Dienstag, 25. Juli 2006 11:24
Das Kind beim Namen genannt
In seinem jüngsten Buch hat der Abtprimas der Benediktiner das benediktinische Maß und Mittelmaß hinter sich gelassen.
Ausschnitt des Bucheinbandes von "Worauf warten wir?"
Ausschnitt des Bucheinbandes von „Worauf warten wir?“
(kreuz.net) Am Freitag veröffentlichte die ‘Frankfurter Allgemeine’ eine kurze Rezension von Albert Schäffer über das Buch von Abt Notker Wolf ‘Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland’.

Der Autor ist Mönch der Abtei St. Ottilien und gegenwärtig Abtprimas der Benediktiner mit Sitz in der internationalen Abtei Sant’Anselmo in Rom.

„Der Abtprimas der Benediktiner ist ein mutiger Mann“ – beginnt die Rezension. In seinem Werk schildere er auch freimütig die Entstehungsgeschichte des Buches:
Der rockende Abtprimas Notker Wolf
Der rockende Abtprimas Notker Wolf

Der Wunsch, des Rowohlt-Verlages, ihn als Autor zu gewinnen, habe sich mit seinem Zeitplan als höchster Benediktiner nicht vereinbaren lassen.

Das Problem sei vom Verlag durch die Einstellung eines Ghostwriters gelöst worden.

„Die Konversation, die Wolf und sein Assistent einige Wochen lang miteinander führten, spiegelt sich in einer stilistischen Leichtfüßigkeit wider, die nicht ohne Reiz ist“ – beurteilt Schäfer das Werk.

Mehr noch: Es rege sich bei der Lektüre sogar der Wunsch, daß der Abtprimas die Zeit fände, einige seiner Gedankenskizzen zu einem größeren Gemälde auszuarbeiten.

Abt Wolf sieht das Jahr 1968 als Symbol für eine deutsche Kulturrevolution, die der Verwechslung von Befreiung mit Freiheit aufgesessen sei.

In Deutschland sei das Freiheitsversprechen für eine Kombination aus moralischem Obrigkeitsstaat und persönlicher Selbstverwirklichung eingetauscht worden.

Der Abt unterschätzt das Problem nicht:

„Für mich stellt die deutsche Kulturrevolution deshalb keinen weniger gravierenden Bruch mit der abendländischen Tradition dar als die Französische Revolution.“

1789 sei Gott durch die Vernunft abgelöst worden. Danach habe es – in den Begriffen Freiheit, Nation, Vernunft – immerhin noch einen allgemeinverbindlichen Mythos gegeben.

1968 sei die Vernunft verstoßen und an ihrer Stelle die Natur auf die Altäre gesetzt und die Freiheit individualisiert worden.

„Seither leben wir in einer Welt ohne Gott, ohne Jenseits, ohne Väter und ohne eine vernünftige Vorstellung von dem, was Freiheit ist.“

Ein anderes Wort für individualisierte Freiheit ist Egoismus.

Es genügt, auf die Zerstörung der Familien zu blicken, um zu verstehen, was der Abtprimas meint.


Notker Wolf/Leo G. Linder: Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006. 218 S., 12,- Euro.
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