Freitag, 17. Dezember 2004 19:13
Viel Dichtung – wenig Wahrheit
Was ist das? Ein Interview, das nie gegeben wurde. Ein Balkon, aus dem niemand gefallen ist. Ein Bericht über die Abendunterhaltungen eines Bewußtlosen. Sie haben es erraten: die Berichterstattung des österreichischen Boulevardmagazins „News“.
(kreuz.net, St. Pölten) Das österreichische Boulevardmagazin „News“ hat in seiner letzten Ausgabe dem Fenstersturz des ehemaligen Subregens des Priesterseminars in St. Pölten, Dr. Wolfgang Rothe, einen längeren, phantasievollen Artikel gewidmet.

Wie es scheint, hat „News“ aus Mangel an Neuigkeiten beschlossen, die Details selber zu erfinden. Der Artikel steht unter dem Titel „Der Sturz des Gottesmanns“.

Bekanntlich wurde der ehemalige Subregens des Priesterseminars in St. Pölten, Dr. Wolfgang Rothe, am Abend des 6. Dezembers vom neuen Bischof von St. Pölten, Dr. Klaus Küng, ins bischöfliche Ordinariat gerufen. Der Bischof informierte den Priester dabei über die rechtsgültige Entbindung von allen seinen bisherigen Funktionen. Das war ein formeller Akt. De facto war die Freistellung schon früher geschehen.

Der Priester wurde vom Bischof nicht in die Wüste geschickt. Vielmehr informierte Bischof Küng den ehemaligen Subregens, daß er ihn in Zukunft weiterhin in der Seelsorge einsetzen wolle. Rothe hat daraufhin – will man den Worten von „News“ Glauben schenken – in Bischof Küngs Amtsräumen „einen Wutanfall“ bekommen: „Das können Sie nicht machen!“ habe er den Bischof angeherrscht.

Diese Darstellung der Ereignisse, für die sich „News“ auf angebliche „Zeugen“ beruft, wird von gut informierten Kreisen in der Diözese St. Pölten dementiert. Es habe keinen „Wutanfall“ gegeben. Der Priester habe, während er die Treppen im Bischofshaus hinunterging, einen Nervenzusammenbruch erlitten und sei anschließend die Treppe hinuntergefallen.

Nicht weniger phantasievoll ist „News“, wenn es die Ereignisse schildert, die sich in den darauf folgenden Stunden, also am Abend vor dem Fenstersturz, zugetragen haben sollen. Zuhause angekommen, habe Rothe die Zeit bis weit nach Mitternacht mit zwei ehemaligen Schützlingen zugebracht. Wieder falsch. Rothe sei bereits ab 9.00 Uhr abends nicht mehr bei Bewußtsein und folglich auch nicht ansprechbar gewesen.

Am frühen Morgen des 7. Dezembers folgte dann der Fenstersturz. Ein schwarzer Augenblick nicht nur für den gefallenen Priester, sondern auch für „News“. Auf Seite 42 zeigt das Boulevardmagazin ein Foto des Ortes, wo sich der Fenstersturz des ehemaligen Subregens angeblich zugetragen haben soll. Schönheitsfehler: Das publizierte Bild zeigt nicht den Balkon der Wohnung des Priesters und folglich auch nicht den Unfallort.

„News“ spricht sodann von einem „Selbstmordversuch“ des Priesters. Damit stellt das Boulevardmagazin eine Gegendiagnose zum Befund der Ärzte des St. Pöltner Krankenhauses, in das Rothe nach seinem Fenstersturz überführt worden ist. Die Ärzte bezeichneten die Ereignisse als eine Folge einer „akuten Belastungssituation“. Der Fenstersturz sei auf ein Zusammenspiel von psychischem Streß im Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Gespräch des Priesters mit seinem Bischof zurückzuführen. Bei diesem Gespräch hat der Bischof, der selbst ausgebildeter Arzt ist, dem Priester ein Beruhigungsmittel verabreicht. Das Medikament habe im Zusammenhang mit der Einnahme einer geringen Menge Alkohol (0.9 Blutpromille) zur Reaktion geführt.

Besonders abenteuerlich hört sich der „News“-Bericht zum Hergang des Falles ins Leere an. Der Priester sei auf ein geparktes Auto gestürzt: „Das Auto, auf dem er landete, hat ihm wohl das Leben gerettet.“ Wieder falsch. Der Priester fiel auf einen Laubhaufen.

Nach dem Sturz habe Rothe – so weiß „News“ zu berichten – vor dem Rettungsteam eine Stellungnahme abgegeben. Der Haken bei der Sache: Rothe war nach dem Aufprall nicht bei Bewußtsein.

Weitgehend frei erfunden ist auch das von „News“ angeblich geführte Interview mit Wolfgang Rothe, das „News“ reißerisch mit der Schlagzeile „Ex-Krenn-Sekretär Rothe spricht in NEWS über sein Drama“ unter das Volk zu bringen versucht hat. Das abgedruckte Interview selbst findet sich im Artikel unter dem Titel „Angst vor der Zukunft“.

Zwar hat das Boulevardmagazin den hospitalisierten Priester am dritten Adventssonntag tatsächlich zu erreichen versucht. Aber zu einem Interview ist es nicht gekommen. Rothe hat ein Gespräch abgelehnt. Es scheint, daß sich der „News“-Journalist nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten selber ausgeheckt hat.

Nach der Ablehnung des Interviews habe der Journalist teilnahmsvoll erklärt, er habe dem Priester lediglich sein Bedauern ausdrücken wollen, in der Hoffnung, daß Rothe weiterhin Priester bleiben werde. Letzteres habe der Patient ihm bestätigt.

Einen Vorschlag an die „News“-Redaktion. Um die Leserfreundlichkeit zu erhöhen, könnte man am Ende jedes Artikels jeweils den Wahrheitsgehalt angeben.
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