20:06:01 | Samstag, 9. Juni 2007
Den rassistischen Begriff von Nation, unter dem die Welt sehr viel leidet, den hat es nicht gegeben.
(kreuz.net) Trotz der vielen Völker, die ihm angehörten, sprach man vom Heiligen Römischen Reich „Deutscher
Nation“.
Ja – antwortet der österreich-ungarische Thronfolger Otto von Habsburg (94) im März in einem
Interview mit dem katholischen Hilfswerk ‘Kirche in Not’:
„Aber das war ein ganz anderes Konzept der
Nation als dieser enge Nationalismus eines Hitlers oder derer, die zu ihm geführt haben.“
Das sei eine
Lebensgemeinschaft gewesen, in der oftmals verschiedene Sprachen gesprochen wurden:
„Schauen Sie, in
früherer Zeit hat man auch in Frankreich von den »deutschsprachigen Untertanen des Königs« gesprochen.“
Umgekehrt habe man bei den Deutschen selbstverständlich auch Französischsprachige hineingenommen: „Diesen
rassistischen Begriff von Nation, unter dem die Welt sehr viel leidet, den hat es nicht gegeben.“
Ein
reiner Nationalstaat sei für gewöhnlich aggressiv.
Eines der großen Geheimnisse des Heiligen Reiches
sei gewesen, daß man selbstverständlich andere Sprachen und andere Religionen akzeptiert habe: „Die
konnten gar keine Kriege gegeneinander führen.“
Der Thronfolger erwähnt als „das beste Beispiel“ die
Schweiz:
„Warum hat die Schweiz eine Neutralität zustande gebracht? Weil sie aus drei Nationen zusammengesetzt
ist: Italiener, Deutsche und Franzosen.“
Ein Kampf mit Ländern der gleichen Nationalität wäre unmöglich
gewesen und hätte zu Problemen innerhalb der Schweiz geführt:
„Wenn wir jetzt dieses Europa mit den
verschiedenen Nationen bilden, werden wir in der Welt genau nach dem Modell der Schweiz eine Art Friedenszentrale
werden“ – glaubt von Habsburg.
Im Habsburger-Reich habe es zwölf Nationalitäten gegeben, mit ihren
Sprachen, mit all dem, was sie haben: „Das ist heute fast undenkbar geworden.“
In der EU findet der Thronfolger
diesen Zustand nur noch in Belgien, wo drei Sprachen – Flämisch, Französisch und Deutsch – gleichberechtigt
sind:
„Als ich im Europa-Parlament saß, ist der König der Belgier gekommen und hat in diesen drei Sprachen
gesprochen. So etwas wäre in der stumpfen Atmosphäre des Nationalismus undenkbar.“
Österreich-Ungarn
habe im Ersten Weltkrieg immerhin über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden durchgehalten.
Das sei
bei den Nachfolgestaaten im Zweiten Weltkrieg anders gewesen:
„Die Tschechei hat kapituliert, ohne zu
schießen, als Hitler kam. Jugoslawien, das ungeheuer aufgerüstet war, ist in vier Tagen zusammengefallen,
weil die Völker sich nicht für Staaten schlagen wollten, an die sie nicht geglaubt haben. Das darf man
auch nicht vergessen.
Das ist der große Unterschied zwischen dem Patrioten und dem Nationalen: Der Patriot
liebt sein Land, aber er achtet den anderen.
Der Nationalist vergöttert sein Volk, aber haßt die anderen.
Das ist der große Unterschied, der es natürlich dem Katholiken viel leichter macht, den anderen gegenüber
aufgeschlossen zu sein.
Der frühere französische Präsident François Mitterand – weiß Gott kein Katholik –
hat seine letzte Rede im Europa-Parlament, schon sterbenskrank, mit den Worten beendet: „Le nationalisme
c’est la guerre“ – Nationalismus heißt Krieg. Und das ist wahr.“