Dienstag, 9. Januar 2007 19:17
Gehen „viele“ oder „alle“ verloren?
Die Frage lautet: Hat der Heiland sein Leben nur für die Schafe hingegeben oder für die ganze Welt – die reißenden Wölfe eingeschlossen?
Alte Messe am Weltjugendtag 2005 in Köln
Alte Messe am Weltjugendtag 2005 in Köln
(kreuz.net) Pater Michael Wildfeuer lieferte kürzlich eine systematische Begründung für die Übersetzung von „pro multis“ mit „für viele“.

Der Artikel erschien auf der Webseite der Organisation ‘Pro Missa Tridentina’ und auf dem Portal zur katholischen Geisteswelt.

Pater Wildfeuer ist ein exklaustriertes Mitglied der Priesterbruderschaft St. Pius X. Er lebt derzeit im Mutterhaus der ‘Diener Jesu und Mariens’ in Niederösterreich.

Pater Michael Wildfeuer
Pater Michael Wildfeuer
Christus ist – „Gott sei Dank!“ – für alle gestorben – erklärt der Pater in seinem Artikel und belegt diese Aussage mit der Heiligen Schrift:

„Christus ist das Sühneopfer für unsere Sünden, und nicht bloß für unsere, sondern für die der ganzen Welt.“ (1Joh 2,2).

Die Kernfrage bleibt: „Gibt der Heiland sein Leben für die ganze Welt hin – oder nur für die Schafe, nicht für die Wölfe? Nur für viele oder doch für alle?“

Beide Aussagen seien in verschiedenem Sinn wahr – antwortet Pater Wildfeuer:

· „Christus stirbt in dem Sinn für alle, daß er durch seine unbegrenzte Sühne allen Menschen wieder den Himmel erschließen will. Er will das Heil aller Menschen.

· Christus stirbt für alle auch in dem Sinn: Er sühnt für die ganze Menschheit, das heißt, er zahlt das Lösegeld für die gesamte Sündenschuld, um der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung zu leisten (uneingeschränkte Satisfaktion).

Er tut es aus übergroßer Barmherzigkeit, stellvertretend für die Menschen – unabhängig davon, ob der einzelne Mensch will oder nicht.

Ein etwas banales Beispiel:

Fritzchen verprügelt Fränzchen und zerreißt ihm dabei Hose und Hemd. Fritzchens Vater bezahlt den angerichteten Schaden unabhängig davon, ob Fritzchen dies will oder nicht. Der Vater leistet stellvertretend für Fritz Satisfaktion.

· Christus stirbt für alles chließlich auch in dem Sinn, daß sein Sühneopfer zur Rettung aller Menschen ausreichen würde. Es ist also nicht so, daß für den Letzten nicht mehr genügend Satisfaktion vorhanden wäre oder daß die Sündenschuld eines Menschen so groß sein könnte, daß Christi Sühne dafür nicht hinreichen würde (uneingeschränkte Heilsgenügsamkeit).

· Christus stirbt jedoch nicht für alle, sondern nur für viele in dem Sinn, daß nicht allen tatsächlich die Sünden vergeben werden. Nicht alle erlangen effektiv das Heil.

· Zu Christi größtem Schmerz gibt es Menschen, an deren Seele sein Opfertod nicht wirksam wird. Das ist die eingeschränkte Heilswirksamkeit. ‘Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und gar viele kommen dadurch hinein’ (Mt 7,13).“

Pater Wildfeuer stellt in Klammer die Frage, ob es einen modernen Exegeten gibt, der die zuletzt zitierte Stelle aus der Bergpredigt mit „alle“ statt wie im Text mit „viele“ übersetzt.

Warum werden nicht „alle“ gerettet?
Pater Wildfeuer beantwortet schließlich die Frage, woran es liege, daß Christi Opfertod nicht an allen wirksam wird: „An Gott liegt es nicht. Er hat von seiner Seite alles getan.“

Es liege am einzelnen, an seiner Entscheidung aus freiem Willen. „Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk 16,16).

Die Erlösungstat Christi sei Heilsangebot, Sühne und Heilsgenügsamkeit in uneingeschränkter Barmherzigkeit – unabhängig davon, ob ein gewisser Otto Müller sich darum kümmere oder nicht. Aber Gott zwinge das Heil nicht auf.

Daß Herr Otto Müller das Heil annimmt, so daß es in seiner Seele Wirklichkeit wird, hänge von seiner Zustimmung ab und ist Sache seines Willens. Diese Entscheidung nehme ihm Christus nicht ab.

Pater Wildfeuer kommt auf sein Beispiel zurück: Der Vater bezahlt den von Fritzchen angerichteten Schaden, aber daß sich Fritzchen mit Fränzchen versöhnt, kann der Vater für Fritzchen nicht bewerkstelligen.

© Bild: Pro Missa Tridentina, weitere Bilder vom Weltjugendtag
Copyright © 2008 kreuz.net