11:14:03 | Dienstag, 11. Juli 2006
St. Pölten
Die altrömische Noblesse hielt die Foltermale der Bekenner hoch
Kürzlich erschien eine brisante Analyse der St. Pöltner Sex-Skandale im Sommer 2004: „Ein ‘Martyrium’ der Hirten kommt der Kirche insgesamt immer zugute.“
(kreuz.net, Wien) Der emeritierte Salzburger Kirchengeschichtler Pater Gerhard B. Winkler hat sich kürzlich
in einem Beitrag mit den Ereignissen des Sommers 2004 in der Diözese St. Pölten befaßt.
Pater Winkler
ist Zisterzienser des Klosters Wilhering.
Der Zisterzienser hatte von 1974 bis 1983 den Lehrstuhl für
Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Regensburg inne. Zur damaligen Zeit lehrten
dort unter anderem auch Professor Dr. Kurt Krenn, der spätere Diözesanbischof von St. Pölten, und Prof.
Dr. Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI.
Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1999 war Pater
Winkler Professor für Kirchengeschichte an der Universität Salzburg.
Der nachfolgend in Auszügen dokumentierte
Text stammt aus einem jüngst im renommierten Wiener Dom-Verlag erschienenen Sammelband und trägt den
Titel „Die katholische Kirche in Österreich von 1986 bis 2005“:
„Als Bischof Krenn 1991 die Diözese
St. Pölten übernahm, hatte sich der Gegenwind keineswegs gelegt. […]
Mehrere Maßnahmen verzieh man
ihm nicht: etwa daß er seine Erstsemestrigen nicht in das neu eingerichtete Propädeutikum in Horn schickte.
Denn in St. Pölten konnten doch jedes Jahr erheblich mehr Priester geweiht werden als in anderen Diözesen.
In seiner Amtszeit als Bischof waren es immerhin insgesamt 90.
Das Letzte wurde nicht völlig neidlos
anerkannt; das Erste verstanden allerdings manche zu Unrecht als laesio maiestatis [= Majestätsbeleidigung],
hatte doch Rom wiederholt die Eigenverantwortung jedes einzelnen Ortsbischofs eingemahnt. […]
Die entscheidende
Krise kam ins Rollen, als der Diözesanbischof endlich die Seminarvorstehung ausgewechselt hatte, deren
liberalistischer Kurs sich offensichtlich nicht bewährt hatte.
Vielleicht ließen sich die neuen Verantwortlichen
durch den unverhofften Zulauf zum Seminar etwas täuschen. Die Zahl 44, die nach der Visitation auf vierzehn
und schließlich auf vier zusammenschmolz, konnte sich in Österreich sehen lassen. […]
Schließlich
gab es einen bei Gericht anhängigen Fall von unmoralischem und rechtswidrigem Gebrauch pornographischen
Materials, den die Vorsteher allerdings unverzüglich anzeigten.
Bei einem Seminaristen, R. R., der von
auswärts stammte und das Propädeutikum in Horn absolviert hatte, bevor er sich ins St. Pöltener Seminar
begab, fand die Polizei 300 neu gekaufte Porno-DVDs homosexuellen Inhalts.
Der Betroffene, der selbst
öffentlich angab, homosexuell zu sein, trat wenig später vor Gericht als Hauptzeuge gegen die Seminarleitung
auf, ohne daß dessen einschlägige Befangenheit gehörig berücksichtigt worden wäre.
Die eigentliche
Identität dieses auswärtigen Kandidaten und seine Verbindungen sind nach meinem Wissen bis heute nicht
völlig geklärt.
Das Ganze wurde aber als genereller Sexskandal aufgemacht und verallgemeinert, bei
dem das Menschenrecht auf ein faires Gericht, auf ‘Unschuldsvermutung’ und auf das Grundrecht auf Ehre
für die Mehrzahl der Beteiligten nicht gewahrt wurde. […]
Eine Klage zweier betroffener Herren der
Seminarleitung wegen übler Nachrede gegen ein österreichisches Massenjournal wurde von dem mit der Frage
befaßten Gericht ohne schlüssigen Beweis im September 2005 zu einer Generalschelte der katholischen
Kirche umfunktioniert.
Danach mache sich die katholische Kirche der Doppelmoral schuldig, was zu beurteilen
gar nicht die Aufgabe des Forums war. Die klagenden Priester mußten die Prozeßkosten zahlen. […]
Der Bischofswechsel erwies sich für den neuen Diözesanbischof Dr. med. Dr. theol. Klaus Küng als äußerst
friedlich und harmonisch, wenn man dessen turbulente Aufnahme in Feldkirch damit vergleicht.
Er hatte
sich in seinem ersten bischöflichen Amt als glücklich bekannt, keine Fakultät beaufsichtigen zu müssen.
Vielleicht waren es auch die Überlegungen der Kurie, daß [Bischof] Küng nun das Gute ernten sollte,
das [Bischof] Kurt Krenn unter großen Mühen gesät hatte.
Ein ‘Martyrium’ der Hirten kommt der Kirche
insgesamt immer zugute.
Nur entsprach es altrömischer Noblesse und dem kirchlichen Brauch der Väter,
das Andenken der Confessores [= Bekenner] gerade wegen ihrer Foltermale hoch zu halten.“
Auszug aus:
Gerhard B. Winkler: Die katholische Kirche in Österreich von 1986 bis 2005, in: Jan Mikrut (Hg.): Die
katholische Kirche in Mitteleuropa nach 1945 bis zur Gegenwart, Wien 2006, 193-226.