10:56:22 | Sonntag, 12. März 2006
Bildung
Steht der Religionsunterricht an den Berliner Schulen vor dem Aus?
Die rot-rote Koalition und andere Linke wollen in der Bundeshauptstadt ein Pflichtfach Ethik einführen. Doch die Kirchen trauen ihren Schäfchen die richtige Wahl nicht zu.
(kreuz.net, Berlin) Die rot-rote Koalition möchte an den Berliner Schulen einen obligatorischen Ethikunterricht
einführen. Ein entsprechender Gesetzentwurf soll noch vor Ostern im Parlament durchgebracht werden. Unterstützung
wird das Vorhaben von den ‘Grünen’.
Keine Freude an diesem Projekt hat der Erzbischof von Berlin, Georg
Kardinal Sterzinsky: „Ich fürchte, das gibt einen ganz großen Reinfall.“
Nichts von dem, was man sich
von diesem Unterricht erwarte, werde man erreichen, erklärte der Kardinal nach Angaben der Freitagsausgabe
der Tageszeitung ‘Die Welt’
Den „maßlosen Erwartungen“ an das Fach stehe eine völlig unzureichende
Ausbildung der künftigen Ethik-Lehrer gegenüber.
Mit der Einführung des neuen Pflichtfaches werde
der Religionsunterricht, der nach dem Willen des Senats weiterhin freiwillig besucht werden kann, de facto
aus der Schule gedrängt, sind sich die Kirchen ferner einig.
Offensichtlich wissen sie, daß ihre Schäfchen
nur noch mit Unterstützung der Staatsgewalt in den Religionsunterricht getrieben werden können.
Ein
Schüler, der schon zwei Stunden Ethik besuchen müsse, raffe sich nicht noch auf, um am Nachmittag zusätzlich
Religionsunterricht zu besuchen.
Dazu komme, daß die Oberschüler durch die Verkürzung der Schulzeit
von 13 auf 12 Jahre einen deutlich volleren Stundenplan bekämen.
Auf Anfrage erklärte ein Kenner der
Kirche in Berlin, daß die Anstrengungen von Kardinal Sterzinsky grundsätzlich zu begrüßen seien. Auch
seine Kritik am Ethikunterricht sei realistisch.
Es sei eine Illusion zu glauben, daß man sich in einem
staatlichen Ethikunterricht auf sogenannte Werte einigen könne, die über Homosexualität, Abtreibung
und Euthanasie hinausgingen.
Mit dem gewollten Ethikunterricht würden die Schüler somit dazu verurteilt,
ein weiteres Schwatzfach abzusitzen, das den Stundenplan sinnlos fülle.
Doch für die Kirchen würde
das Problem tiefer liegen:
„Das Niveau des Religionsunterrichtes ist seit Jahren so miserabel, daß es
völlig egal ist, ob Kinder den katholischen Religionsunterricht, einen staatlichen Ethikunterricht oder
gar nichts besuchen.“
Es sei auch sinnlos, Kinder unterrichten zu wollen, deren Anwesenheit im Religionsunterricht
nur durch die Zwänge des Schulsystems zu erklären sei.
„Pädagogisch ist es äußerst problematisch,
ein Kind zu unterrichten, welches die erste Gelegenheit benützt, um diesem Unterricht zu entkommen.“
Dieser Zustand werfe zunächst ein schiefes Licht auf die inhaltliche und pädagogische Qualität des
gegenwärtigen Religionsunterrichtes.
„Wenn die Kirche so sehr am eigenen Religionsunterricht oder an
den katholischen Kindern zweifelt, darf sie sich nicht hinter dem Status Quo und der hohlen Fassade der
Staatsreligion verstecken, sondern muß mit einer echten Aufbauarbeit anfangen, die klein beginnt und
endlich zur Sache redet.“