Montag, 22. Oktober 2007 18:46
Bischöfliche Theorie und priesterliche Praxis
Nach dem Zweiten Vatikanum wurden die Pfarrgemeinderäte eingeführt. Doch schon vierzig Jahre später ist diese Institution auf den Hund gekommen.
Versteht Kardinal Lehmann, daß man als Vorstandsmitglied eines Schachklubs die Regeln des Spiels kennen muß?
Versteht Kardinal Lehmann, daß man als Vorstandsmitglied eines Schachklubs die Regeln des Spiels kennen muß?
(kreuz.net, Mainz) „Ich empfinde die Pfarrgemeinderäte als große Bereicherung“ – jubelte der Bischof von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, am vergangenen Freitag vor Journalisten.

Im Pfarrgemeinderat komme „die gemeinsame Verantwortung der Gläubigen für die Pfarrgemeinschaft“ zum Ausdruck.

Vierzig Jahre nach dem Konzil könne man „mit großer Dankbarkeit“ auf die Entwicklung dieses Gremiums zurückblicken:

„Es ist ein Segen, daß es in jeder Gemeinde Menschen gibt, die das Ganze mittragen.“

Ein Priester des Bistums Mainz bezeichnete
Gremien-Alltag:
„Zermürbend, zäh, oftmals latent kritisch dem Pfarrer gegenüber. Und vor allem: Aggressiv gegenüber allem, was aus »Rom« kommt.“
diese Aussagen als völlig welt- und kirchenfremd.

Auf Anfrage erklärte er: „Das kann Seine Eminenz leicht sagen, weil er nicht weiß, was in diesen Gremien läuft“.

Die Sitzungen des Pfarrgemeinderates während der seltenen bischöflichen Visitationen seien „ein Schaulaufen, bei dem sich die Gemeinde von ihrer besten Seite zeige, um finanzielle Forderungen besser durchzusetzen“.

Der Gremien-Alltag sehe aber anders aus: „Zermürbend, zäh, oftmals latent kritisch dem Pfarrer gegenüber. Und vor allem: Aggressiv gegenüber allem, was aus »Rom« kommt.“

Niemand ermesse – so der Priester – wieviel Zeit die Sitzungen verschlängen:

„Ich kenne einen Priester, der die großartige Aufgabe hat, in vier Pfarreien jeweils den Verwaltungsrat und den Pfarrgemeinderat zu gründen – außerdem noch einen Seelsorgerat –
Mainzer Priester:
„Ein Mitbruder hat die großartige Aufgabe, in vier Pfarreien neun Gremien zu gründen. Es ist fast unmöglich, noch eine entsprechende Anzahl praktizierender Katholiken zu finden.“
also insgesamt neun Gremien. Dazu kommt die Vertretungspflicht im Dekanatsrat und in der Dekanatsversammlung. Macht zehn Gremien.“

Jedes Kind wisse, daß es inzwischen fast unmöglich sei, noch eine entsprechende Anzahl praktizierender Katholiken zu finden, die sich eine Mitgliedschaft in einem solchen Rat antun:

„Die ganz wenigen aufrechten Gläubigen, die sich an der Lehre der Kirche orientieren, sind aus Gründen des Gruppendrucks nicht mehr bereit, in den Pfarrgemeinderat zu gehen, um dort fertiggemacht zu werden.“

Was ist das Ergebnis? Die meisten Mitglieder dieser Räte seien keine praktizierenden Katholiken:

„Sie erfüllen weder regelmäßig die Sonntagspflicht, noch gehen sie zur Beichte -von den übrigen Gebote der Kirche gar nicht zu reden.“

Deshalb seien diese Räte hohle Eier und bloße Fassaden, hinter denen nichts stecke.

Wenn der Kardinal von einer „gemeinsamen Verantwortung der Gläubigen für die Pfarrgemeinschaft“ rede, klinge das darum so, als ob er sich über die Realität in seinen Pfarrgemeinden lustig machen wolle:

„Man stelle sich Vorstandsmitglieder eines Schachklubs vor, die sich dreimal im Jahr mit Schach beschäftigen und dabei die Regeln des Spiels weder kennen noch sich darum kümmern.“

© Fotos für das Titelbild: pixelio.de
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