Evolution
Ein evolutionärer Knacks?
Ein Evolutions-Apostel wirft sich mit sektirischem Eifer gegen Kritiker seiner Disziplin in die Riemen. Von Christian L. Schutzer.
(kreuz.net) Ulrich Kutschera ist ein kämpferischer Evolutionstheoretiker.

Der 51jährige unterrichtet am Institut für Biologie an der Universität Kassel.

Kutschera ist auch Mitglied der sogenannten ‘Giordano Bruno Stiftung’. Es handelt sich um einen radikalen, religionsfeindlichen Verein.

Der Eifer des Atheisten Kutschera richtet sich vor allem gegen den sogenannten Kreationismus.

Der Kreationismus ist eine Lehre, die davon ausgeht, daß Welt und Universum von einem höheren Wesen geschaffen wurden.

Kutschera unterscheidet fünf Stufen des Kreationismus, von dem Flache-Erde-Kreationismus bis zum „progressiven Kreationismus“ in der Lehrverkündigung von Papst Johannes Paul II.

Im Jahr 1996 hatte Johannes Paul II. betont, daß in der „Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen“ sei.

Die Evolutionstheorie sei aber insofern nicht mit der Wahrheit des Menschen vereinbar, als sich der menschliche Geist, seine Würde und Gottebenbildlichkeit nicht aus der evolutiven Materie-Entwicklung erklären lassen.

Kutschera postuliert dagegen, daß alle Phänomene ausschließlich materialistisch und naturalistisch erklärt werden dürfen.

Er glaubt, daß es für die Evolution weltweit mehr als 250.000 versteinerte und verknöcherte Beweise gebe.

Die synthetische Evolutionstheorie könne angeblich lückenlos jeden Schritt der „gradualistischen“ Evolutionsentwicklung nachweisen.

Das sei der „Generalkonsens“ aller „seriösen“ Wissenschaftler – so die Predigt von Kutschera.

Alle anderen Theorien erklärt er kurzerhand für unseriös und widervernünftig.

Insbesondere die Theorie des intelligenten Designs nimmt der Kasseler Evolutionist ins Visier.

Die Design-Theorie anerkennt Mikroevolutionsprozesse. Sie hat aber in den Übergängen zu Organismen mit völlig neuen Bauplänen die Schwachstelle der herkömmlichen Evolutionstheorie entdeckt.

In den Werken des wichtigen US-amerikanischen Design-Theoretikers Michael J. Behe finde man zwar keine offenen Kreationismusthesen, stellt Kutschera fest: „Aber der Biochemiker ist bekennender Katholik.“

Außerdem unterrichte er seine neun Kinder zuhause.

Ein exzellenter Vertreter der ‘Theorie des intelligenten Designs’ in Deutschland ist Siegfried Scherer.

Er ist Autor eines preisgekrönten Lehrbuchs für Evolutionsbiologie und Professor für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München.

Aber weil er in einem evangelikalen Arbeitskreis mitarbeitet, lehnt Kutschera es strikt ab, öffentlich mit seinem Hochschul-Kollegen zu diskutieren.

Auch der Verleger des Lehrbuchs – verrät Professor Kutschera – sei Mitglied einer freikirchlichen Gemeinde. Er sei schon früher aufgefallen, als er sich in den 80er Jahren gegen die Einrichtung einer ‘Pro-Familia’-Beratungsstelle in Gießen engagiert habe.

Außerdem habe er sich gegen die kirchliche Segnung von Homo-Paarungen ausgesprochen.

Auch Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig steht in der Zielscheibe von Kutscheras Fahndungseifers.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Kölner Max-Plank-Institut stellte auf vielen hundert Internet-Seiten kritische Anfragen an die herkömmliche Evolutionstheorie.

Die Seite enthielt den Hinweis, daß die Dokumente nicht die offizielle Position des Instituts repräsentierten.

Das reichte Kutschera nicht. Er enthüllte, daß Dr. Lönnig ein Zeuge Jehovas ist.

Nach vier Jahren Kampf gegen seinen Kollegen erreichte der sektirische Kutschera schließlich, daß die evolutionskritischen Texte von Dr. Lönnig von den Seiten des Max-Plank-Instituts genommen wurden.

Professor Kutschera schießt nicht nur Kollegen aus dem Feld der Wissenschaft. Er rennt auch gegen evolutionskritische Lehrveranstaltungen und Lehrerfortbildungen an.

So warnt er vor „gravierenden Konsequenzen“ durch einen „Erosionsprozeß der naturalistischen Basis aller Naturforschungen“, wodurch ein „Rückfall“ in „mittelalterlichen Aberglauben“ zu befürchten wäre.

Der Kasseler Evolutionsbiologe maßt sich auch an, viele andere soziale, kulturelle und geistige Phänomene aller Welten und Zeiten zu erklären.

So belehrt er die Zeitgenossen, „daß der Spezies Homo sapiens schon immer ein metaphysisches Bedürfnis innewohnt“.

Der Biologe hat dieses ‘Bedürfnis nach Metaphysik’ wahrscheinlich aus den versteinerten Schädeln von Vorzeitmenschen herausseziert.

Denn die Evolutionsbiologie – so betont es Kutschera immer wieder – sei eine reine „Fakten-Wissenschaft“.

Auch zum Thema mittelalterliche Ketzerverfolgungen, Inquisitionsgerichte und natürlich „kirchliche Hexenverfolgung“ hält sich der Biologie-Professor für einen Experten.

Kleinlaut wird er dagegen, wenn es um die rassistischen Biologismen der bürgerlichen Gesellschaft – speziell seiner Biologenzunft – geht.

So behandelt er die historischen Vertreter von Rassismus, Eugenik und Sozialdarwinismus mit viel Verständnis.

Kutschera zitiert zwar die Ausführungen von Immanuel Kant, wonach die Neger dumm, träge und faul seien.

Doch dann verharmlost er den bürgerlichen Rassismus – von der Aufklärung über Schopenhauer bis Haeckel und Ploetz – als „zeitbedingte Denkformen“.

Wenn es stimmt, was der US-Philosoph Daniel Dennet behauptet – daß Künstler, Ingenieure und Biowissenschaftler auch nur Ergebnisse einer seelenlosen und gradualistischen Zufallsentwicklung sind – dann hat die Evolution bei Kutschera offensichtlich einen Knacks bekommen.

Bildquelle: Die Webseite ‘worth1000.com’ veranstaltet Wettbewerbe für Photoshop-Talente