Heiliges Land
Unter der politisch-moralischen Gürtellinie
In Frankfurt sollte eine Buchlesung zur israelischen Grenzmauer in Palästina stattfinden. Doch eine bekannte jüdische Persönlichkeit der Stadt wußte das mit seltsamen Methoden zu verhindern.
(kreuz.net, Frankfurt) Eigentlich wollte Rupert Neudeck (66) am 20. Januar in der evangelischen Heilig-Geist-Kirche in Frankfurt aus seinem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ lesen.

Der in Danzig geborene Journalist ist seit über 25 Jahren für Notleidende im Einsatz. Weltbekannt wurde er als Begründer der Bewegung ‘Cap Anamur’, deren Schiffe Tausenden von vietnamesischen Flüchtlingen das Leben retteten.

Seit 2002 ist Neudeck Gründer und Vorsitzender der Hilfsorganisation ‘Grünhelme e.V.’, die sich für ein Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden einsetzt.

In seinem jüngsten Buch geht es um den umstrittenen Mauerbau in den von Israel besetzten Palästinensergebieten.

„Wir Deutschen sind in unserem ernsten Bemühen Schuld abzutragen, immer wieder in die Freundschaftsfalle Israels hineingetapst“, schreibt Neudeck dazu:

„Wir haben das Urteil Israels über die Palästinenser angenommen, das oft das Urteil von Verachtung ist.“ Die Palästinenser würden seit 39 Jahren durch eine Besatzung gequält.

„Die Trauer und das Entsetzen über den Holocaust ist das eine. Aber die sklavische Unterstützung der Politik Israels ist etwas anderes.“

Neudecks Buch ist dem argentinisch-israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim gewidmet, der im August 2005 mit seinem arabisch-jüdischen Orchester in der Stadt Ramallah – 15 Kilometer nördlich von Jerusalem – auftrat.

Im Vorwort schreibt der ehemalige CDU-Arbeitsminister, Norbert Blüm (70), daß Neudecks Buch die Antwort auf die Feigheit vieler Väter sei, „die sich einst duckten, die Augen schlossen und sich davonmachten, als Juden in Deutschland deportiert und massakriert wurden“.

Der Kampf für Menschenrechte sei eine Art von Wiedergutmachung für die Verachtung der Menschenrechte, der sich deutsche Vorfahren schuldig gemacht hätten, so der ehemalige Minister.

Bei der Buchvorstellung hätte auch Dr. Hajo G. Meyer sprechen sollen. Meyer wurde als Deutscher geboren, mußte aber als Kind wegen seiner jüdischen Abstammung in die Niederlande flüchten. Während des Krieges verbrachte er zehn Monate in Auschwitz.

Neudecks Buch ist im ‘Melzer Verlag’ erschienen. Der Verleger, Abraham Melzer, ist in Israel aufgewachsen und wurde seit der ersten Intifada (1987) zum Kritiker der israelischen Palästinenserpolitik.

Doch aus der angekündigten Buchlesung in der Heilig-Geist-Kirche wurde nichts. Denn der ‘Evangelische Regionalverband’ sperrte kurzfristig den dafür zugesagten Kirchenraum.

Verhindert wurde die Veranstaltung durch den in Polen geborenen jüdischen Historiker und Schriftsteller, Arno Lustiger (81). Lustiger lebt seit Kriegsende in Frankfurt und ist ein Cousin des emeritierten Erzbischofs von Paris, Jean-Marie Kardinal Lustiger.

Am 17. Januar 2006 alarmierte Arno Lustiger seine Freunde:

Als Überlebender des Holocausts, Mitbegründer der ‘Jüdischen Gemeinde in Frankfurt’ und Ehrenvorsitzender der ‘Zionistischen Organisation Frankfurt’ habe er schockiert erfahren müssen, daß am 20. Januar 2006 in Frankfurt eine „höchst verachtungswürdige“ Veranstaltung stattfinden solle.

Die als „Veranstaltung für den Frieden“ angemeldete Buchvorstellung verspreche eine „haßerfüllte Hetzveranstaltung gegen den Staat Israel“ zu werden.

Die Gastredner, Hajo Meyer und Rupert Neudeck, seien angeblich „für Ihre Meinungen und Ihre Vergleiche zwischen den Verteidigungsmaßnahmen des Staates Israels und den barbarischen Handlungen der Nationalsozialisten bekannt.“

Auch der vorstellende Moderator, Abraham Melzer, habe auf ähnlich unrühmliche Art immer wieder auf sich aufmerksam gemacht.

Er bitte – so Lustiger – alle Freunde und Bekannten mit und ohne Israel-Fahne vor und während der Veranstaltung „für das Existenzrecht Israels und gegen die sich ständig wiederholenden Verleumdungskampagnen“ dieser „eigentümlichen Gestalten“ zu demonstrieren.

Hier gelte das Motto: „Wehret den Anfängen. Nein zu Antisemitismus (egal ob dieser von Selbsthassern ausgeht, oder von anderen) Am Israel chai! – hebräisch für: „Volk Israel lebe!“ – Lang lebe Israel!“

Buchautor Neudeck war über diese Reaktion empört:

Zum ersten Mal in seiner Erfahrung der Demokratiegeschichte der Bundesrepublik erlebe er, daß gegen die Lesung aus einem seiner Werke „vorsorglich ohne Kenntnis des Buches“ so demonstriert werden soll, daß diese Lesung nicht stattfinden könne, erklärte er in einer Stellungnahme.

Das sei ein Versuch, ihn daran zu hindern, zu berichten, was er gesehen und gehört habe:

„Dr. h.c. Arno Lustiger und seine Freunde wissen nicht, was ich sagen will, aber sie wollen boykottmäßig verhindern oder stören, daß ich es sage.“

Er wolle nicht so einfach über den „tiefsitzenden, unter der politisch-moralischen Gürtellinie gehenden Faustschlag des Dr. h.c. Arno Lustiger“ hinweggehen:

„Ich werde von Arno Lustiger als eine Dunkelmänner-Gestalt, als »eigentümliche Gestalt« apostrophiert, der man den Mund stopfen muß, bevor er ihn überhaupt aufgemacht hat.“

Mit Traurigkeit wiederhole er, was er mit seinem Buch sagen und bei dessen Vorstellung erklären wollte:

„Es ist wirklich so, daß ich den Freunden aus und in Israel immer wieder sagen muß, wie tief mich die Feigheit meiner Landsleute trifft.“ Für sich habe er die Konsequenz gezogen:

Er wolle am liebsten sofort jeden in ihm aufkommenden Versuch von Feigheit kappen: „Ich werde aus Liebe zu Israel auch für die Palästinenser schreien.“

Er habe in seinem Buch einen posthumen Dialog mit dem verehrten Lehrer – dem jüdischen Autor und Übersetzer – Martin Buber († 1965) geführt, der schon in den 50er Jahren die Politik des Staates Israel als brandgefährlich beurteilt habe.

Seit er mehrmals die besetzten Gebiete – vor allem die Innenstadt von Hebron im Süden von Jerusalem – besucht habe, mache ihm die dortige Ungerechtigkeit gegenüber der Mehrheitsbevölkerung zu schaffen.

„Was würden Sie, Martin Buber, sagen, wenn Sie erleben würden, was dort in Hebron von israelischen Soldaten angerichtet wurde? Wenn Sie sehen könnten, daß Unrat von den Wohnungen orthodoxer Juden auf die in den engen Gassen der Altstadt von Hebron herumspazierenden Palästinenser ausgeleert würde?“

Neudeck schließt: „Lang lebe Israel, das Menschenrechte und Völkerrecht achtet!“

Empört äußerte sich auch der Verleger Abraham Melzer in einem Brief an Arno Lustiger:

Er sei schockiert, wie sehr Lustiger die Nazi-Ideologie und Nazi-Methoden verinnerlicht habe, daß er sie jetzt selber anwende.

Besonders erschüttert sei er über Lustigers Verleumdung des Autors – „ein seit Jahren verdienstvoller und bekannter Mann, der sich für Menschenrechte und humanitäre Ziele in der Dritten Welt eingesetzt hat“.

Seine Konsequenz aus Auschwitz sei, so Verleger Melzer: Nie wieder Opfer aber auch niemals Täter sein.