Deutschland
Nationalismus führt zum Krieg
Den rassistischen Begriff von Nation, unter dem die Welt sehr viel leidet, den hat es nicht gegeben.
Otto von Habsburg
Otto von Habsburg
© Frank Hamm, Creative Commons
(kreuz.net) Trotz der vielen Völker, die ihm angehörten, sprach man vom Heiligen Römischen Reich „Deutscher Nation“.

Ja – antwortet der österreich-ungarische Thronfolger Otto von Habsburg (94) im März in einem Interview mit dem katholischen Hilfswerk ‘Kirche in Not’:

„Aber das war ein ganz anderes Konzept der Nation als dieser enge Nationalismus eines Hitlers oder derer, die zu ihm geführt haben.“

Das sei eine Lebensgemeinschaft gewesen, in der oftmals verschiedene Sprachen gesprochen wurden:

„Schauen Sie, in früherer Zeit hat man auch in Frankreich von den »deutschsprachigen Untertanen des Königs« gesprochen.“

Umgekehrt habe man bei den Deutschen selbstverständlich auch Französischsprachige hineingenommen: „Diesen rassistischen Begriff von Nation, unter dem die Welt sehr viel leidet, den hat es nicht gegeben.“

Ein reiner Nationalstaat sei für gewöhnlich aggressiv.

Eines der großen Geheimnisse des Heiligen Reiches sei gewesen, daß man selbstverständlich andere Sprachen und andere Religionen akzeptiert habe: „Die konnten gar keine Kriege gegeneinander führen.“

Der Thronfolger erwähnt als „das beste Beispiel“ die Schweiz:

„Warum hat die Schweiz eine Neutralität zustande gebracht? Weil sie aus drei Nationen zusammengesetzt ist: Italiener, Deutsche und Franzosen.“

Ein Kampf mit Ländern der gleichen Nationalität wäre unmöglich gewesen und hätte zu Problemen innerhalb der Schweiz geführt:

„Wenn wir jetzt dieses Europa mit den verschiedenen Nationen bilden, werden wir in der Welt genau nach dem Modell der Schweiz eine Art Friedenszentrale werden“ – glaubt von Habsburg.

Im Habsburger-Reich habe es zwölf Nationalitäten gegeben, mit ihren Sprachen, mit all dem, was sie haben: „Das ist heute fast undenkbar geworden.“

In der EU findet der Thronfolger diesen Zustand nur noch in Belgien, wo drei Sprachen – Flämisch, Französisch und Deutsch – gleichberechtigt sind:

„Als ich im Europa-Parlament saß, ist der König der Belgier gekommen und hat in diesen drei Sprachen gesprochen. So etwas wäre in der stumpfen Atmosphäre des Nationalismus undenkbar.“

Österreich-Ungarn habe im Ersten Weltkrieg immerhin über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden durchgehalten.

Das sei bei den Nachfolgestaaten im Zweiten Weltkrieg anders gewesen:

„Die Tschechei hat kapituliert, ohne zu schießen, als Hitler kam. Jugoslawien, das ungeheuer aufgerüstet war, ist in vier Tagen zusammengefallen, weil die Völker sich nicht für Staaten schlagen wollten, an die sie nicht geglaubt haben. Das darf man auch nicht vergessen.

Das ist der große Unterschied zwischen dem Patrioten und dem Nationalen: Der Patriot liebt sein Land, aber er achtet den anderen.

Der Nationalist vergöttert sein Volk, aber haßt die anderen. Das ist der große Unterschied, der es natürlich dem Katholiken viel leichter macht, den anderen gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Der frühere französische Präsident François Mitterand – weiß Gott kein Katholik – hat seine letzte Rede im Europa-Parlament, schon sterbenskrank, mit den Worten beendet: „Le nationalisme c’est la guerre“ – Nationalismus heißt Krieg. Und das ist wahr.“