Mittwoch, 25. Oktober 2006 14:21
Der Verrückte und seine Kirche
In der Nähe von Madrid baut ein frommer Spanier seit Jahren ganz alleine an einer privaten Kathedrale.
Justo Gallego Martínez baut im Alleingang eine Kathedrale
Justo Gallego Martínez baut im Alleingang eine Kathedrale
(kreuz.net, Mejorada del Campo) Der Mann heißt Justo Gallego Martínez. Seit Jahren arbeitet er daran, eine Kathedrale zu errichten.

Das Gotteshaus befindet sich in Mejorada del Campo – 20 Kilometer von der spanischen Hauptstadt Madrid entfernt. Es ist Unserer Frau del Pilar, Mutter Jesu, geweiht.

Der Baumeister Don Justo ist weder Architekt noch Ingenieur, noch Maurer – sondern ein Landwirt.

„Die Pläne existieren nur in meinem Kopf“ – sagt er. Sie entfalten sich je nach Möglichkeiten, Gelegenheiten oder Einfällen.

Eine offizielle Baubewilligung besitzt Don Justo nicht – auch nicht den Segen oder die Unterstützung der Kirche. Wenn er stirbt, soll seine Kirche dennoch an die Diözese Alcalá de Henares übergehen.

In seiner Jugend verbrachte der Kirchenbauer acht Jahre bei den Trappisten. Kurz vor den letzten Gelübden mußte er austreten. Er litt an Tuberkulose. Das strenge Büßerleben der Trappisten vor dem Konzil war für ihn zuviel.


Die Kathedrale von Don Justo ist 20 Meter breit und 50 Meter lang. Daneben gibt es einen komplizierten Kreuzgang, Büro- und Wohnräume und eine Bibliothek. 8000 Quadratmeter wurden bereits gebaut oder sind gerade in Arbeit.

Die Kathedrale besitzt auch eine Kuppel, die der Kuppel des Petersdoms in Rom nachempfunden ist. Sie ist 40 Meter hoch und besitzt einen Durchmesser von zwölf Metern.

Ihr Stahlgerüst montierte Don Justo mit seinen sechs Neffen und mit Hilfe eines Flaschenzuges. Er hätte sich einen Kran nicht leisten können.

Während des Sommers wird er von Freiwilligen unterstützt. Für die komplizierten Arbeiten stellt er einen Fachmann ein.

Um sein Werk zu vollenden, dürfte er noch weitere 15 bis 20 Jahre benötigen.

Doch Don Justo zieht es vor, nicht über die Zukunft zu sprechen. Niemand weiß, wie lange er noch gesundheitlich in der Lage sein wird weiterzumachen.

Niemand möchte für das bisher errichtete Gebäude die Verantwortung übernehmen. Es gibt Zweifel an der Qualität der Fundamente und an der Statik.

Außerdem ist das Land, auf dem die Kathedrale gebaut ist, wertvoll. Darum ist sich Don Justo bewußt, daß die Kathedrale schon bald nach seinem Tod niedergerissen werden könnte.

Finanziert hat er sein Werk durch die Vermietung seines landwirtschaftlichen Grundes. Zum Teil hat er auch Land verkauft und vereinzelt auch Spenden bekommen.

Als Baumaterial hat er häufig Restposten von anderen Baustellen verwendet. Das jeweils verfügbare Material entscheidet, an welcher Stelle der Bau fortgesetzt wird.

Die Säulen wurden mit Hilfe alter Ölfässer gegossen, die Fensterbögen zeigen noch das Profil der Autoreifen, die für ihre Herstellung benützt wurden.

Von einem architektonischen Blickwinkel aus ist die Kathedrale als Werk eines einzigen Künstlers bewundernswert.

Don Justo hat die Einfachheit des romanischen Stiles imitiert, weil die gotischen Formen für ihn zu schwierig sind und er den Barock nicht so schätzt.

Don Justos Werk ist ein Symbol des Glaubens und der Ausdauer. Vor allem ist es ein Beweis dafür, daß große Dinge auch ohne die finanziellen Mittel zustande kommen können, die offenbar dafür unbedingt notwendig sind.

Bei seinen Nachbarn ist Don Justo als „der Verrückte mit seiner Kirche“ verschrien. Von der Kirche oder vom Staat wird er kaum beachtet, geschweige denn unterstützt.

Aber wenn Don Justo als „verrückt“ betrachtet werden muß, was bedeutet es dann, „normal“ zu sein?

© Bild: citynoise.org
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