Nationalsozialismus
Einzigartig
Der nationalsozialistische Massenmord an Juden war ebenso einzigartig wie der alliierte Bombenkrieg gegen deutsche Zivilisten. Von Leo G. Schüchter.
Bombenopfer von Dresden, 1945
Bombenopfer von Dresden, 1945
(kreuz.net) Bei den Verbrechen der Menschheit sollten keine moralischen Hierarchien aufgebaut werden.

Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Auschwitz-Birkenau der Opfergruppen von Juden, Zigeunern, Polen, Russen und anderer gedacht.

Diese Aneinanderreihung von Opfergruppen ist dem Papst von gewissen Medien teilweise als „relative Gleichstellung“ verübelt worden.

Er habe damit die Einzigartigkeit des millionenfachen Judenmords relativiert.

Bei diesem Vorwurf der politischen Korrektheitsrichter sitzt der Papst neben dem Philosophen Theodor W. Adorno († 1969) auf der Anklagebank.

Adorno hatte 1966 daran erinnerte, daß der Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg eine Vorstufe für den Massenmord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg darstellte.

Heute würde Adorno für diese historische Analogie politisch gesteinigt werden.

Gewisse mediale Großzensoren in Deutschland verlangen von den Medien und von jedem Bürger, daß der nationalsozialistische Massenmord an den europäischen Juden als einzigartige Singularität zu bekennen sei.

Das Problem besteht allerdings darin, zu definieren, was unter Einzigartigkeit zu verstehen ist.

Jedes historische Großereignis ist einzigartig.

Die Schreckensherrschaft der Französischen Revolution mit 40.000 Geköpften war sicherlich einzigartig.

Napoleon sagte nach dem Verlust von 800.000 Soldaten im Rußlandfeldzug: „Ich bin im Feld aufgewachsen. Ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen.“

Im Ersten Weltkrieg sind zehn Millionen Soldaten in den schrecklichen Stellungskriegen verblutet.

Nein, die besondere Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung bestehe darin, sagen die Wächter der Singularität, ein ganzes Volk im Herrschaftsbereich der Täter auslöschen zu wollen – also deren Genozid-Charakter.

Das trifft allerdings auch für die 500.000 von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma zu.

Die jungtürkische Regierung hatte 1915 ebenfalls die Absicht, die 1,5 Millionen Armenier in ihrem Herrschaftsgebiet zu vernichten.

Tatsache ist auch, daß die weißen Kolonialisten Nordamerikas mehr als die Hälfte der ungefähr 600 Indianer-Völker zum Verschwinden gebracht haben.

Die planmäßige Vorbereitung und fabrikmäßige Durchführung der Massenvernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg sei die singuläre Einzigartigkeit – so eine weitere Version.

Als wenn die nationalsozialistische Ermordung von 2,5 Millionen polnischen Intellektuellen und Bürgern weniger planmäßig abgelaufen und deshalb nicht einzigartig wäre.

Die planmäßige Erfassung und fabrikmäßige Liquidierung von 150.000 behinderten und kranken Deutschen in Gaskammern und mit Giftspritzen war sozusagen die Generalprobe für den Judenmord.

Dieser monströse nationalsozialistische Massenmord an wehrlosen Kranken und Behinderten war und ist sicherlich welthistorisch einmalig.

Gelegentlich schieben die Vertreter der Singularitätsthese die Behauptung nach, die Vernichtung der sechs Millionen Juden sei aus der Mitte eines hochstehenden Kulturvolkes begangen worden und insofern ein unvergleichlicher Zivilisationsbruch.

Doch stand das russische Kulturvolk auf einer niedrigeren Zivilisationsstufe, als Stalin und seine Millionen willigen Vollstrecker mehr als zehn Millionen Mitbürger liquidierten?

Waren die Chinesen kein hochstehendes Kulturvolk, als aus ihrer Mitte Mao Tse Tung und seine roten Parteigarden Zigmillionen Bürger umbrachten?

Der Schriftsteller Jörg Friedrich, der den Bombenkrieg gegen deutsche Städte nüchtern beschrieben und bilanziert hat, wurde gefragt, ob er die Einzigartigkeit des Holocausts anerkenne.

Seine Antwort: Wie der Bombenkrieg mit seinen 500.000 deutschen Opfern einzigartig war, so erkenne ich auch die nationalsozialistische Judenvernichtung als einzigartig an.

Es bleibt dabei: Der furchtbare Vernichtungsfeldzug von nationalsozialistischen Organisationen an ungefähr sechs Millionen europäischen Juden ist einzig in seiner Art, aber – leider – kein unvergleichliches Verbrechen.

Es rechtfertigt die verbreitete Tendenz der politischen Korrektheitszensoren nicht, andere Menschheitsverbrechen explizit oder implizit als „weniger schlimm“, „von geringerer moralischer Bedeutung“ oder „von niedrigerem Erinnerungswert“ herabzustufen oder gar zu leugnen.