Dienstag, 2. November 2004 11:20
Des Priesters neue Kleider
Soutanen und Kollarhemden sind aus der Mode gekommen. Die klerikale Herbst/Winter Kollektion 2004/2005 reizt mit einem besonderen Special: Der Priester wie Gott ihn geschaffen hat! Sie haben richtig gelesen: Hochwürden im Geburtstagsanzug. Geistliches FKK: Freie klerikale Kultur. Ein Kommentar.
(kreuz.net) Schon als dreijähriges Kind wußte ich, einen Arzt von einem Polizisten zu unterscheiden. Nicht deswegen, weil ich ein außerordentlich begabtes Kind war, sondern, weil es zu allen Zeiten ganz einfach war und ist, einen Arzt nicht für einen Polizisten und einen Polizisten nicht für einen Arzt zu halten. Der Arzt trägt einen weißen Kittel, der Polizist wiederum ziert sich mit einer grünen Uniform. Zumindest während der Dienstzeit, also so lange wie der Arzt seinen ärztlichen und der Polizist seinen polizeilichen Pflichten nachkommt.

Was ist der Grund dafür, daß unsere Freunde und Helfer – an dieser Stelle möchte ich Polizist und Arzt mit dieser ehrenvollen Bezeichnung würdigen – sich sogar unbedarften Dreijährigen zu erkennen geben? Der Grund liegt in der Bedeutung ihrer ärztlichen und polizeilichen Berufe für die Allgemeinheit. Daß ihre Berufe vor 50 Jahren genauso wichtig waren wie heute, zeigt die Tatsache, daß es einem kleinen Kind vor 50 Jahren genauso leicht fiel wie einem Dreijährigen der Generation X, einen Arzt nicht mit einem Polizisten und denselben wiederum nicht mit einem Arzt zu verwechseln.

Das meiste ändert sich, aber die wichtigen Dinge bleiben.

Abgesehen von dieser Konstante, die Ärzten und Polizisten groß erscheinen mag, gibt es wohl nicht sehr viel gemeinsame gesellschaftliche Erfahrungen zwischen einem Kind, das 1950 das Licht der Welt von gestern und einem kleinen Persönchen, das im dritten Millennium die grellen Scheinwerfer der Welt von übermorgen erblickt. Das meiste ändert sich eben, aber die wichtigen Dinge bleiben, so wie sie sind. Der Priester – und hiermit wechsle ich zu einer anderen altehrwürdigen Berufssparte – gehört nicht zu ihnen. Mit der frühkindlichen Erfahrung der 50er Jahre wäre er heute nicht zu erkennen und vermutlich auch nicht zu entdecken.

Es ist noch nicht allzu lange her, da hüllten sich Priester ganz und gar in rabenschwarze Soutanen – ein Wort, das heute von den elektronischen Rechtschreibehilfen als „Satan“ korrigiert wird und für die Kids der Generation X ein dunkles Fremdwort ist. Selbst zwischenzeitlich modern gewesene Kollarhemden, zuerst schwarz, dann angegraut und schließlich veilchenblau, gelten heute als ladenhütende Auslaufmodelle.

Stattdessen präsentiert die oben erwähnte Modeshow auf klerikalen Laufstegen unter Slogans wie „Begegnung mit den Mit-Menschen“ und „Gemeinsam auf der Suche“ oder „Der Weg ist das Ziel“ bürgerlich-säkulare Kollektionen. Von Insidern sind sie darum als „neoklerikal“ zu erkennen, weil sie erstens der gegenwärtigen Mode um zwanzig bis dreißig Jahre nachhinken und zweitens die Farbzusammenstellung nicht paßt. Es darf gelacht werden. Offensichtlich sollen die „Mit-Menschen“ auf dem Marsch Richtung „Kirche von Gleichberechtigten“ wenigstens etwas zum Schmunzeln haben.

Das Lachen kann einem aber auch vergehen. Denn um Mit-Menschen auf der Suche nach der Wahrheit den richtigen Weg weisen zu können, braucht es Priester, die sich als solche zu erkennen geben, keine Geheimpolizisten Gottes.

Damit wären wir bei „Des Kaisers neuen Kleidern“, dem Märchen von Hans Christian Andersen. Wie die beiden betrügerischen Schneider dem Kaiser vortäuschten die schönsten Kleider herzustellen, so täuschen die priesterlichen „Mit-Menschen-Slogans“ im karierten Hemd wahre Begegnungen vor. Wie die Betrüger Gold und kostbare Seide in ihre eigenen Taschen steckten, anstatt sie für den Kaiser zu neuen Kleidern zu verarbeiten, so enthalten auch Priester, die ihre Identität verbergen, vielen Suchenden wahrhaft Kostbares vor.

Wie lange noch werden sich Priester beklemmt hinter karierten Hemden von vorgestern verstecken?

Solange, bis uns „die Stimme der Unschuld“, das kleine Kind – und sollte es erst drei Jahre alt sein – endlich das zuruft, was wir alle längst erahnt haben: „Aber er hat ja gar nichts an!“
Copyright © 2008 kreuz.net