13:45:21 | Donnerstag, 30. November 2006
Ein deutscher Religionswissenschaftler vertritt die These, daß die ersten Muslime eine christliche Sekte mit einer heterodoxen Christologie waren. Der Koran? Der war ein christliches Lektionar. Von Jorge Papassalouros.

Mohammed vor seinen frühesten Anhängern; Bibliothèque Nationale, Paris
(kreuz.net) Am 21. November druckte die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ einen Artikel ab, der die Axt
an die Wurzel des Islams setzt.
In dem Beitrag stellt der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig (68)
die Frage nach der Anwendung der sogenannten „historisch-kritischen Methode“ auf den Text des Koran.
Die „historisch-kritische Methode“ stammt aus dem 19. Jahrhundert und glaubt die Entstehungsgeschichte
antiker Texte nachzeichnen zu können.
Ohlig leitete bis zu seiner Emeritierung den Forschungsbereich
„Frühislam“ an der Universität des Saarlandes.
Der geweihte, aber im Clinch mit der Hierarchie und
dem Glauben lebende Priester gehört zu den ständigen Mitarbeitern der progressistischen Zeitschrift
‘imprimatur’.
Von 1970 bis 1978 war Ohlig Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik
an der Pädagogischen Hochschule des Saarlandes.
Die Islamwissenschaft ist nach Ohlig immer noch durch
dogmatische und „unhistorische“ Vorgaben blockiert.
Der Religionswissenschaftler weist darauf hin, daß
die Biographie des vorgeblichen Propheten Mohammed frühestens im 9. Jahrhundert geschrieben wurde.
Die
Erzählungen über sein Leben würden immer wieder „unkritisch“ reproduziert.
Mohammed wirkte angeblich
von 570 bis 632 in Mekka, Medina und später wieder in Mekka.
Doch die älteste Ganzschrift des Koran
stamme frühestens aus dem Jahr 870 – also über 200 Jahre nach dem Tod des Propheten.
Diese Ganzschrift
sei das Produkt einer politisch gewollten Vereinheitlichung.
Auffällig sei, daß die christlichen Quellen
während der frühen muslimischen Herrschaft über die neue Religion schwiegen.
Außerdem würden die
frühesten muslimischen Münzprägungen immer noch das Kreuz zeigen. Schon früh findet sich zudem auf
den Münzen die Abkürzung für das Wort „muhammad“.
„Muhammad“ heißt im Aramäischen – der damaligen
Lingua franca des Vorderen Orients: „der zu Preisende“ oder „Gepriesene“.
Das lateinische Wort dafür
ist „benedictus“.
Die von Ohlig in der ‘Frankfurter Allgemeinen’ vertretene These lautet, daß mit dem
Wort „muhammad“ auf den frühislamischen Münzen Jesus Christus gemeint sei.
Die berühmte Inschrift,
die 691 auf der Fassade des Felsendoms in Jerusalem angebracht wurde, übersetzt Ohlig entsprechend:
„Zu loben ist – muhammad – der Knecht Gottes und sein Gesandter (…) Denn der Messias Jesus, Sohn der
Maria, ist der Gesandte Gottes und sein Wort.“
Muhammad wäre somit ursprünglich ein christologischer
Titel gewesen.
Die ersten Muslime waren demnach eine christliche Sekte mit einer heterodoxen Christologie.
Erst sehr viel später wurde das Prädikat „muhammad“ nach Ohlig aus politischen Gründen von seinem
Bezugspunkt Jesus Christus gelöst und mit der Gestalt eines arabischen Propheten mit dem Namen Mohammed
verbunden.
Erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts habe sich die koranische Bewegung als eigenständige Religion –
als Islam – etabliert.
Auch das Schweigen der vielen christlichen Schriftsteller unter frühislamischer
Herrschaft über die Existenz des Koran sei auffällig.
Das könne ein Hinweis sein, daß die Kirchenschriftsteller
dieser Zeit den Islam als Form des Christentums betrachteten.
Im Koran selber findet sich das Wort „muhammad“
nur viermal.
Nur einmal kann man ihn nach Ohlig mit Sicherheit als Eigennamen identifizieren.
Nach der
neuesten Forschung gibt es im Koran keine eindeutigen geographischen Angaben über Arabien als Schauplatz
der Koranentstehung.
Die ältesten Textschichten des Korans stammen nach Ohlig aus Mesopotamien – aus
einem syro-aramäischen Sprachraum und einem heterodox-christlichen Umfeld.
Die Grundschrift des Koran
sei nicht in arabischer Sprache, sondern in einem syro-aramäischen Dialekt verfaßt.
Erst später sei
dieser Text zu einem Buch in arabischer Sprache umgeschrieben worden.
Der frühe Koran sei dagegen ein
christliches Lektionar gewesen, das später aus politischen Gründen stark erweitert worden sei.
Die
heute gebräuchliche Koranausgabe aus Kairo aus dem Jahr 1925 sei ein dogmatisches Produkt, das nicht
den Urkoran darstelle.
Auch in der Frage des Korantextes liegt Ohlig mit dem Lehramt über Kreuz.
Eine
Hochachtung, wie sie Johannes Paul II. und Benedikt XVI. dem Koran gegenüber bekundet haben, läßt sich
aus seinem Artikel nicht herauslesen.
Für ihn basiert der Koran auf einer christlichen Sondertheologie.
Für den Beginn des kommenden Jahres hat Ohlig zwei Publikation zu diesem Thema angekündigt:
Ein Buch
unter dem Titel „Der frühe Islam. Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen“,
sowie einen Sammelband unter dem Titel „Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen
Geschichte des Islam.“