffentliche Diskussion um das Thema Homosexualität schlichtweg peinlich
und zuwider ist.