18:03:22 | Freitag, 20. Oktober 2006
Pater Karl Rahner war sich sicher, daß ungetauft gestorbene Kinder in den Himmel kommen. Wie? Vielleicht über Reinkarnation. Ein neues Buch über den Limbus puerorum.
(kreuz.net, Liechtenstein) Der Vaduzer Priester Johannes M. Schwarz veröffentlichte kürzlich seine Doktorarbeit
über den sogenannten Limbus puerorum.
Hw. Schwarz ist als Kaplan in der Liechtensteiner Pfarrei Triesenberg
und nebenbei als Programmierer des neokonservativen Linzer Onlineportals ‘kath.net’ tätig.
Der Limbus
puerorum ist der äußere Bereich der Hölle, in den nach klassischer katholischer Lehre die Seelen der
ungetauft verstorbenen Kleinkinder hinkommen.
Kaplan Schwarz sprach am 26. September mit ‘kath.net’ über
das ewige Schicksal der ungetauften Kleinkinder, die noch vor dem Erlangen der Verstandeskraft sterben.
Die Problematik der Frage stehe im Spannungsfeld zwischen zwei zentralen Glaubenswahrheiten: der Erbsünde
und Taufnotwendigkeit auf der einen und dem göttlichen Heilswille auf der anderen Seite.
Die Lehre vom
Limbus könne nicht leicht abgeschafft werden. Zumindest als
mögliche Antwort bleibe sie gültig.
Sie
sei nicht homogenes Modell vorgetragen, sondern in verschiedenen Variationen vertreten worden – erklärt
Hw. Schwarz weiter. Darum treffe die heutige Limbus-Kritik nicht immer alle Modelle in gleicher Weise.
Bis ins 19. Jahrhundert sei die Lehre, daß ungetauft gestorbene Kleinkinder nicht erlöst werden können,
mit wenigen Ausnahmen nicht in Frage gestellt worden.
Die theologischen Auseinandersetzungen konzentrierten
sich damals vor allem auf das Verständnis der Aussage des Heiligen Augustinus von Hippo († 430), wonach
ungetauft gestorbene Kleinkinder im Limbus nur eine „leichteste Strafe“ erleiden.
Die theologische Lehrtradition
der Scholastik habe mit ihren neugewonnenen Differenzierungen zur Erbsündenlehre eine milde Auslegung
dieser Strafen erlaubt.
In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sei die Anzahl vorgeschlagener
Heilswege für ungetauft gestorbene Kleinkinder inflationär angestiegen. Doch diese Vorschläge wurden
von den Vertretern der klassischen Lehrtradition zum Teil heftig kritisiert.
Die meisten theologischen
Versuche, die Lehre vom Limbus abzuschwächen, seien im Taufersetzschema verblieben. Sie hätten zu zeigen
versucht, daß Kleinkinder, die vor Erlangen ihrer Verstandeskraft sterben, durch eine Form der Begierdetaufe
oder Bluttaufe gerettet würden.
In den 50er Jahren habe diese Diskussion einen vorläufigen Höhepunkt
erreicht.
Die Einberufung des „Pastoralkonzils“ in den 60er Jahren habe „zur Erschließung neuer theologischer
Horizonte und Interessensgebiete“ geführt – so Kaplan Schwarz. Damit sei die Frage nach dem ewigen Schicksal
ungetauft gestorbener Kleinkinder theologisch weitgehend verdrängt worden.
In den letzten Jahren sei
die Diskussion wieder zaghaft erwacht.
Einen ersten Impuls habe der neue Katechismus der Katholischen
Kirche geliefert. Er spricht von einer „berechtigten Hoffnung“ für einen Heilsweg der Kinder.
Damit
stelle der Katechismus die Frage nach einer „Korrektur“ – die Anführungszeichen stammen von Kaplan Schwarz –
der früheren kirchlichen Lehre in den Raum.
Hw. Schwarz erwähnt einen besonders kuriosen Lösungsansatz,
der vom umstrittenen Konzilstheologen Pater Karl Rahner SJ († 1984) vorgelegt wurde.
Der Jesuit behandelt
das Schicksal der ungetauft verstorbenen Kleinkinder in einem weniger bekannten Aufsatz über das Fegefeuer.
Dabei erachte er es als gegeben, daß ungetaufte Kinder einfach in den Himmel gelangten.
Pater Rahner
erkennt selber einen Nachteil dieser Theorie: Damit wäre nämlich ein großer Teil der Himmelsschar automatisch
und ohne personale Entscheidung zur ewigen Herrlichkeit gelangt. Diesen Gedanken hält Hw. Rahner für
schrecklich und unpassend.
Darum vermute er eine Begierdetaufe im Tod. Er überlegte aber noch eine andere
Lösung – erklärt Kaplan Schwarz:
„Unter Berufung auf eine »ungeheure Verbreitung« der Reinkarnation
und Seelenwanderung in der »religiösen Menschheitstradition« könne an dieser Lehre doch auch etwas
Richtiges sein.“
Somit hält es der Jesuit für möglich, daß wenigstens die vor der Erlangung des Vernunftgebrauchs
aus dem Leben Geschiedenen noch eine zweite Chance bekommen und ein zweites Mal inkarniert werden könnten.
Kaplan Schwarz bemerkt abschließend, daß sein Doktorat ein Kapitel Theologiegeschichte mit möglichen
Wegen und Irrwegen aufzeige, ohne das Problem letztlich zu lösen.
Das Werk „Zwischen Limbus und Gottesschau
Das Schicksal ungetauft sterbender Kinder in der theologischen Diskussion des zwanzigsten Jahrhunderts.
Ein theologiegeschichtliches Panorama.“ ist bei kath.net für 14,80 Euro plus Versandspesen erhältlich.