10:45:31 | Montag, 5. Juni 2006
In Deutschland ist man gegenwärtig auf der Suche nach einem theologischen Unterbau, um den gegenwärtigen kirchlichen Kahlschlag in ein helleres Licht zu rücken.
(kreuz.net) Am vergangenen Karfreitag veröffentlichte die ‘Westdeutsche Allgemeine Zeitung’ ein Interview
mit dem Stadtdechant Wilhelm Zimmermann von Gelsenkirchen und dem evangelischen Superintendent Rüdiger
Höcker.
Das Thema: Kirchenschließungen und Stellenabbau. Gelsenkirchen befindet sich zehn Kilometer
nordöstlich von Essen im Ruhrgebiet.
Stadtdechant Zimmermann sprach vor der ‘Westdeutsche Allgemeinen’
von einer „Umbruchzeit“. Es gebe in der Heiligen Schrift einen sehr schönen Satz: „Siehe, ich mache alles
neu.“
Wenn man Neues mache, müsse man auch Altes aufgeben können: „Kirche ist nicht starr, sondern
ändert sich permanent. Wie sich Gesellschaft verändert, so muß sich Kirche auch ändern.“
Die gegenwärtig
Situation sei neu. Doch der Stadtdechant verweist auf Parallelen:
„In den 50er Jahren wurde die Christus-König-Gemeinde
gegründet. Kein Mensch wollte damals aus der alten Gemeinde in die neue Kirche: »Unmöglich. Wie sieht
denn der Bau aus. Da gehe ich nie hin«, hieß es.“
Man müsse helfen, Traurigkeit und Schmerzgrenze
zu überwinden.
Dabei sei „ein ganz wichtiger Punkt, daß man da ist und ganz, ganz viel redet.“
„Wenn
Sie zum 100. Mal sagen, die Fakten sind jetzt so, dann schauen die Leute Sie an und sagen: Ja, ich will
aber trotzdem so nicht“ – erklärt der Stadtdechant.
Er habe seiner Pfarrei immer gesagt: Leute, die
Zeiten werden schlechter: „Laßt uns darüber nachdenken, wo können wir nicht nur sparen, sondern wo
können wir auch Akzente setzen und wie finden wir ehrenamtliche Mitarbeiter.“
„Ich muß ja sehen, daß
die Hauptamtlichen größtenteils wegbrechen, weil wir sie nicht mehr finanzieren können.“
Weil die
Gemeinde früher Geld gehabt habe, habe sich auch ein Stück weit ein Anspruchsdenken eingeschlichen:
„Ich muß nun den umgekehrten Weg beschreiten. Die finanzielle Situation zwingt uns jetzt, es anders
zu machen.“
Nachdenklich zeigt sich der evangelische Superintendent Rüdiger Höcker.
Der evangelische
Superintendent Rüdiger Höcker
Er geht davon aus, daß in den nächsten zehn Jahren etwa die Hälfte der
evangelischen Kirchen und Gemeindehäuser entwidmet oder außer Betrieb genommen werden.
Es gehe in der
Krise darum, etwas einzuüben, „was wir über Jahrzehnte nicht haben lernen müssen, nämlich: Kirche
auch wieder zurückzubauen, und gleichzeitig unsere Vision und unser Profil nicht zu verlieren.“
In den
Kirchengemeinden laufe derzeit sehr viel Trauerarbeit: „Besonders deutlich wird das im Rückbau unserer
kirchlichen Gebäude.“
Der Superintendent gibt Zahlen: „1974 gab es in Gelsenkirchen 199.000 evangelische
Gemeindeglieder. Ende 2004 waren wir 111.000.“ Das ist ein Rückgang von fast 45 Prozent.
Man habe die
Kirchen für 199.000 Gemeindeglieder geplant: „Wir beginnen aber jetzt erst, unsere Gebäude den Gemeindegliederzahlen
anzupassen.“
Superintendent Höcker geht davon aus, daß in den nächsten zehn Jahren etwa die Hälfte
der evangelischen Kirchen und Gemeindehäuser entwidmet oder außer Betrieb genommen werden:
„Wir achten
sehr darauf, daß ein Netzwerk von Kirchen und Gemeindehäusern erhalten bleibt.“
Die bereits geschlossenen
Gebäude werden zum Beispiel an Bildungseinrichtungen untervermietet oder an Investoren verkauft, etwa
um Seniorenwohnanlagen zu bauen.
Eine letzte Möglichkeit sei auch der Abriß.