09:36:01 | Freitag, 2. Februar 2007
St. Pölten
Hat Märtyrerkanzler Engelbert Dollfuß einen verwundeten Sozialisten tatsächlich auf der Tragbahre zum Schafott schleppen lassen? Blödsinn – sagt der emeritierte Grazer Kirchenhistoriker.

Von den Sozialisten verbreitetes, angebliches Foto des Schuhmachers Karl Münichreiter
(kreuz.net, St. Pölten) Professor
Maximilian Liebmann (72) hat sozialistische Geschichtsklitterungen
gegen den österreichischen Märtyrerkanzler
Engelbert Dollfuß († 1934) aufgedeckt.
Liebmann ist emeritierter
Kirchenhistoriker an der Universität Graz. Er sprach mit der Nachrichtenagentur der österreichischen
Bischofskonferenz ‘kathpress’.
Anlaß für das Gespräch war die Anordnung des Bischofs von St. Pölten,
Mons. Klaus Küng, ein Wandbild in der St. Pöltner Prandtauerkirche wegen einer Dollfuß-Darstellung
entfernen zu lassen.
Kirchengeschichtler Liebmann betont
Maximilian Liebmann:
Es gibt beharrliche Legendenbildungen,
die trotz gegenteiliger historischer Beweislage weiter gepflegt werden.
im Interview, daß die faktische
historische Beweislage einer beharrlichen Legendenbildung entgegenstehe.
Liebmann erwähnt die von linken
Kreisen forcierte schwarze Legende, wonach einer der hauptverantwortlichen „Schutzbündler“ angeblich
„auf einer Tragbahre zum Galgen geschleppt“ worden sei.
Die sozialistischen Schutzbündler zettelten
im Jahr 1934 in Linz einen blutigen Aufstand an, der über 300 Menschen – die Hälfte Polizisten, Soldaten
und Hilfskräfte – das Leben kostete.
Die sozialistische Legende identifiziert den angeblich zu seiner
Exekution getragenen Verurteilten mit dem Schuhmacher Karl Münichreiter, der die sozialistischen Aufständischen
kommandierte.
Die Todesstrafe – 1933 wegen nationalsozialistischer Sprengstoffanschläge eingeführt –
wurde gegen acht der Hauptverantwortlichen verhängt und exekutiert.
„So schrecklich, unmenschlich und
unverzeihlich die Todesurteile, insbesondere die Hinrichtungen, auch waren und sind, so verfehlt ist es,
diese Bluttat noch durch horrible Legenden zu überfrachten“ – kommentiert Liebmann.
Liebmann studierte
unter anderem Berichte, die von den Gefangenenseelsorgern an den Wiener Kardinal Theodor Innitzer († 1955)
geschickt wurden und sich im Wiener Diözesanarchiv befinden.
Aus den Berichten geht hervor, daß Karl
Münichreiter „eine Zigarette rauchend, seelenruhig aus der Armensünderzelle zur Richtstätte
ging“.
Der Gefängnisseelsorger Hw. Josef Supp ergänzt: „Bei der Hinrichtung benahm sich Münichreiter vollständig
ruhig und gefaßt ohne etwas auszurufen.“
Kardinal Innitzer suchte offenbar bei der Regierung Dollfuß
um eine Begnadigung der Verurteilten an.
Nur so sei ein detaillierter, an Kardinal Innitzer gerichteter
Rechtfertigungsversuch des damaligen Justizministers Kurt Schuschnigg († 1977) zu verstehen. Darin erklärt
Schuschnigg, daß „die Anzahl der Justifizierten mit acht glücklicherweise eine sehr geringe“ sei.
„Acht
zu viel“ – bedauert Liebmann.
Für Liebmann ist es unverständlich, daß die „obskure Legende“ von der
Tragbahre auch in seriösen Geschichtsdarstellungen verbreitet wird.
Verbreiter des RufmordesNoch Mitte
Januar benützte der St. Pöltner SPÖ-Nationalrat Anton Heinzl das Märchen von der Tragbahre in einer
Sendung des ‘Österreichischen Rundfunks’, um gegen die Dollfuß-Abbildung in der Prandtauerkirche
zu
polemisieren.
Der Vorsitzende der Sozialisten in Tirol streut die Verleumdung auf der
Parteihomepage.
Die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer setzen die rührselige Lüge durch ihren Bildungsverein in Umlauf.
Sie findet sich zum Beispiel in einem offensichtlichen
Propagandatext über die Geschichte der österreichischen
Gewerkschaftsbewegung.
Die niederösterreichischen Jungsozialisten verbreiten die Mär sogar in einem
Buch: „
Ich sterbe, weil es einer sein muß. Karl Münichreiter, Erinnerungen an den Vater“.
Die Propagandalüge
findet sich ferner auf
mehreren Unterseiten der Homepages der Jungsozialisten.
Auch die Wiener Grünen
verbreiten das Märchen auf ihrer
Webseite.
Die Verleumdung findet sich auf zahlreichen weiteren extremistischen
Webseiten und natürlich in dem häufig
unzuverlässigen Internet-Lexikon
Wikipedia.
Auch Online-Zeitungen
wie die Wiener Tageszeitung ‘Die Presse’
bedienen ihr Publikum mit der Falschmeldung.