Donnerstag, 23. Dezember 2004 11:04
Wenn man einem Bericht der Londoner Tageszeitung „The Times“ Glauben schenken kann, gibt es im Vatikan Bestrebungen die „Wunderklausel“ bei Selig- und Heiligsprechungen abzuschaffen.

Heiligsprechung von Pater Pio, 16. Juni 2002
(kreuz.net, Vatikan) Nicht selten scheitern Selig- oder Heiligsprechungen an der Tatsache, daß ein Heilungswunder
fehlt, das auf die Fürsprache eines Kandidaten für die Ehren der Altäre gewirkt wurde. Das – so hört
man – ist zum Beispiel der Grund, warum der berühmte englische Konvertit und Theologe, Henry Kardinal
Newman, bis heute nicht seliggesprochen ist.
Aber das könnte sich ändern. Der Präfekt der Glaubenskongregation,
Joseph Kardinal Ratzinger, arbeitet laut der Londoner Tageszeitung „The Times“ zur Zeit an einer Vorlage,
welche die Notwendigkeit eines Wunders bei einer Selig- oder Heiligsprechung abschaffen will.
Man betrachte
dieses Erfordernis in der Glaubenskongregation als „veraltet“.
Die bisherige Regelung sieht vor, daß
ein Kandidat für die Selig- oder Heiligsprechung nach seinem Tod Heilungswunder wirkt, die medizinisch
nicht erklärt werden können.
Die Abschaffung der Wunderklausel könnte die Heiligsprechung einiger
Favoriten des gegenwärtigen Papstes beschleunigen, unter ihnen Mutter Theresa von Calcutta, die erst
kürzlich selig gesprochen wurde. Ebenso könnte man die Seligsprechung des französischen Politikers
deutscher Muttersprache, Robert Schuman, wieder aufnehmen. Schuman gehört zu den Gründern der Europäischen
Gemeinschaft. Bisher war seine Seligsprechung am Fehlen eines Wunders gescheitert.
Bereits 1983 hat der
Papst das Seligsprechungsverfahren modernisiert, als er festlegte, daß man Märtyrer, die für den Glauben
gestorben sind, auch ohne ein nachgewiesenes Heilungswunder selig sprechen kann.
Es sei Tarcisio Kardinal
Bertone, der Erzbischof von Genua und der ehemalige zweite Mann in der Glaubenskongregation, gewesen,
der am letzten Sonntag erklärt haben soll, daß Kardinal Ratzinger dem Papst eine Vorlage zur Abschaffung
der Wunderklausel vorgelegt habe.
Kardinal Bertone erklärte, daß es im Vatikan ein wachsendes Gefühl
gebe, daß die Notwendigkeit von Wundern für eine Selig- oder Heiligsprechung „anachronistisch“, das
heißt, „veraltet“ oder „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Der Kardinal sagte nicht, wer im Vatikan so empfinde.
Nach der gegenwärtigen Regelung muß bei der Seligsprechung – dem letzten Schritt vor der Heiligsprechung –
gezeigt werden, daß auf die Fürsprache des Kandidaten wenigstens ein unheilbarer Kranker geheilt wurde.
Für eine spätere Heiligsprechung sind mindestens zwei Wunder erforderlich.
Die Heilungswunder werden
von einer Gruppe von fünf medizinischen Experten der Kongregation für die Heiligsprechung geprüft.
Die Ärzte müssen zeigen können, daß die Heilung „augenblicklich, vollständig und andauernd“ war und
medizinisch nicht erklärt werden kann.
Nach der neuen Regelung spiele es, so Kardinal Bertone, keine
Rolle, ob der Heilige Wunder gewirkt habe. Es solle genügen, daß die Kandidaten zur Selig- und Heiligsprechung
„einen heroischen Tugendgrad“ vorweisen können und ein vorbildliches christliches Leben geführt haben.