Donnerstag, 9. Februar 2006 14:38
Ökumenische Rhapsodie eines Erzbischofs
Der Erzbischof von Hamburg gebar während einer ökumenischen Vesper in einer protestantischen Kirche ungewöhnliche ekklesiologische Theorien.
Erzbischof Werner Thissen
Erzbischof Werner Thissen
(kreuz.net, Hamburg) „Als ich vor drei Jahren meinen Dienst in Hamburg begann, wurde ich kurz gefragt: Wie lebt es sich denn hier und wie sind so Ihre Eindrücke?“

Am Abend des 3. Februars sprach der Erzbischof von Hamburg, Mons. Werner Thissen (67), während der sogenannten Ansgar-Vesper in der evangelischen Hauptkirche St. Petri in Hamburg.

Hamburg befindet sich in Norddeutschland etwa 110 Kilometer entfernt von der Elbemündung in die Nordsee.

In Hamburg – so habe er damals geantwortet – beeindrucke ihn vor allem das gute Miteinander der christlichen Konfessionen. Ein Beispiel dafür sei die Ansgar-Vesper, die bereits das 42. Mal stattfinde:

„Und doch sind wir getrennte Kirchen. Und doch sind wir nicht eins. Was können wir tun, um den Skandal der Trennung abzubauen? Was können wir tun, um immer mehr eins zu werden?“ – fuhr der Erzbischof weiter.

Bei dieser Frage denke er an eine Geschichte des Heiligen Franz von Assisi. Dieser habe den Wunsch gehabt, die weiblichen Mitglieder seines Ordens – die Klarissinnen – zu sprechen.

Dazu sei ein Platz in der freien Natur bei einem Fluß vereinbart worden.

Doch es habe sich ergeben, daß Franziskus auf der einen Seite und Clara mit den Schwestern auf der anderen Seite des Flusses gestanden seien.

Da habe der Heilige Franziskus eine Idee gehabt: „Wir wandern alle flußaufwärts. Aber wir dürfen uns nicht aus dem Blick verlieren. Wir wandern alle flußaufwärts hin zur Quelle. Und wenn wir an der Quelle sind, dann trennt uns nichts mehr.“

Das sei auch ein Bild für die christlichen Kirchen, deutete Mons. Thissen die Geschichte aus.

Der christliche Strom des Anfangs habe sich im Laufe der Jahrhunderte verzweigt. Es habe andere Flußarme gegeben, die in andere Richtungen geflossen seien:

„Der Fluß ist nicht mehr einer, sondern verzweigt in viele Ströme. Es ist aber so: in jedem christlichen Fluß hat sich etwas aus der guten Quelle Gottes bewahrt.“

Jeder Fluß besitze auch Zuflüsse, die nicht vom Dreifaltigen Gott kämen:

„Andere Einflüsse von Macht, Einflüsse von Egoismus, Einflüsse von Eigensinn. Es ist auch von trüben Quellen in jedem etwas zugeflossen.“ Diese schädlichen Zuflüsse müsse man verringern.

Wenn in jeder der unterschiedlichen christlichen Kirchen die reine Quelle des dreifaltigen Gottes die Oberhand gewänne, „dann wären wir eins“, so der Erzbischof:

„Dann wären wir zwar nicht eins in einem einzigen Flußbett, aber wir wären eins dadurch, daß wir alle aus dem gleichen Quell des Dreifaltigen Gottes gespeist werden in unseren Flüssen, in unseren christlichen Kirchen.“

„Dann wäre das eine große reiche christliche Flußlandschaft mit vielen Unterschieden. Aber das wäre kein Problem, weil ja in uns allen dasselbe Wasser lebendig ist, das seinen Ursprung hat im Dreifaltigen Gott.“

Dann würde es die großen Ströme mit den Schiffen geben, Buchten, wo sich die Fische gut entwickeln könnten, Flüsse mit Stränden, wo Menschen sich erfrischen könnten. Es gäbe Flüsse, die das Land tränken und dafür sorgten, daß Blumen und Früchte wachsen könnten:

„Eine reiche christliche Flußlandschaft, aber als Einheit, weil alle versorgt sind mit dem sprudelnden Quell, der von Gott kommt. Dann wären verschiedene Flüsse nicht mehr das Problem. Im Gegenteil!“

Ob das nur ein schönes Bild sei oder Wirklichkeit werden könne, fragte sich sodann der Erzbischof:

Ein Wegbereiter für diese Wirklichkeit sei Frère Roger, der Gründer von Taize, gewesen. Eines Tages habe Roger Schütz seinen Vater, der reformierter Pfarrer war, in einer katholischen Kirche beim stillen, knienden Gebet entdeckt.

Das habe den jungen Roger schockiert, sei aber vielleicht auch ein Anlaß gewesen, die „unterschiedlichen Frömmigkeitsformen der Kirchen“ in sich zu versöhnen.

Eine solche Versöhnung sei auch unsere Aufgabe, so der Erzbischof:

Dadurch würden Dämme abgebaut und „dann reinigen wir das Wasser unseres jeweiligen Flußlaufs“.

Dafür gebe es in Hamburg ein sehr sprechendes Signal: das Ansgar-Bild, das lange vor der Reformation gemalt wurde. Es sei zuerst im alten Hamburger Mariendom gewesen und befinde sich jetzt in der St. Petri-Kirche.

Dieses Bild habe eine besondere Botschaft, die durch ein Entgegenkommen der evangelischen Kirche noch verstärkt worden sei.

Vor einigen Jahren sei den Katholiken nämlich erlaubt worden, von diesem Ansgar-Bild eine Kopie zu machen, die sich jetzt im neuen Hamburger Mariendom – in St. Georg – befinde.

Das Spannende daran sei: In der evangelischen St. Petri-Kirche hänge das Original: „Es ist aber gar nicht das ursprüngliche Original, sondern es ist verändert.“

Das Bild sei nach der Reformation aus theologischen Gründen an manchen Stellen übermalt worden.

Im katholischen Mariendom in St. Georg hänge jedoch nicht eine Kopie des veränderten, sondern die Kopie des wirklichen Originals.

Darum stehe man vor der folgenden Situation: „Hier das veränderte Original und drüben die originale Kopie.“

Damit stelle sich die Frage: Wer hat das richtige Bild? Daraus könnte man theologische und geistige Konsequenzen ableiten, was er aber jetzt nicht tun wolle.

Eine andere Konsequenz wolle er jedoch ziehen, erklärt der Erzbischof mit Verweis auf ein Ansgar-Heiligenbild, das unter die Anwesenden verteilt wurde.

Dort sei ein Gebet abgedruckt, das von der evangelischen Bischöfin Maria Jepsen und vom Weihbischof von Hamburg, Mons. Hans-Jochen Jaschke, vor vielen Jahren formuliert worden sei:

„Es ist ein Gebet, das alles dies miteinschließt. Es ist von evangelisch die Rede, von orthodox die Rede, von katholisch die Rede und wenn jetzt, Sie und ich, immer wieder dieses Gebet beten, dann bauen wir Dämme ab.“

Er wolle gern bekennen: „Ich bete es fast jeden Tag im Gottesdienst.“

Dadurch würde man das Wasser unserer konfessionellen Flüsse klären, „so daß sie einander immer klarer werden, weil sie immer mehr mit dem Wasser gespeist werden, das aus der Quelle des Dreifaltigen Gottes kommt.“

„Dann sehen wir im Geiste die Lübecker Märtyrer, die unabhängig von allen Konfessionsgrenzen gemeinsam Zeugnis abgelegt haben“, erklärte der Erzbischof und beschloß seine Ansprache mit einem Wort des evangelischen Pastors, Dietrich Bonhöffer († 1945).

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