13:29:54 | Montag, 23. Januar 2006
In Frankfurt sollte eine Buchlesung zur israelischen Grenzmauer in Palästina stattfinden. Doch eine bekannte jüdische Persönlichkeit der Stadt wußte das mit seltsamen Methoden zu verhindern.
(kreuz.net, Frankfurt) Eigentlich wollte Rupert Neudeck (66) am 20. Januar in der evangelischen Heilig-Geist-Kirche
in Frankfurt aus seinem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ lesen.
Der in Danzig geborene Journalist
ist seit über 25 Jahren für Notleidende im Einsatz. Weltbekannt wurde er als Begründer der Bewegung
‘Cap Anamur’, deren Schiffe Tausenden von vietnamesischen Flüchtlingen das Leben retteten.
Seit 2002
ist Neudeck Gründer und Vorsitzender der Hilfsorganisation ‘Grünhelme e.V.’, die sich für ein Zusammenleben
von Christen, Muslimen und Juden einsetzt.
In seinem jüngsten Buch geht es um den umstrittenen Mauerbau
in den von Israel besetzten Palästinensergebieten.
„Wir Deutschen sind in unserem ernsten Bemühen Schuld
abzutragen, immer wieder in die Freundschaftsfalle Israels hineingetapst“, schreibt Neudeck dazu:
„Wir
haben das Urteil Israels über die Palästinenser angenommen, das oft das Urteil von Verachtung ist.“
Die Palästinenser würden seit 39 Jahren durch eine Besatzung gequält.
„Die Trauer und das Entsetzen
über den Holocaust ist das eine. Aber die sklavische Unterstützung der Politik Israels ist etwas anderes.“
Neudecks Buch ist dem argentinisch-israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim gewidmet, der
im August 2005 mit seinem arabisch-jüdischen Orchester in der Stadt Ramallah – 15 Kilometer nördlich
von Jerusalem – auftrat.
Im Vorwort schreibt der ehemalige CDU-Arbeitsminister, Norbert Blüm (70), daß
Neudecks Buch die Antwort auf die Feigheit vieler Väter sei, „die sich einst duckten, die Augen schlossen
und sich davonmachten, als Juden in Deutschland deportiert und massakriert wurden“.
Der Kampf für Menschenrechte
sei eine Art von Wiedergutmachung für die Verachtung der Menschenrechte, der sich deutsche Vorfahren
schuldig gemacht hätten, so der ehemalige Minister.
Bei der Buchvorstellung hätte auch Dr. Hajo G.
Meyer sprechen sollen. Meyer wurde als Deutscher geboren, mußte aber als Kind wegen seiner jüdischen
Abstammung in die Niederlande flüchten. Während des Krieges verbrachte er zehn Monate in Auschwitz.
Neudecks Buch ist
im ‘Melzer Verlag’ erschienen. Der Verleger, Abraham Melzer, ist in Israel aufgewachsen
und wurde seit der ersten Intifada (1987) zum Kritiker der israelischen Palästinenserpolitik.
Doch aus
der angekündigten Buchlesung in der Heilig-Geist-Kirche wurde nichts. Denn der ‘Evangelische Regionalverband’
sperrte kurzfristig den dafür zugesagten Kirchenraum.
Verhindert wurde die Veranstaltung durch den in
Polen geborenen jüdischen Historiker und Schriftsteller, Arno Lustiger (81). Lustiger lebt seit Kriegsende
in Frankfurt und ist ein Cousin des emeritierten Erzbischofs von Paris, Jean-Marie Kardinal Lustiger.
Am 17. Januar 2006 alarmierte Arno Lustiger seine Freunde:
Als Überlebender des Holocausts, Mitbegründer
der ‘Jüdischen Gemeinde in Frankfurt’ und Ehrenvorsitzender der ‘Zionistischen Organisation Frankfurt’
habe er schockiert erfahren müssen, daß am 20. Januar 2006 in Frankfurt eine „höchst verachtungswürdige“
Veranstaltung stattfinden solle.
Die als „Veranstaltung für den Frieden“ angemeldete Buchvorstellung
verspreche eine „haßerfüllte Hetzveranstaltung gegen den Staat Israel“ zu werden.
Die Gastredner, Hajo
Meyer und Rupert Neudeck, seien angeblich „für Ihre Meinungen und Ihre Vergleiche zwischen den Verteidigungsmaßnahmen
des Staates Israels und den barbarischen Handlungen der Nationalsozialisten bekannt.“
Auch der vorstellende
Moderator, Abraham Melzer, habe auf ähnlich unrühmliche Art immer wieder auf sich aufmerksam gemacht.
Er bitte – so Lustiger – alle Freunde und Bekannten mit und ohne Israel-Fahne vor und während der Veranstaltung
„für das Existenzrecht Israels und gegen die sich ständig wiederholenden Verleumdungskampagnen“ dieser
„eigentümlichen Gestalten“ zu demonstrieren.
Hier gelte das Motto: „Wehret den Anfängen. Nein zu Antisemitismus
(egal ob dieser von Selbsthassern ausgeht, oder von anderen) Am Israel chai! – hebräisch für: „Volk
Israel lebe!“ – Lang lebe Israel!“
Buchautor Neudeck war über diese Reaktion empört:
Zum ersten Mal
in seiner Erfahrung der Demokratiegeschichte der Bundesrepublik erlebe er, daß gegen die Lesung aus einem
seiner Werke „vorsorglich ohne Kenntnis des Buches“ so demonstriert werden soll, daß diese Lesung nicht
stattfinden könne, erklärte er in einer Stellungnahme.
Das sei ein Versuch, ihn daran zu hindern, zu
berichten, was er gesehen und gehört habe:
„Dr. h.c. Arno Lustiger und seine Freunde wissen nicht, was
ich sagen will, aber sie wollen boykottmäßig verhindern oder stören, daß ich es sage.“
Er wolle nicht
so einfach über den „tiefsitzenden, unter der politisch-moralischen Gürtellinie gehenden Faustschlag
des Dr. h.c. Arno Lustiger“ hinweggehen:
„Ich werde von Arno Lustiger als eine Dunkelmänner-Gestalt,
als »eigentümliche Gestalt« apostrophiert, der man den Mund stopfen muß, bevor er ihn überhaupt aufgemacht
hat.“
Mit Traurigkeit wiederhole er, was er mit seinem Buch sagen und bei dessen Vorstellung erklären
wollte:
„Es ist wirklich so, daß ich den Freunden aus und in Israel immer wieder sagen muß, wie tief
mich die Feigheit meiner Landsleute trifft.“ Für sich habe er die Konsequenz gezogen:
Er wolle am liebsten
sofort jeden in ihm aufkommenden Versuch von Feigheit kappen: „Ich werde aus Liebe zu Israel auch für
die Palästinenser schreien.“
Er habe in seinem Buch einen posthumen Dialog mit dem verehrten Lehrer –
dem jüdischen Autor und Übersetzer – Martin Buber († 1965) geführt, der schon in den 50er Jahren die
Politik des Staates Israel als brandgefährlich beurteilt habe.
Seit er mehrmals die besetzten Gebiete –
vor allem die Innenstadt von Hebron im Süden von Jerusalem – besucht habe, mache ihm die dortige Ungerechtigkeit
gegenüber der Mehrheitsbevölkerung zu schaffen.
„Was würden Sie, Martin Buber, sagen, wenn Sie erleben
würden, was dort in Hebron von israelischen Soldaten angerichtet wurde? Wenn Sie sehen könnten, daß
Unrat von den Wohnungen orthodoxer Juden auf die in den engen Gassen der Altstadt von Hebron herumspazierenden
Palästinenser ausgeleert würde?“
Neudeck schließt: „Lang lebe Israel, das Menschenrechte und Völkerrecht
achtet!“
Empört äußerte sich auch der Verleger Abraham Melzer in einem Brief an Arno Lustiger:
Er
sei schockiert, wie sehr Lustiger die Nazi-Ideologie und Nazi-Methoden verinnerlicht habe, daß er sie
jetzt selber anwende.
Besonders erschüttert sei er über Lustigers Verleumdung des Autors – „ein seit
Jahren verdienstvoller und bekannter Mann, der sich für Menschenrechte und humanitäre Ziele in der Dritten
Welt eingesetzt hat“.
Seine Konsequenz aus Auschwitz sei, so Verleger Melzer: Nie wieder Opfer aber auch
niemals Täter sein.