19:43:35 | Mittwoch, 28. Juni 2006
Heilige
Kardinal von Galen war ein Englandhasser und Kriegstreiber, nicht wahr?
Anläßlich der Seligsprechung von Bischof von Galen behauptete die umstrittene Theologin Uta Ranke-Heinemann, der Löwe von Münster habe zum Krieg gegen England aufgehetzt.
(kreuz.net) Einen spektakulären Artikel über den seligen Bischof von Münster, Clemens August Kardinal
Graf von Galen, publizierte die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ am 26. Juni.
Der Artikel stammt aus
der Feder des Vechtaer Kirchengeschichtlers Rudolf Willenborg – ein Fachmann auf dem Gebiet des Kirchenkampfes
während der nationalsozialistischen Periode.
Willenborg nimmt auf einen Artikel von Uta Ranke-Heinemann
Bezug, den diese anläßlich der Seligsprechung von Kardinal von Galen in der Berliner Linksaußen-Zeitung
‘Junge Welt’ unter dem Titel „Ein Antisemit und Kriegsfreund“ publiziert hatte.
Clemens August Kardinal
Graf von Galen wurde am 9. Oktober 2005 von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.
In ihrem Artikel behauptete
Frau Ranke, daß Bischof von Galen am 9. März 1941 im ‘Katholischen Kirchenblatt für das Nördliche
Münsterland’ über den Krieg gegen England folgendes geschrieben habe:
„Gott hat es zugelassen, daß
das Vergeltungsschwert gegen England in unsere Hände gelegt wurde. Wir sind die Vollzieher seines gerechten
Willens.“
Dieses Zitat wird gerne auch von anderen antiklerikalen und kirchenfeindlichen Autoren kolportiert.
Kardinal von Galen sei – so Willenborg – in diesem Zusammenhang als „Kriegshetzer, Militarist, Kriegsbefürworter
oder Kriegstreiber“ bezeichnet worden.
Historiker, die solche Aussagen als falsch entlarvten, würden
dagegen als „Apologeten, Hagiographen oder Panegyriker“ apostrophiert.
Willenborg hat das von Frau Ranke
verwendete Zitat auf einen Aufsatz des linkskatholischen Publizisten und Pazifisten Johannes Fleischer
zurückgeführt.
Der Aufsatz mit dem angeblichen Zitat erschien 1956 unter dem Titel „Der Mythos vom
heiligen Widerstandskämpfer“. Zu seiner Quelle schreibt Fleischer einleitend:
„Wohl aber durfte das
‘Katholische Kirchenblatt für das nördliche Münsterland’ vom 9. März 1941 (…) mit bischöflicher
Billigung (…) der Volksverdummung im Interesse des Verbrechers Hitler und seines Massengemetzels folgendermaßen
behilflich sein.“
Darauf folgt das angeblich Galen-Zitat zum Krieg gegen England.
Doch nach einem Blick
in die entsprechende Ausgabe des ‘Katholischen Kirchenblatts für das nördliche Münsterland’ stellte
Willenborg fest, daß der zitierte Text gar nicht von Bischof von Galen stammt.
„Es handelt sich vielmehr
um einen rein fiktiven Text von einem Autor namens Willi Lindner unter der Überschrift »Die göttliche
Gerechtigkeit im Kriege«“ – so Willenborg.
Erzählt wird eine frei ausgemalte Geschichte von drei Männern,
die sich treffen, um über den Krieg gegen England zu reden.
Der Charakter der Geschichte wird aus den
ersten Sätzen deutlich:
„Der alte Permoser hatte seine Pfeife frisch gestopft und setzte sie mit einer
feierlichen Umständlichkeit in Brand. Als die Glutkrumen aufleuchteten und der Knasterqualm ihn blau
umwölkte, nickte er zufrieden vor sich hin.“
Anschließend sprechen die drei Männer über den Krieg
gegen England. Dabei werden gängige, durch nationalsozialistische Propaganda genährte Volksmeinungen
wiedergegeben.
Fleischer hat offenbar für seinen Aufsatz im Jahr 1956 willkürlich Sätze aus den Aussagen
der drei Männer zusammengeschrieben.
Ohne Kenntlichmachung von Auslassungen konstruierte er sie zu einem
„Galen-Zitat“.
Nun könnte man sagen – so der Einwand von Willenborg –, daß das Zitat zwar nicht aus
dem Munde von Bischof von Galen stamme, aber trotzdem in einem von ihm autorisierten Kirchenblatt, wenn
auch in einer etwas skurrilen Form, erschienen sei.
Auch zu diesem Argument fand Willenborg interessante
historische Details und erinnert an eine Begebenheit zu Beginn des Jahres 1937.
Damals sollten alle deutschen
Kirchenzeitungen eine Nachricht des ‘Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda’ veröffentlichen.
Darin wurde ein Sittlichkeitsdelikt wahrheitswidrig und in sehr gehässiger Weise als Affront gegen die
Kirche benützt.
Der Bischof von Münster – Mons. Clemens August von Galen – wies die Schriftleiter der
kirchenamtlichen Bistumsblätter an, die Aufnahme der Nachricht abzulehnen.
Ansonsten könnte der Eindruck
entstehen, daß der Text von kirchlicher Seite stamme.
Die Verleger gehorchten. Darauf durften ihre Blätter
nicht mehr erscheinen.
Nur der Verleger des ‘Katholischen Kirchenblattes für das nördliche Münsterland’
folgte den Anweisungen der Behörden und nahm die Nachricht auf.
Auch dort erschien der Artikel nicht
im Hauptblatt, sondern nur in einer beschränkt aufgelegten Beilage.
Das Kirchenblatt konnte daraufhin
als einziges weiter erscheinen. Es wurde aber in der Folge von den Gläubigen durch Nichtkauf und Abbestellung
boykottiert.
Mons. von Galen entzog dem ‘Kirchenblatt’ in der Folge die Anerkennung als kirchenamtliches
Bistumsblatt.
Aus dem Fall entwickelte sich eine scharfe Kontroverse zwischen Bischof Galen und Propagandaminister
Goebbels.
Am 1. Juni 1937 übersandte Bischof von Galen allen Ordinariaten Deutschlands seinen Schriftwechsel
mit Minister Goebbels.
Darin teilte er unter anderem mit, daß der Verleger und Drucker des ‘Kirchenblattes
für den nördlichen Teil der Diözese Münster’ ohne Vorwissen des Bischofs gehandelt hatte.
Der letzte
Satz des Schreibens von Mons. von Galen lautete:
„Wie ich höre, hat aber ein großer Teil der früheren
Bezieher dieses Blattes, das ich nicht mehr als ‘kirchenamtliches Bistumsblatt’ anerkennen kann, dasselbe
abbestellt.“
Soweit die Fakten.
Am 23. September 1978 wurde zum hundertsten Geburtstag des Kardinals
in Münster ein Denkmal errichtet.
Dagegen protestierten die Ortsgruppe Münster des ‘Deutschen Freidenkerverbandes’
und eines ‘Antifaschistischen Arbeitskreises Münster’ mit zwei Flugblättern.
Eines der Flugblätter
enthielt das dem Löwen von Münster untergejubelte England-Zitat.
Publizistisch begleitet wurde die
Aktion des ‘Freidenkerverbandes’ durch eine Broschüre von Reinhold Schmidt mit dem Titel „Der Kardinal
und das 3. Reich. Legende und Wirklichkeit über Kardinal von Galen“.
Auch darin findet sich das Zitat.
Als der Seligsprechungsprozeß für den Löwen von Münster begann, tauchte das gefälschte Galen-Zitat
wieder gehäuft auf.
Unter anderem kochte eine Zeitung, die sich ‘Mahnmal – Initiative für die Millionen
Opfer der Kirche’ nannte und der Sekte ‘Universelles Leben’ nahesteht, die Galen-Legende wieder auf.
Die umstrittene Theologin Uta Ranke-Heinemann faßt ihre „Recherche“ wie folgt zusammen:
„Um den Bischof
von Münster, Graf Galen, hat sich die Lebenslüge des deutschen Nachkriegskatholizismus vom angeblichen
Widerstand der offiziellen Kirche am dichtesten zusammengesponnen.“
Frau Ranke-Heinemanns Artikel in
der ‘Jungen Welt’ wurde von verschiedenen kommunistischen Blättern und Internetzeitungen übernommen.
Daneben meldete sich auch die ‘Nationaldemokratische Partei Deutschlands’ (NPD) zu Wort.
Eine pazifistische
‘Friedens-Zeitung’, die ihre Seite auch ins Internet gestellt hatte, trug den Titel „Denk mit und handle“.
Die Überschrift ihres Beitrages lautete: „Seligsprechung eines Kriegstreibers“.
Unter den Quellen, mit
denen belegt werden sollte, daß Mons. von Galen ein Kriegstreiber sei, führte man das England-Zitat
an, um im Anschluß daran festzustellen:
„Mit solchen Aussagen hat der Kardinal die ,Todesmaschinerie’
nicht gebremst, sondern kräftig mitangekurbelt.“
Der antikirchliche Autor Karlheinz Deschner verwendet
in verschiedenen Publikationen eine etwas andere Version des Fleischer-Zitates.
Die Art der Zusammenstellung
ist aber die gleiche wie bei Fleischer.