Benedikt XVI.
Was Uta von Ratzipatzi denkt
Für mich war Ratzinger noch immer ein großer, fortschrittlicher Theologe. Er war nicht so langweilig – denn er dachte!
Uta Ranke-Heinemann
Uta Ranke-Heinemann
(kreuz.net) Am Geburtstag von Papst Benedikt XVI. ließ das deutsche Boulevardmagazin ‘Spiegel’ die deutsche Boulevardtheologin Ute Ranke-Heinemann (79) zu Wort kommen.

Hw. Ratzinger und die junge Theologiestudentin Uta Heinemann begegneten sich schon im Studium:

„Er war unter der ganzen Auswahl von Mönchen, Priestern und künftiger Kardinäle der intelligenteste“ – so Frau Ranke.

Der Student sei „so schüchtern und gar nicht eingebildet“ gewesen.

Die damalige Uta Heinemann, die schon seit ihrem 17. Lebensjahr verlobt war, knüpfte Kontakte zu Hw. Ratzinger:

„Ich sehe uns noch heute in einem dieser riesigen Hörsäle, und nur er und ich sitzen da in einer der Reihen und übersetzen unsere Thesen von den jeweiligen Doktorarbeiten ins Lateinische.“

Für die Theologin war das Verhältnis von „gegenseitiger Achtung und irgendwie Sympathie“ bestimmt.

Er sei genau der Typ für sie gewesen – so Frau Ranke:

„Er wollte mich nicht heiraten, und so brauchte ich mich damit nicht rumschlagen. Ratzinger war das reine Latein – genau, was ich wollte.“

Auch theologisch hatten die zwei das Heu auf der gleichen Bühne.

Eines Tages begann Ratzingers Doktorvater, Hw. Gottlieb Söhngen († 1971), seine Vorlesung mit den Worten:

„Hieronymus wachte auf und seufzte: Der Erdkreis ist arianisch! Und ich wachte heute auf und seufzte: Der Erdkreis ist marianisch!“

Die damaligen Akademiker hätten sich über „den wachsenden Marianismus“ amüsiert – einschließlich Ratzinger.

Als Konzilsberater des damaligen Erzbischofs von Köln, Joseph Kardinal Frings († 1978), zeigte sich der junge Professor Ratzinger „fortschrittlich und reformfreudig“.

Kardinal Frings förderte auch Frau Ranke-Heinemanns akademische Laufbahn.

Dann trennten sich die Wege der beiden Kommilitonen. Man nahm sich nur über die Veröffentlichungen des anderen wahr:

„Für mich war Ratzinger noch immer ein großer, fortschrittlicher Theologe“, sagt Frau Ranke: „Er war nicht so langweilig – denn er dachte!“

Am 15. Juni 1987 verlor Frau Ranke die Lehrerlaubnis als Professorin, weil sie die Jungfrauengeburt Christ leugnete.

Sie wandte sich in dieser Zeit auch an den Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, und berief sich auf eine Passage aus seinem Buch „Einführung in das Christentum“:

„Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichen Glauben nicht darauf, daß Jesus keinen menschlichen Vater hatte. Die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von welcher der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum; kein Vorgang in der Zeit, sondern in Gottes Ewigkeit.“

Der Kardinal redete sich am 30. Juli 1987 brieflich heraus, indem er erklärte, daß die Theologin nicht „das Ganze meiner Position“ sehe und sie ihre Meinung nicht im Namen der Kirche lehren könne.

Trotzdem bliebt das Verhältnis zwischen der Ketzerin und dem Kardinal freundschaftlich.

Als Kardinal Ratzinger im April 2005 zum Papst gewählt wurde, jubelte Frau Ranke: „Das ist ja Joseph!“

Sie sei überzeugt gewesen, daß er jetzt „dank seiner Intelligenz“ Reformen beginnen könne:

„Ja, ich hoffte tatsächlich, der neue Papst könne die Sexual- und Frauenfeindlichkeit seines Vorgängers überwinden. Ich habe wirklich geglaubt, Benedikt fängt jetzt an, den Zölibat schrittweise zu lockern.“

Inzwischen ist Frau Ranke enttäuscht: „Sehr schnell mußte ich feststellen, daß die Unfehlbarkeit der Vorgängerpäpste das selbstständige Denken der Nachfolgerpäpste lahm legt. Ein Papst ist dazu verdammt, der ewig Gestrige zu bleiben.“

Trotzdem nennt Frau Ranke ihren ehemaligen Kommilitonen und Kollegen noch immer liebevoll „Ratzipatzi“.