10:48:16 | Mittwoch, 22. März 2006
Politik
Ein Schuß ins Vorderhirn?
In der Politik spielen sich derzeit überwiegend Dinge ab, die man nur noch als Satire bezeichnen kann. Von Regina Wilden, Köln.
(kreuz.net, Berlin) Ausländer, die sich in den Niederlanden niederlassen wollen, bekommen vom Staat einen
Film auf DVD zugeschickt, in dem die Kamera zum Beispiel auf zwei sich küssende Männer einzoomt oder
sich eine Frau „oben ohne“ über den Strand fortbewegt.
Anhand des Films soll der Antragsteller von Anfang
an die Möglichkeit bekommen zu beurteilen, ob er sich mit dem Leben in der sogenannt liberalen niederländischen
Gesellschaft auch wirklich identifizieren kann.
Doch der Witz kommt erst. Deutsche Politiker sind vom
niederländischen Heimatfilm begeistert. Das berichtete kürzlich die deutsche Tageszeitung ‘Handelsblatt’.
Der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) soll die niederländische Einbürgerungspraxis mit
dem Prädikat „sehr interessant“ bedacht haben.
Auch der Fraktionsvizevorsitzende der CDU im Deutschen
Bundestag, Wolfgang Bosbach, zeigte sich vor der Boulevardzeitung ‘Bild’ begeistert:
„Eine solche DVD
wäre ein ideales Hilfsmittel, um Menschen bereits in ihrem Herkunftsland nicht nur mit der Sprache, sondern
auch mit der Geschichte, Kultur und Rechtsordnung Deutschlands vertraut zu machen.“
Doch als christdemokratischer
Star-Filmkritiker entpuppte sich der CSU-Innenexperte Stephan Mayer. Er weiß: „Es ist wichtig, Informationen
über Deutschland zu vermitteln.“
Denn in einigen muslimischen Staaten stehe sogar die Todesstrafe auf
Lebens- oder Ausdrucksformen, die in Deutschland anerkannt seien, berichtet Mayer im Brustton der moralischen
Entrüstung:
Dazu zählten beispielsweise „sexy Kleidung auf der Love Parade“ oder offene Homosexualität.
Es scheint, daß das Volk der Dichter und Denker – beziehungsweise die kranke Sexualphantasie ihrer christlichen
Politiker – sich neuerdings über Nacktszenen und homosexuellen Exhibitionismus definiert.
Sogar der
FDP-Politiker und Mitglied der antichristlichen ‘Humanistischen Union’ Burkhard Hirsch (75) – der von
1994 bis 1998 Vizepräsident des Deutschen Bundestages war – bezeichnet die niederländisch-christdemokratische
Idee als „absoluten Schwachsinn“.
Ob es sich bei Herrn Hirsch um eine späte Erkenntnis handelt oder
nicht: Ich kann ihm in diesem Punkt nur zustimmen.
Regina Wilden ist Mitglied im Rat der Stadt Köln.