18:09:01 | Freitag, 17. November 2006
Der nationalsozialistische Massenmord an Juden war ebenso einzigartig wie der alliierte Bombenkrieg gegen deutsche Zivilisten. Von Leo G. Schüchter.

Bombenopfer von Dresden, 1945
(kreuz.net) Bei den Verbrechen der Menschheit sollten keine moralischen Hierarchien aufgebaut werden.
Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Auschwitz-Birkenau der Opfergruppen von Juden, Zigeunern,
Polen, Russen und anderer gedacht.
Diese Aneinanderreihung von Opfergruppen ist dem Papst von gewissen
Medien teilweise als „relative Gleichstellung“ verübelt worden.
Er habe damit die Einzigartigkeit des
millionenfachen Judenmords relativiert.
Bei diesem Vorwurf der politischen Korrektheitsrichter sitzt
der Papst neben dem Philosophen Theodor W. Adorno († 1969) auf der Anklagebank.
Adorno hatte 1966 daran
erinnerte, daß der Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg eine Vorstufe für den Massenmord
an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg darstellte.
Heute würde Adorno für diese historische
Analogie politisch gesteinigt werden.
Gewisse mediale Großzensoren in Deutschland verlangen von den
Medien und von jedem Bürger, daß der nationalsozialistische Massenmord an den europäischen Juden als
einzigartige Singularität zu bekennen sei.
Das Problem besteht allerdings darin, zu definieren, was
unter Einzigartigkeit zu verstehen ist.
Jedes historische Großereignis ist einzigartig.
Die Schreckensherrschaft
der Französischen Revolution mit 40.000 Geköpften war sicherlich einzigartig.
Napoleon sagte nach dem
Verlust von 800.000 Soldaten im Rußlandfeldzug: „Ich bin im Feld aufgewachsen. Ein Mann wie ich schert
sich wenig um das Leben einer Million Menschen.“
Im Ersten Weltkrieg sind zehn Millionen Soldaten in
den schrecklichen Stellungskriegen verblutet.
Nein, die besondere Einzigartigkeit der nationalsozialistischen
Judenvernichtung bestehe darin, sagen die Wächter der Singularität, ein ganzes Volk im Herrschaftsbereich
der Täter auslöschen zu wollen – also deren Genozid-Charakter.
Das trifft allerdings auch für die
500.000 von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma zu.
Die jungtürkische Regierung hatte
1915 ebenfalls die Absicht, die 1,5 Millionen Armenier in ihrem Herrschaftsgebiet zu vernichten.
Tatsache
ist auch, daß die weißen Kolonialisten Nordamerikas mehr als die Hälfte der ungefähr 600 Indianer-Völker
zum Verschwinden gebracht haben.
Die planmäßige Vorbereitung und fabrikmäßige Durchführung der Massenvernichtung
der Juden im Zweiten Weltkrieg sei die singuläre Einzigartigkeit – so eine weitere Version.
Als wenn
die nationalsozialistische Ermordung von 2,5 Millionen polnischen Intellektuellen und Bürgern weniger
planmäßig abgelaufen und deshalb nicht einzigartig wäre.
Die planmäßige Erfassung und fabrikmäßige
Liquidierung von 150.000 behinderten und kranken Deutschen in Gaskammern und mit Giftspritzen war sozusagen
die Generalprobe für den Judenmord.
Dieser monströse nationalsozialistische Massenmord an wehrlosen
Kranken und Behinderten war und ist sicherlich welthistorisch einmalig.
Gelegentlich schieben die Vertreter
der Singularitätsthese die Behauptung nach, die Vernichtung der sechs Millionen Juden sei aus der Mitte
eines hochstehenden Kulturvolkes begangen worden und insofern ein unvergleichlicher Zivilisationsbruch.
Doch stand das russische Kulturvolk auf einer niedrigeren Zivilisationsstufe, als Stalin und seine Millionen
willigen Vollstrecker mehr als zehn Millionen Mitbürger liquidierten?
Waren die Chinesen kein hochstehendes
Kulturvolk, als aus ihrer Mitte Mao Tse Tung und seine roten Parteigarden Zigmillionen Bürger umbrachten?
Der Schriftsteller Jörg Friedrich, der den Bombenkrieg gegen deutsche Städte nüchtern beschrieben
und bilanziert hat, wurde gefragt, ob er die Einzigartigkeit des Holocausts anerkenne.
Seine Antwort:
Wie der Bombenkrieg mit seinen 500.000 deutschen Opfern einzigartig war, so erkenne ich auch die nationalsozialistische
Judenvernichtung als einzigartig an.
Es bleibt dabei: Der furchtbare Vernichtungsfeldzug von nationalsozialistischen
Organisationen an ungefähr sechs Millionen europäischen Juden ist einzig in seiner Art, aber – leider –
kein unvergleichliches Verbrechen.
Es rechtfertigt die verbreitete Tendenz der politischen Korrektheitszensoren
nicht, andere Menschheitsverbrechen explizit oder implizit als „weniger schlimm“, „von geringerer moralischer
Bedeutung“ oder „von niedrigerem Erinnerungswert“ herabzustufen oder gar zu leugnen.