Sonntag, 21. Mai 2006 11:32
„Hör mal, Wolfgang“, rief ich damals ins Telefon, „ich habe hier eine Riesengeschichte entdeckt. Vielleicht können wir sie zu Ostern in die Tageszeitung ‘Die Welt’ nehmen.“ Von Paul Badde.

Detailabbildung des Schleiers von Manoppello
(kreuz.net) „Paß auf, sie geht kurz so. Erstens: Es gibt ein authentisches Bild Gottes. Zweitens: Der
Vatikan hat es lange gehabt. Drittens: Dort wurde es geklaut – vor rund 400 Jahren. Und jetzt halt dich
fest.
Denn viertens hab’ ich es wieder gefunden. Das Bild ist nicht verschwunden. Es gibt dieses Bild –
ich habe auch ein paar Fotos davon gemacht. Bist du noch da?“
Hier war der Schlüssel, warum nur Christen
Gott abbilden dürfen – Juden oder Muslime aber nicht.
Nur die Christen haben ein Bild Gottes. Nur für
sie ist das „Wort Fleisch geworden“. Äthiopiens Christenheit konnte sich bis ins 9. Jahrhundert darum
nur von Ikonen und Bildern entwickeln. Ohne Schrift. Ohne Bibel.
Tief in den italienischen Abruzzen verwahren
Kapuziner auf einem Hügel hinter dem Städtchen
Alexander Smoltczyk in ‘Der Spiegel’:
„Badde hat über
seine Schatzsuche einen mitreißend verschlungenen Dan-Brown-Kulturkrimi geschrieben“
Manoppello seit mindestens
400 Jahren ein rätselhaftes Tüchlein.
Es hat feinere Qualitäten als feinstes Nylon und kann weder
Seide noch Leinen sein.
Es war aber nicht nur extrem feines Gewebe, das dort zu bestaunen war. Auf dem
Stoff ruht ein Christusbild, dem kein zweites gleicht, oder besser: dem fast jedes Christusbild der Erde
gleicht wie ein Sohn seiner Mutter, doch nie in dieser Vollkommenheit.
Es hat unvergessliche Augen, eine
schlanke Nase, einen halboffenen Mund.
Die Schattierungen sind delikater als Leonardo da Vinci sie mit
seiner sfumatura zu zaubern verstand. In manchem erinnert das Bild an eine Fotografie, doch in der Iris
ist die rechte Pupille aus dem Zentrum leicht nach oben verschoben, wie es in keinem Foto möglich ist.
Genauso wenig kann das Bild eine Holografie sein, der es trotzdem gleicht, wenn leichtes Licht von hinten
den Schleier bescheint. Doch eine 400 Jahre Holografie in den
Schriftsteller Martin Mosebach:
„Ein Prachtband,
staunenerregend und reich. Niemand kann sich der Fülle der Argumente, der Beobachtungen und ‘Gesichte’
entziehen.“
Abruzzen? Der Gedanke ist noch absurder als Nylon.
Vier deutliche Falten durchziehen das Tüchlein,
als wäre es lange Zeit einmal längs und zweimal waagerecht gefaltet gewesen.
Das Porträt schillert
nicht wie ein Regenbogen. Die Farben des Volto Santo – des „Heiligen Gesichts“ – leuchten zwischen Braun-
und Rot- und Rosa-Tönen, zwischen Umbra, Siena, Silber, Schiefer, Kupfer, Bronze, Gold.
Es scheint mit
Licht gemalt, denn unter dem Mikroskop wurden in dem Gewebe überhaupt keine Farbspuren entdeckt. Im Gegenlicht
aber wird es durchsichtig wie klares Glas. Dann verschwinden auch die Falten vollkommen.
Es sind Phänomene,
die sich nur bei Muschelseide beobachten lassen: dem kostbarsten Gewebe der Antike. Auch das ist eine
Sensation.
Denn die ältesten sicher identifizierten Fragmente aus diesem höchst seltenen Stoff sollen
Willibert Pauels im ‘Domradio’:
„Bedeutender als 1000 Harry Potters.“
aus dem 4. Jahrhundert stammen. Sie
sind allerdings viel kleiner und längst nicht so gut erhalten.
Ein Tuch aus Muschelseide mit einem Bild
oder einer Zeichnung gibt es überhaupt nirgendwo. Muschelseide lässt sich nicht bemalen. Das ist technisch
unmöglich.
Den einleuchtendsten Unterschied zu gewöhnlicher Seide kann hier in Manoppello jeder Laie
mit bloßem Auge erkennen.
Denn links und rechts oben fehlen dem Bild zwei Ecken, die irgendwann einmal
durch Flicken aus feinster Seide ersetzt wurden. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Gegen Licht
wirken diese Flicken grau, der ganze Schleier hingegen so durchsichtig wie nur Muschelseide durchsichtig
sein kann.

Das ist es: das Schweißtuch der Veronika, das bis zum Beginn der Neuzeit von zahllosen Malern
festgehalten wurde und im 17. Jahrhundert aus dem Petersdom verschwand.
Aus dem ersten Kapitel des Buches
‘Das göttliche Gesicht’ des Vatikanisten der Tageszeitung ‘Die Welt’, Paul Badde.
Paul Badde: „Das Göttliche
Gesicht“,
Pattloch 2006, 320 Seiten, 20,50 Euro