Sonntag, 5. März 2006 11:00
Hexensabbat gegen die Kirche
In seinem Roman „Sakrileg“ begründet der US-Autor Dan Brown seine Diffamierungen gegen die Katholische Kirche mit völlig verdrehten historischen Behauptungen und falschen Verknüpfungen, die er sich buchstäblich aus der Rippe geschnitten hat. Von Hubert Hecker.
Coverbild des Romanes "Sakrileg"
Coverbild des Romanes „Sakrileg“
(kreuz.net) In dem Roman „Sakrileg“ von Dan Brown begeht ein Opus-Dei-Mitglied vier kaltblütige Morde, die vom bischöflichen Leiter dieser religiösen Gemeinschaft angeordnet werden.

Der Schriftsteller und Kirchenverleumder Dan Brown rechtfertigt diese böswillige Unterstellung mit der furchtbaren Behauptung: „Gegen die Feinde Gottes waren immer schon Greueltaten verübt worden“ (S. 23).

Die gesuchten Greueltaten findet der US-Autor schließlich in der europäischen Hexenverfolgung und hebt sogleich zum Rundumschlag gegen die Katholische Kirche an:

Dan Brown
Dan Brown
„Es wimmelte in der Geschichte der katholischen Kirche von Betrug und Gewalttaten. Der blutige Kreuzzug zur ‘Bekehrung’ der Anhänger der alten heidnischen, das Weibliche verehrenden Religionen währte drei Jahrhunderte, wobei die Kirche mit ebenso wirksamen wie grausamen Methoden vorgegangen war.

Die katholische Inquisition hatte ein Buch veröffentlich, das man vielleicht als das blutrünstigste Druckwerk der Menschheitsgeschichte bezeichnen könnte.

Die vom Volksmund ‘Hexenhammer’ genannte lateinische Schrift Malleus Maleficorum beschwor vor der Welt die ‘Gefahr durch freidenkerische Frauen’ herauf und leitete den Klerus an, wie diese gefährlichen Frauen ausfindig zu machen, durch Folter zum Geständnis zu bringen und anschließend unschädlich zu machen seien.

Zu dem von der katholischen Kirche als ‘Hexen’ bezeichneten Personenkreis gehörten die gelehrten Frauen, die Priesterinnen, Zigeunerinnen, Mystikerinnen, Naturliebhaberinnen, Kräutersammlerinnen und überhaupt alle Frauen, die sich ‘in verdächtiger Weise im Einklang mit der Natur befinden’.

Auch Hebammen fielen den Schergen der Inquisition zum Opfer und wurden getötet, weil sie in gotteslästerlicher Weise durch den Einsatz von Kräutern die Pein der Gebärenden zu lindern wußten – war diese Pein doch, wie die Kirche behauptete, Gottes gerechte Strafe dafür, daß Eva vom Apfel der Erkenntnis gegessen und damit die Erbsünde über die Menschheit gebracht hatte.

In den drei Jahrhunderten der Hexenjagd hatte die Kirche die erschütternde Zahl von fünf Millionen Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht und grausam verbrannt.“(S. 172f).

Dieser Text zu der europäischen Hexenverfolgung kommt einem unheimlich bekannt vor: Richtig! Das lernt jedes Kind in der Schule.

Tatsächlich aber ist diese Passage in jeder Weise und Wendung falsch und verdreht.

Beginnen wir mit der Zahl von fünf Millionen Hexenopfer.

Seit 1784 ist die Zahl von 9 Millionen Opfer der Hexenverfolgung in jeder Hexenschrift eine fixe Größe. Damals fand der Quedlinburger Stadtsyndikus Christian Voigt im Stadtarchiv für den Zeitraum von 1570 bis 1600 ungefähr 30 Hinrichtungen.

Diese Zahl rechnete er auf Deutschland und alle anderen europäischen Länder hoch und auf elf Jahrhunderte breit. Auf diese Weise kam er auf die exakte Zahl von „neunmillionen vierhundertzweiundvierzigtausend neunhundert vierundneunzig Menschen“.

Die heutige wissenschaftliche Forschung ist sich weitgehend einig, daß in Europa zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert etwa 40.000 bis 60.000 „Hexen“ hingerichtet wurden.

Brown übertreibt also um das Hundertfache.

Naturliebhaberinnen, Kräutersammlerinnen und Hebammen mit ihrer Kräutermedizin wären bevorzugt den Hexenjägern zum Opfer gefallen, behauptet Brown.

Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit war nichts bekannter und öffentlicher als die Kräutermedizin.

Jeder große Drucker des 16. Jahrhunderts hat ein dickes „Kreutterbuch“ aufgelegt, in denen bis zu 500 Kräuterrezepte und ihre Anwendungsgebiete beschrieben waren, selbstverständlich auch für die Wehen und die „Heimlichkeiten der Frauen“, so ein Buchtitel des naturkundlich orientierten großen Theologen Albert des Großen im 13. Jahrhundert.

Die Geschichte vom kirchlichen Verbot der Wehenschmerzen lindernden Kräutermittel – wegen ‘Evas Apfel’ und so – hat sich Dan Brown buchstäblich aus der Rippe geschnitten.

Die Frauen-Hexen seien den Schergen der katholischen Inquisition zum Opfer gefallen und getötet worden, erzählt Dan Brown schaudernd.

Doch er hätte wissen müssen, daß die Hexenjäger von Salem im US-Bundesstaat Massachusetts – also vor Browns Haustür – honorige calvinistische Kirchenobere waren.

In Europa sind mehr als 90% der Hexen vor staatlichen Gerichten, von staatlichen Anklägern, Richtern und Folterknechten sowie nach staatlichen Gesetzen und gegen den ausdrücklichen Willen der Kirche verfolgt worden.

In dem ersten deutschen allgemeinen Rechtsbuch von 1532 heißt es: „Item so jemand den Leuten durch Zauberey Schaden zufügt, soll man ihn strafen vom Leben zum Tod durch Feuer“ (Carolina Artikel 109). Dieses erste gesamtstaatliche Rechtsbuch war eine Zusammenfassung von verschiedenen deutschen Stadt- und Landrechten. Es wurde nach dem damaligen Kaiser Karl V. ‘Carolina’ genannt.

Auch der Anstoß und Antrieb zur Hexenverfolgung kam nicht von Inquisitoren, Juristen oder Fürsten, resümiert ein bekannter Hexenforscher, sondern in der Regel vom lieben Nachbarn. Hexendenunziation war damals modern und beliebt.

Die Untertanen forderten von der Obrigkeit energische Maßnahmen. Die Bevölkerung war die treibende Kraft. Die große Hexenverfolgung in Deutschland zwischen 1570 und 1630 war Ergebnis einer frühbürgerlichen Bewegung, ziemlich gleichmäßig verteilt auf protestantische und katholische Fürstentümer (so Wolfgang Behringer, dtv-Buch, S. 188ff).

Es scheint, daß hinter den stetig wiederholten falschen Beschuldigungen gegen die Kirche für deren vermeintliche Hexenverfolgungen ein eigener Schuldverdrängungsmechanismus des Bürgertums steht.

Aber der Hexenhammer von 1485, ist der nicht von „der Inquisition veröffentlicht“ worden? Antwort: Nein.

Das Buch wurde von zwei übereifrigen Dominikanern geschrieben, deren Wirken und Werke aber von vielen katholischen Bischöfen als zelotisch und kindisch abgewiesen wurde, so zum Beispiel vom Bischof von Bozen.

Im katholischen Kernland Italien hat es nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Hexenprozessen gegeben. Von der Spanischen Inquisition wurden Hexendenunziationen seit 1526 aktiv bekämpft. Im streng katholischen Irland hat es Hexenverbrennungen überhaupt nie gegeben.

Browns Vorwürfe und die Beschuldigungen aller antikirchlichen Dunkelmänner seit 200 Jahren, die von blutigen Hexenverfolgung durch die Inquisition phantasieren, entpuppen sich als gezielte Verleumdung oder böswilliges Falsch- und Vorurteil, das letztlich wie ein Bumerang auf das fingerzeigende Bürgertum zurückfällt – abgesehen davon, daß solche Diffamierungen dazu dienen, Haß und Gewalt gegen die Kirche zu säen.
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