Demographie
Wo Kinder fehlen, da gedeiht die Sumpfblüte des Egoismus
Verhütung und Abtreibung sind in Deutschland immer noch zwei unantastbare heilige Kühe. Doch auf ihren Hörnern wird der Staat in den sozialen Notstand transportiert.
(kreuz.net) Frank Schirrmacher (46) – Mitherausgeber der ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ – veröffentlichte jüngst ein Buch mit dem Titel: „Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft“.

Es geht darin um Ursachen und Folgen des Geburtenrückgangs, um die Mitschuld der Politik und um die Chancen der immer weniger werdenden Deutschen, ihre Identität zu wahren.

Schirrmacher glaubt, daß sich die sozialen Beziehungen der Deutschen zukünftig auf ein Minimum reduzieren und Frauen bei der Umorganisation der Gesellschaft eine „alles entscheidende Rolle“ spielen werden.

Am Montag begann Schirrmacher mit einem Vorabdruck und einem mehrseitigen Interview im Hamburger Wochenmagazin ‘Spiegel’ die Vermarktung seines Buches.

Im Gespräch mit dem ‘Spiegel’ fragt Schirrmacher, wo das Geld geblieben ist, das sich Deutschland dadurch gespart hat, daß weniger Kinder geboren wurden.

Die Antwort: „Es wurde in mehr Urlaub investiert, in die Verringerung der Arbeitszeit, in den Konsum.“

Die damit verbundene Botschaft – Der Siegertyp ist einer, der nicht teilt; wer abgibt, ist der blöde – sei ein verheerendes Signal:

„Menschen sind bereit, Opfer zu bringen, aber sie sind nicht bereit, dann auch noch für objektiv blöd gehalten zu werden.“

Die heutigen Kinder würden jene, die im Alter von ihnen leben wollten, einmal zur Kasse bitten – vermutet Schirrmacher:

„Wir haben mit einer der Urverfassungen der menschlichen Natur herumgespielt und aus dem Kinderkriegen, das eigentlich eine tiefgreifende, elementare, menschliche und ganz individuelle Frage ist, eine ökonomisch und lebenspraktische Vorteilsabwägung gemacht.“

Daß Menschen Kinder bekommen, sei nur so lange ein Naturgesetz, wie die Zahl der Kinder, Geschwister, Cousins, Cousinen und gleichaltrigen Freunde im Verlauf der Sozialisation des Kindes nicht unter ein bestimmtes Minimum sinke. Doch genau das sei jetzt geschehen.

Frank Schirrmacher:
Wir wurden umprogrammiert. Das neue Programm heißt: „Weniger Kinder!“
In Regionen mit wenigen Kindern bekämen solche Kinder auch wiederum weniger Kinder.

Das sei ein staunenswerter Vorgang, der womöglich sogar einer biologischen Umprogrammierung entspreche: „Wir haben jetzt ein völlig neues Programm im Kopf, das wir weitergeben, und das heißt: Weniger Kinder!“

Es gehe in der umprogrammierten Generation nicht mehr um eine Wertefrage. Vielmehr sei etwas verlernt worden. Das werde Folgen haben.

„Wir lasten diesen wenigen nicht nur unsere Schulden auf, wir lassen sie auch verwandtschaftlich allein, sie haben immer weniger Geschwister und Cousins, um sich die Lasten zu teilen.“

Sie würden mit einer alternden Gesellschaft mit vielen Menschen konfrontiert sein, die nie Kinder geboren haben und plötzlich Hilfe brauchen.

Diese Generation werde Schulden materieller und emotionaler Art übernehmen müssen, die sie nicht gemacht hat. Sie sei dazu bestimmt, als wenige für die vielen Alten zuständig zu sein.

Das bedeute, daß sie sich mindestens vierzig Lebensjahre lang Abhängigen zu widmen habe: zuerst den eigenen Kindern, dann den Eltern.

Schirrmacher fragt sich, woher der dafür nötige Altruismus kommen soll:

„Vor allem, da der nächste Verwandte dieser Kinder 30 Jahre älter sein wird.“