Donnerstag, 23. Februar 2006 15:41
Im Iran gibt es auch Christen. Sie sind dort sogar im Parlament vertreten. Doch das alltägliche Leben ist nicht leicht. Interview mit einem Christen aus dem Iran.

Gedenken an den Armenischen Völkermord 1915/16
(kreuz.net) Y. Khosrovian (51) ist ein im Iran geborener Armenier, der zur Armenisch Apostolischen Kirche
gehört. Er stellte sich einigen Fragen von ‘kreuz.net’ über seine frühere Heimat.
Herr Khosrovian,
Sie sind im Iran geboren. Was verbindet Sie noch mit diesem Land?Meine Eltern sind zwar inzwischen gestorben,
aber meine Geschwister leben noch im Iran. Ich bin seit dem Jahr 1989 in Deutschland und habe inzwischen
die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.
Warum haben Sie den Iran verlassen?Ich mußte den Iran 1989
aus politischem Grunde verlassen. Wäre ich nicht ausgereist, hätte man mich vermutlich festgenommen,
inhaftiert, gefoltert, vielleicht sogar hingerichtet. Im besten Fall wäre ich jahrelang im Gefängnis
gesessen.
Was hat man Ihnen vorgeworfen?Ich kämpfte für die Demokratie, für die Rechte aller Minderheiten
und für eine Gleichstellung aller Bevölkerungsgruppen. Was mir aber von der iranischen Geheimpolizei
konkret vorgeworfen wurde, kann ich nicht sagen. Dort herrscht kein Gesetz. Man wird willkürlich verhaftet
und beliebig verurteilt.
Wie lebt man als Christ im Iran?Um diese Frage zu beantworten, muß ich auf
die Vorgeschichte der Armenier und Christen im Iran zurückgreifen. Zu Zeiten des im Jahr 1979 gestürzten
Schah Reza Pahlavi waren die Verhältnisse im Iran so, daß man jede Religion und jeden Glauben frei und
ungestört ausüben und verbreiten konnte.
Damals besaßen die Armenier ihre eigenen Schulen, wo die
armenische Literatur, Geschichte, Sprache und christliche Religion unterrichtet wurden.
Selbstverständlich
wurden die Hauptfächer und andere Fächer auf Persisch gelehrt. Man lernte auch die persische Geschichte.
Insgesamt waren 30 bis 40 Prozent der Unterrichtszeit der armenischen Sprache und Kultur gewidmet.
Die
dabei verwendeten armenischen Schulbücher wurden von der Diözese herausgegeben und den Schülern zur
Verfügung gestellt. Die armenische Schulen gehören den Armeniern, weil sie ohne staatliche Unterstützung
gebaut wurden. Sie wurden von der Diözese verwaltet. Die Diözese stellte auch die Lehrer an, die fast
ausschließlich Armenier waren. Die Schulleiter waren immer Armenier.
Haben die getrennten Schulen der
Integration der Armenier in die iranische Gesellschaft nicht geschadet?
Eine armenische Schule im Iran
Keinesfalls. Obwohl fast 40 Prozent
der Unterrichtszeit für armenische Fächer aufgewendet wurden, lernten unsere Schüler in der Regel besser
als die Perser. Sie absolvierten immer mit besten Noten.
Wie änderte sich die Situation nach der Islamischen
Revolution?Nach der Machtübernahme der Mullahs – der islamischen Religionsführer –, wurden viele Beschränkungen
erlassen. Jetzt durfte man in den armenischen Schulen keinen Religionsunterricht mehr erteilen. Der Unterricht
der armenischen Sprache und Volksgeschichte wurde ebenfalls verboten. Alle Kulturvereine mußten jede
Veranstaltung beim Innenministerium und beim Ministerium für islamische Aufklärung melden.
Die Armenier
protestierten natürlich gegen diese Maßnahmen. Nach langen Widerständen wurde unseren Schulen erlaubt,
die armenische Sprache zwei bis drei Stunden pro Woche zu unterrichten.
Formell gehören die Schulen
immer noch den Armeniern. Aber die Direktoren werden jetzt vom Staat bestimmt.
Wie ist die Situation
im staatlichen Bereich?Staatliche Einrichtungen, Ministerien oder andere Institutionen dürfen keine
Nichtmuslime anstellen. Viele Armenier und Mitglieder anderer Minderheiten, die vor der Islamischen Revolution
beim Ölministerium oder bei anderen staatlichen Einrichtungen, Banken usw. arbeiteten, wurden entlassen.
Betreffen die staatlichen Maßnahmen auch das interne Leben der armenischen Gemeinschaft?Leider ja.
Man muß wissen, daß die Armenier im Iran viele Kultur- und Sportvereine besitzen. Die Kulturvereine
sind sehr aktiv. Dort werden Theater aufgeführt. Tanz- und Chorgruppen üben täglich und es werden kulturelle
Veranstaltungen organisiert.
Doch Theaterzenarien sowie unsere Zeitungen und Zeitschriften werden zensiert.
Die Vereine werden vom Informationsministerium beobachtet. Regierungskritiker werden verfolgt, festgenommen
und inhaftiert.
Wir sind als religiöse Minderheit an den Rand gedrängt. Eine Integration im Sinne der
Gleichstellung oder Gleichberechtigung – wie sie vor der Revolution bestand – gibt es nicht mehr. Damals
waren die Armenier im Bildungs-, Kultur- und Gesellschaftsbereich autonom.
Können Sie konkrete Beispiele
für die gegenwärtige Marginalisierung nennen?Im Iran sind Nichtmuslime zum Beispiel verpflichtet,
an ihren Lebensmittelgeschäften das Schreiben anzubringen: „Dieses Geschäft gehört einer religiösen
Minderheit.“
Das erinnert an die Juden im Nationalsozialismus, die auf ihre Kleider besondere Erkennungszeichen
nähen mußten. Durch solche Zeichen sollen Moslems davon abgehalten werden, bei den als unrein betrachteten
Ungläubigen Lebensmittel einzukaufen. Denn wenn der Moslem Lebensmittel eines Nichtmuslimen annimmt und
ißt, wird er selber unrein.
Müssen sich die christlichen Frauen verschleiern?Natürlich. Nichtmuslime
müssen außerhalb ihres Hauses wie ein Moslem alle islamischen Vorschriften beachten. Aber sie sind den
Moslems nicht gleichgestellt. Wenn ein Moslem einen Christen oder Nichtmuslimen tötet, kann er die Sache
mit einem Bußgeld – Dije genannt – regeln. Wenn dagegen ein Nichtmuslime einen Muslimen tötet, dann
wird die Vergeltungsstrafe – Hadi Qasas – gefordert, das heißt, der Nichtmuslime wird auf die gleiche
Weise getötet, wie er den Moslem umgebracht hat.
Wie ist das alltägliche Verhältnis zu den iranischen
Nachbarn?Es muß gesagt werden, daß die Bevölkerung selber – außer einer sehr kleine Minderheit von
religiösen Fanatikern – eine sehr gute Beziehung mit den Nichtmuslimen unterhält.
Nichtmuslime werden
generell respektiert, insbesondere die Christen. Ich spreche hier von der iranisch islamischen Regierung
und ihrer Politik, nicht von der iranischen Bevölkerung.
Dann scheint das tägliche Leben gar nicht
so schlecht zu sein?
Kundgebung im Jahr 2005 in Teheran zur Erinnerung an den Armenischen Völkermord 1915/1916
Man wird im Iran als Christ oder Nichtmuslime meist nicht direkt verfolgt. Aber
man kann nicht leugnen, daß die genannten Beschränkungen und die direkte und indirekte Unterdrückung
das ist, was ich einen weißen Völkermord nenne.
Das ist ein langsames und stilles Massaker, eine langsame
Säuberung von den Unreinen. Die Jungtürken haben das 1915/16 mit den Armeniern schnell gemacht. Der
Iran hat Zeit. Ob roter Völkermord oder weißer, beide dienen einem Zweck: der Säuberung des Landes
von Unreinen, die nicht mit den Reinen gleichgesetzt werden können und dürfen.
Ist die iranische Regierung
für diese Zustände verantwortlich?Nicht direkt. Eine Schlüsselstellung nimmt im Lande der sogenannte
islamische Wächterrat ein. Er prüfte jedes vom Parlament verabschiedete Gesetz auf dessen Übereinstimmung
mit dem islamischen Recht – der Scharia. Gegebenenfalls wird ein vorgeschlagenes Gesetz abgelehnt.
Bei
der Präsidentschaftswahl 2001 ließ der Wächterrat nur zehn der 814 Bewerber zu und schloß wie 1997
alle Frauen aus. Im Vorfeld der Parlamentswahl 2004 schloß der Wächterrat abermals Tausende Bewerber
aus.
In diesem Rat spielt der bekannte Ayatollah Sanei eine entscheidende Rolle. Im Jahre 1986 sagte
er im staatlichen Fernsehen über Christen und Nichtmuslime: „Sie gehören zur niedrigsten Art von Tieren.“
Für diese Aussage hat sich der Ayatollah bei den Nichtmuslimen bis heute nicht entschuldigt.
Wie beurteilen
sie den gegenwärtigen Präsidenten des Iran Mahmud Ahmadinedjad?Ich halte ihn für einen religiösen
Fanatiker. Der neue Präsident Mahmud Ahmadinejad sagt nichts anders als Ayatollah Khamenei oder der Wächterrat.
Ayatollah Khamenei ist der Nachfolger von Ayatollah Chomeini als Religions- und Revolutionsführer. Er
ist Oberstbefehlaber aller Streitkräfte Irans und hat das letzte Wort, und er sitzt an der Spitze des
iranischen Staates.
Sie sprachen am Anfang vom Folterungen und Hinrichtung von Christen. Können Sie
Beispiele nennen?Einige Jahre nach der Islamischen Revolution wurde der protestantische Pfarrer Hussein
Sudmand hingerichtet. Grund: Er war ein zum Christentum bekehrter Moslem, der auch den christlichen Glauben
verbreitete.
Mehdi Dibadj – ebenfalls ein evangelischer Pfarrer – bekehrte sich vor 40 Jahren, lange
vor der islamischen Revolution, zum Christentum. Die islamische Regierung nahm ihn fest. Er verbrachte
neun Jahre im Gefängnis, davon zwei Jahre in Einzelhaft. Dibadj war vor seiner Inhaftierung als Pfarrer
und Bibelübersetzer tätig. 1992 mußte sich seine Frau unter Androhung einer Steinigung von ihm scheiden
lassen und einen fundamentalistischen Moslem heiraten.
Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit kam Dibadj
Anfang 1994 frei. Später wurde er von Sicherheitsleuten entführt und auf grausame Weise erstochen.
Ein anderes Beispiel ist der Armenier Haik Hovsepian, ebenfalls ein evangelischer Pfarrer, der sich gegen
die Unterdruckung der Christen einsetzte. Auch er wurde entführt und erstochen. Seine Leiche wurde außerhalb
von Teheran gefunden.
Der Armenier Mikaelian war ebenfalls ein Protestant. Auch er wurde von Sicherheitsleuten
entführt und erstochen. Viele weitere Evangelisten wurden entführt, erstochen oder inhaftiert.
Wie
steht die gegenwärtige Regierung den Christen gegenüber?Als Präsident Khatami 1997 an die Macht kam,
änderte sich die politische Lage ein bißchen zum besseren. Doch im Iran kann kein Präsident grundsätzlich
etwas ändern, weil Ayatollah Khamenei und der Wächterrat das letzte Wort haben.
Aber die Minderheiten
sind doch im Parlament vertreten…Ja, das stimmt und gilt für die Armenier, Zoroastrer, die Assyrer
und die Juden. Die Armenier besitzen zwei Abgeordnete. Die anderen Gruppierungen jeweils einen. Dies ist
zwar nicht unwichtig, hat aber vor allem eine symbolische Bedeutung. So kann der Iran der Welt verkünden:
Seht mal, wir sind so demokratisch, daß die Minderheiten ihre Abgeordneten ins Parlament schicken können.
In Wahrheit haben diese Abgeordneten nichts zu sagen. Sie können zum Beispiel auf die Minderheitenpolitik
keinen echten Einfluß nehmen.
Herr Khosrovian, wir danken Ihnen für das Gespräch.