Mittwoch, 15. Dezember 2004 10:47
Im kommenden Herbst sollen alle US-amerikanischen Priesterseminarien visitiert werden. Zuvor wird in Rom ein Dokument zum Thema ‘Homosexualität und Priestertum’ herausgegeben. Die Endfassung des Papiers soll Priesterseminaristen mit homosexuellen Tendenzen nicht grundsätzlich vor die Türe stellen.
(kreuz.net, Washington) Der Nachrichtendienst der US-amerikanischen Bischöfe, Catholic News Service,
berichtete vor zwei Tagen, daß der Vatikan eine Visitation aller Priesterseminare in den USA angeordnet
hat.
Eine Visitation ist die detaillierte Prüfung des geistlichen, geistigen und moralischen Zustandes
einer kirchlichen Einrichtung und ihrer Mitglieder. Diese Prüfung wird meist von außenstehenden, erfahrenen
Priestern durchgeführt. Die Visitation von Priesterseminarien geschieht in der Regel nur, wenn ein Verdacht
auf Mißbräuche besteht. Dagegen sind zum Beispiel Visitationen in Ordensgemeinschaften eine reguläre
Einrichtung.
Die Visition der US-Priesterseminare steht auch im Zusammenhang mit den schweren Sexskandalen,
welche die Kirche in den USA in den letzten Jahren erschüttert haben und immer noch erschüttern. Diese
Skandale haben sich vor allem an Fällen des sexuellen Mißbrauchs von halbwüchsigen Jugendlichen durch
homosexuelle Priester entzündet. Ihr ganzes Ausmaß haben die Skandale erst durch die Tatenlosigkeit
der Bischöfe erlangt, welche die Mißstände jahrzehntelang weitgehend ignorierten.
Als Termin für
den Beginn der Visitation wird der Herbst 2005, also der Beginn des nächsten Studienjahres, erwartet.
Zur Vorbereitung der Visitation wird der Vatikan ein dreiseitiges Arbeitspapier veröffentlichen. In
den USA gibt es mehr als hundert Priesterseminarien und ähnliche Ausbildungsstätten von Ordenshäusern.
Der Besuch der einzelnen Seminarien soll jeweils einige Tage dauern.
Es wurden bereits die Namen von
rund 75 Bischöfen und etwa 100 Priestern genannt, die für die Visitationen zuständig sein sollen. Zusätzlich
werde ein Koordinator bestimmt, um die Kontakte zwischen den USA und dem Vatikan zu erleichtern.
Ein
besonderer Schwerpunkt der Visitation werde die Aufnahmekriterien sowie die Ausbildung zum ehelosen Leben
sein. Noch vor Beginn der Visitation will der Heilige Stuhl ein Dokument über die Aufnahme von Kandidaten
mit homosexuellen Neigungen in Priesterseminarien veröffentlichen.
An diesem Dokument wird seit mehr
als fünf Jahren gearbeitet. Eine frühe Fassung des Papiers vertrat die Position, daß Männer mit homosexuellen
Tendenzen nicht zum Priestertum zugelassen werden sollten. Die jüngste Vorlage solle eine nuanciertere
Sichtweise vertreten.
Das Dokument wird von der vatikanischen Kongregation für die katholische Erziehung
in Absprache mit anderen vatikanischen Stellen, einschließlich der Glaubenskongregation vorbereitet.
Informierte Kreise sprechen von einer letzten Diskussion und Approbation des Textes anläßlich der Vollversammlung
der Bildungskongregation Ende Januar 2005.
Der Vorsitzende des Bischofskomitees für die Priesterausbildung,
Bischof John Clayton Nienstedt (57) von Neu Ulm, erklärte, daß es verschiedene Gründe für die lange
Vorbereitungszeit der Visitation gebe. Er nannte Veränderungen in der Bildungskongregation und das Anliegen,
es so gut wie möglich machen zu wollen. Ein wichtiges Anliegen seien die Ausbildungsprogramme und die
geistliche Dimension des Seminarlebens.
Während der Visitation werde jeder Professor und jeder Seminarist
die Möglichkeit haben, mit den Visitatoren zu sprechen. Bischof Nienstedt hofft, daß die Visitation
hilfreich sein werde.
Der Bischof erklärte weiter, daß man die gegenwärtigen Seminarien nicht mit
jenen der Zeit nach dem Konzil vergleichen könne. Man habe sich in Fragen der Methodik, der Ausbildung
und der spirituellen Führung gewaltig verbessert.
In Kreisen der römischen Kurie hört man auch skeptische
Stimmen zur Visitation. Erst vor einigen Jahren sei eine groß angelegte Visitation der römischen Priesterseminarien
ohne greifbare Ergebnisse oder Verbesserungen abgeschlossen worden.
Kritiken werden auch am neuen Dokument
über ‘Homosexualität und Priestertum’ geäußert. Es sei zu befürchten, daß das Papier sich entweder
in Allgemeinplätzen verliere und keine praktische Handhabe biete oder aber konkrete Regeln aufstelle,
die dann in der Praxis nie umgesetzt würden.