Sonntag, 12. Dezember 2004 08:44
Das älteste deutsche Weihnachtslied mit Notenschrift hat eine lange Tradition. Verfaßt wurde es im 14. Jahrhundert in einem goldenen Evangeliar, das niemand geringerem als einem Kaiser gehörte.

Abbildung auf dem Evangeliar Kaiser Otto III., Aachener Domschatz
(kreuz.net/
SISA, Aachen) Das älteste deutsche Weihnachtslied steht im ottonischen Evangeliar des Aachener
Domschatzes. Noch heute singt man dieses uralte Lied, das eine unbekannte Hand im 14. Jahrhundert in das
goldene Evangeliar Kaiser Ottos III. schrieb.
„Syt willekomme heirre kirst“ ist das älteste deutsche
Weihnachtslied, das mit Noten verzeichnet ist. Viel älter freilich ist das Evangelienbuch selbst. Vor
dem Jahre 1000 entstand es mit kunstvoller Feder durch die Mönche der Reichenau für den Kaiser, der
das Evangeliar dem Aachener Stiftskapitel geschenkt hat.
Das alte Lied ist hinter dem Weihnachtsevangelium
verzeichnet. Das hat seinen bestimmten Grund, denn durch die Jahrhunderte zogen die Schöffen der freien
Reichsstadt Aachen in der Christnacht zum Dom, wo sie nach dem Evangelium eben jenes alte Lied anstimmten.
Bis zur Franzosenzeit ist das so gewesen.
Noch „des Königlichen Stuhls und der Kaiserlichen freyen Reichs-Stadt
Aachen Rathsund Staats-Kalender oder Schematismus auf das Jahr Christi 1794“ verzeichnet für den 25.
Dezember: „Scheffen-Stuhl wohnet dem ersten Hoch- Amt um 4 Uhr Morgens in der Kron-Kirche bei“.
Es ist
allerdings nicht anzunehmen, daß sich die Schöffen an Weihnachten 1794 tatsächlich zum heiligen Hochamt
versammelt haben. Denn fünf Tage vorher hatten die revolutionären „Sansculotten“ im heutigen alten Kurhaus
den „Tempel der Vernunft“ eröffnet. Längst war damals bereits das Bleidach des Aachener Münsters von
den Horden der französischen Revolution abgedeckt und – wie Altarbilder, Wolf und Pinienzapfen, Proserpina-Sarkophag
und die Karlsstatue des Marktbrunnens – nach Paris entführt worden.
Der Kalender war mit seinen gewohnten
Eintragungen gerade noch in den wenigen Monaten erschienen, die zwischen dem ersten und dem zweiten Einmarsch
der Franzosen lagen.
Der alte Brauch des Schöffengesanges in der Christnacht endete mit der freien Reichsstadtherrlichkeit
Aachens, das Lied aber überdauerte die Zeiten und wird auch heute noch gesungen: „Sei uns willkommen,
Herre Christ“ (GL 131):
Sei uns willkommen, Herre Christ,
der du unser aller Herre bist.
Sei willkommen
lieber Herre,
hier auf Erden recht mit Ehren.
Kyrieleis.©
SINFONIA SACRA