09:44:18 | Freitag, 25. August 2006
Immer mehr Familien praktizieren Home-Schooling. Aus gutem Grund: Sie wollen, daß ihr Kind etwas lernt. Von Karl Lempel
(kreuz.net) Hand aufs Herz: Welcher Lehrer hat Ihnen das Sprechen beigebracht?
Bei welchem professionellen
Erzieher lernten Sie Fahrrad fahren oder sich intelligent zu unterhalten, wie man sich benimmt oder mit
Geld umgeht?
Wenn Sie jetzt noch behaupten, Sie hätten Ihre Magisterarbeit mit Hilfe einer pädagogischen
Fachkraft geschrieben, ist bei Ihnen irgend etwas schiefgelaufen.
Manche Dinge sind in unserem Leben
so sehr institutionalisiert, daß wir gar nicht mehr in der Lage sind, einmal locker darüber nachzudenken.
Generationen wurden auf die Schulpflicht konditioniert. Dieses Thema sitzt so sperrig in unseren Gehirnwindungen,
daß wir wie Hofhunde zu heulen anfangen, wenn jemand unserer Kette zu nahe kommt.
Über eines
sollte auch
die Macht der Gewohnheit nicht hinwegtäuschen: Bildung und Erziehung finden zu Hause statt – oder sie
finden nicht statt.
Hat mich die Schule wirklich aufs Leben vorbereitet? An was erinnere ich mich, wenn
ich an meinen Unterricht denke? Eigentlich hat doch jeder viele Dinge außerhalb des Klassenzimmers gelernt –
nicht wegen, sondern trotz Schule.
Was ist denn Nachhilfeunterricht anderes als das Eingeständnis, daß
man Home-Schooling auch dann noch vertraut, daß es funktioniert, wenn die Pauke versagt hat?
Wie würde
sich ein Symphonieorchester anhören, wenn die Musiker keine privaten Stunden nehmen und für sich üben
würden?
Über eines sollte auch die Macht der Gewohnheit nicht hinwegtäuschen: Bildung und Erziehung
finden zu Hause statt – oder sie finden nicht statt.
Warum dürfen sich Familien nicht der Last entledigen,
auch noch die schulisch bedingten Deformationen ihrer Kinder ausbügeln zu müssen? Homeschool-Familien
belegen, daß Pubertätsprobleme im wesentlichen ein Resultat der Schulsozialisierung sind.
Homeschool-Familien
belegen,
daß Pubertätsprobleme im wesentlichen ein Resultat der Schulsozialisierung sind.
Hat ein harmonisches
Familienleben nicht Vorrang vor Profilierungsneurosen von Kultusministern?
Aber: In die Pauke muß doch
jeder! Oder wollen Sie Töchter und Söhne unter der Käseglocke aufwachsen lassen?
Fragt sich, ob nicht
das Klassenzimmer die Käseglocke ist: ein Labor voller Probanden gleichen Alters, die im 45-Minuten-Takt
im Kampf gegen die Unlust zusammengepfercht werden, wo die ersten aus Langeweile ihre Tische bemalen,
während die Letzten mit glühenden Augen darauf hoffen, daß der Lehrer nochmals den Stoff von vor zwei
Jahren wiederholt.
Durch Disziplinlosigkeit ist Lernen oft nur mit angezogener Handbremse möglich. Oft
erfolglos flehen Lehrer um Ruhe, arbeitswillige Schüler sind dem Spott preisgegeben.
In den Pausen darf
Luft geholt werden. Man checkt ab, welche Marken man tragen muß, wer mit wem geht und welche Handys angesagt
sind.
Macht jemand nicht mit, kriegt er eins auf die Mütze.
Nein, hinter dem Mond wollen wir nicht
leben. Seit der letzten Klassenfahrt sind Augen, Mund und Ohren niet und nagelfest zugepierct.
Wie könnte
man besser gesellschaftstauglich werden?
Kommen wir zurück zu den wesentlichen Dingen. Darauf kann das
Kind sich konzentrieren, wenn es zu Hause bleibt.
Studien aus der Schweiz belegen, daß der Einzelunterricht
etwa 400% effektiver ist: Wenn sich also durchschnittlich ausgebildete Eltern eine Stunde pro Tag ihrem
Kind widmen, hat es mit Sicherheit mehr gelernt, als an einem langen Schultag.
Geschwister können sich
gegenseitig helfen und festigen so den erlernten Stoff.
Insgesamt bleibt mehr als genügend Zeit für
individuelle Interessen, die das Kind gemeinsam in der Familie, mit Freunden oder in Vereinen entdecken
und viel effektiver als in einer Schule verfolgen kann.
Seit dem achtjährigen Gymnasium samt Ganztagsabschiebehaft
sind die Musikschulen und Sportvereine ohnehin leergefegt.
Zugegeben: Voraussetzung sind häusliche Disziplin
sowie Eltern, die den Stoff im Griff haben und ihn strukturieren können. Bis zur sechsten Klasse sollten
die meisten Eltern dazu in der Lage sein; bis zum Ende der Mittelstufe jeder Akademiker.
Alternativ gibt
es jetzt schon Fernkurse, auch Privatlehrer wären denkbar. Natürlich muß es auch weiterhin Schulen
im klassischen Sinn geben, denn Home-Schooling macht nur für jene Familien einen Sinn, die diesen Weg
auch gemeinsam gehen wollen.
Nächstes Mal: Made in Germany – ein Label für Ramsch aus einem Billiglohnland?