Gerd Lüdemann
Unhistorisch, kitschig und dogmatisch
„Wäre nicht der Papst der Verfasser dieses Buches, würde es von akademischen Exegeten nicht oder doch nur als eine peinliche Entgleisung zur Kenntnis genommen werden und in kirchlichen Buchläden bald verstauben.“
Webseite von Gerd Lüdemann
Webseite von Gerd Lüdemann
(kreuz.net) Der Exeget Gerd Lüdemann ist kürzlich mit dem Buch von Papst Benedikt XVI. „Jesus von Nazareth“ hart ins Gericht gegangen.

Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Universität Göttingen.

Er hat den Papst schon in der Vergangenheit kritisiert.

Bis 1996 war er Professor an der Evangelischen Fakultät in Göttingen. Dann verlor er seinen Lehrstuhl, nachdem er unter anderem erklärt hatte, daß der auferstandene Jesus „die Leiche im Keller der evangelischen Kirche“ sei.

Wenn es um – unbeweisbare – exegetische Hypothesen geht, rühren Lüdemann keine Glaubenszweifel.

Um so härter und apodiktischer nimmt er sich dafür das Papstbuch vor.

Benedikt XVI. lobt in seinem neuen Jesusbuch – so Lüdemann – die historische Methode in höchsten Tönen und streicht ihre angebliche Notwendigkeit heraus:

Denn der Glaube beziehe sich auf ein historisches Geschehen, das von der Zeitlosigkeit des Mythos zu unterscheiden sei.

Gleichzeitig warnt der Papst, daß die historisch-kritische Methode respektieren müsse, daß der Text der Heiligen Schrift inspiriert sei.

Damit ist die Retourkutsche Lüdemanns vorprogrammiert. Der Exeget kritisiert eine angeblich „unkritische Verwendung“ der Evangelien durch den Papst:

"Jesus von Nazareth" - erschienen im Herderverlag
„Jesus von Nazareth“ – erschienen im Herderverlag
„Es überrascht dann nicht, daß Benedikt den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den »historischen Jesus« im eigentlichen Sinne darstellen will.“

Dadurch würde einer „historischen Vernunft“ ein Riegel vorgeschoben.

Lüdemann glaubt auch nicht der päpstlichen Aussage, daß sein Buch Ausdruck „eines persönlichen Suchens“ sei:

Der Inhalt des Buches erweise es vielmehr „als eine unverblümte Darstellung des römisch-katholischen Glaubens in historischem Gewand, bei dem die Inspiriertheit der Schriften, die Gottheit Jesu und die Irrtumslosigkeit der Schriften vorausgesetzt werden“.

Damit entziehe sich der Papst einer konstruktiven Auseinandersetzung zwischen Dogma und „historischer Vernunft“.

Immerhin läßt Lüdemann gelten, daß Benedikt XVI. sich in seinem Buch auch rein historischer Argumente bedient, die – angeblich – der Kontrolle offen stünden.

Dennoch erweise sich eine Überprüfung des päpstlichen Unternehmens schon anhand von Stichproben als „Holzweg“:

Man dürfe den vier Evangelien in ihrer vorliegenden Gestalt keineswegs historisch trauen und schon gar nicht dem an vielen Stellen angeblich sekundären Johannesevangelium.

Es sei „Unsinn“, die Existenz von unechten Jesusworten in den neutestamentlichen Evangelien zu bestreiten.

Frühe Christen, deren Namen so unbekannt seien wie die Namen der vier Evangelisten, hätten – angeblich – weite Teile des Stoffes der Evangelien erfunden.

Die „wissenschaftliche Jesusforschung“ sei zu dem „Ergebnis“ gekommen, daß unter den überlieferten Jesusstoffen am ehesten Gleichnisse echt seien.

Diese seien auf „unmittelbares Verstehen“ angelegt – nicht auf Unverständlichkeit.

Diese „Erkenntnis“ ignorierend – so Lüdemann – sehe Benedikt XVI. hinter den Gleichnissen „irrtümlich“ die Gottheit Jesu durchschimmern.

Lüdemann weiß auch, daß auch Jesus selber sich „nicht als Gott verstanden“ habe.

Er zitiert dazu das „Jesuswort“ in Markus 10,18: „Niemand ist gut als Gott allein.“ Im übrigen hat Lüdemann eine Tendenz, Bibelstellen, die ihm nicht gelegen kommen, als „unhistorisch“ abzutun.

Für Lüdemann ist das Jesuswerk des Papstes somit kein „historisches Buch“, sondern eine „Sammlung gottesdienstlicher Meditationen“ über die Gestalt Jesu.

Einige dieser Meditationen würden sogar an „Kitsch“ grenzen – meint Lüdemann und zitiert aus dem Papstbuch:

„Was am brennenden Dornbusch in der Wüste des Sinai begann, vollendet sich am brennenden Dornbusch des Kreuzes“ (Seite 178).

Oder: „Wer wachen Auges in die Geschichte blickt, der kann diesen Strom sehen, der von Golgatha her, vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus her durch die Zeiten fließt. Er kann sehen, wie dort, wo dieser Strom ankommt, die Erde entgiftet wird, wie fruchttragende Bäume heranwachsen, wie Leben, wirkliches Leben aus diesem Quell der Liebe fließt, die sich geschenkt hat und schenkt“ (Seiten 290-291).

Lüdemanns Schlußfolgerung: „Wäre nicht der Papst der Verfasser dieses Buches, würde es von akademischen Exegeten nicht oder doch nur als eine peinliche Entgleisung zur Kenntnis genommen werden und in kirchlichen Buchläden bald verstauben.“

Der unkritische Kritiker beendet seinen Artikel mit dem bekannten Voltaire-Zitat Écrasez l’infâme! – „vernichtet die abscheuliche [Kirche]“.

Es scheint, daß Lüdemann kein Französisch versteht.

Denn sosehr er mit dem französischen Kirchenhasser Voltaire († 1778) einer Meinung sein mag: An dieser Stelle seines Artikels paßt das Zitat nicht.

Bleibt die Frage: Was ist der Fehler des Papstbuches?

Es genügt nicht, die sogenannte historisch-kritische Methode naiv und unkritisch anzuerkennen und so konservativ wie möglich anzuwenden.

Sie muß – fast 200 Jahre nach ihrer Ausarbeitung – einer grundsätzlichen Kritik unterworfen und historisch ad acta gelegt werden.

Die sogenannte historisch-kritische Methode stammt aus dem 19. Jahrhundert und gehört auch dorthin.

Im 21. Jahrhundert ist ihre Zeit abgelaufen.