Freitag, 26. Oktober 2007 09:40
Eine Demokratie, wo auch die Toten mitreden
Die Tradition beherrscht uns total. Der Schriftsteller Martin Mosebach äußerte sich kürzlich zur Unvermeidlichkeit der Tradition.
Martin Mosebach ist Freund und Förderer der Alten Messe.
Martin Mosebach ist Freund und Förderer der Alten Messe.
(kreuz.net) „Die Tradition ist die Einbeziehung der Toten in das gegenwärtige Leben.“ Das erklärte der bekannte Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach in einem gestrigen Interview mit der kirchenfeindlichen österreichischen Tageszeitung ‘Der Standard’.

Mosebach beruft sich auf den britischen Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton († 1936).

Dieser bezeichnet die Tradition als Form der Demokratie, in der auch die Toten ihr Wort mitreden dürfen.

Eine häufig angeführte „Sinnhaftigkeit“ anerkennt Mosebach nicht als Maßstab
Martin Mosebach
Die eigenen Wurzeln konditionieren „uns natürlich so stark, daß von echtem Sprengen dieser vielen Käfige, in denen wir stecken, sowieso fast nie die Rede sein kann.“
für die Bewahrung der Tradition. Vielmehr kritisiert er einen Typus des Konservativen, der bewahrt, wenn es „sinnvoll“ sei und auch erneuert, wenn es „sinnvoll“ sei:

„Damit überliefert man die Tradition einem Augenblicksurteil und einer utilitaristischen Rechtfertigung, vor der sie eigentlich nie so richtig bestehen kann.“

Totale Herrschaft der Tradition
Ohne Tradition könnten wir „gar nichts wirklich“ – erklärt der Schriftsteller weiter. Die Tradition beherrsche uns „total“: „Ob wir dafür sind oder dagegen.“

Schließlich seien wir „noch nicht“ in Retorten entstanden. Das Milieu, in dem der Mensch aufwächst, präge ihn in einem Ausmaß, das man sich gar nicht stark genug vorstellen könne.

Mosebach nennt Alltagsbeispiele, so die regionale Herkunft eines Menschen oder die örtliche Besonderheit von Speisen:

„All das konditioniert uns so stark, daß von echtem Sprengen dieser vielen Käfige, in denen wir stecken, sowieso fast nie die Rede sein kann.“

Tradition als etwas Vollkommenes
Am Beispiel der Kunst zeigt Mosebach, daß Traditionen immer wieder neu angeeignet werden müssen. Er nennt verschiedene Renaissancen in Europa. Dadurch seien mehrfach Traditionen wiedergeboren worden.

‘Der Standard’ wirft als Beispiel ein, daß die Oper als Versuch der Wiederbelebung des griechischen Theaters entstanden ist.

Mosebach antwortet, daß eine vollkommene Veränderung ohne die Absicht zum Verändern geschehe.

Die großen Innovationsleistungen seien gerade dort geschehen, wo das bewußte Ziel nur die Nachahmung war: „Das Schöpferische entsteht im toten Winkel.“

Die Künstler der Renaissance hätten nur den Eifer besessen, die Alten zu erreichen: „Die Tradition, das Überlieferte, wurde als etwas Vollkommenes, nicht Verbesserbares erlebt.“

Buchumschlag
Buchumschlag
Tradition ohne Land versus Moderne ohne Tradition

‘Der Standard’ spricht Mosebach ferner auf den Traditionsbegriff in dessen Roman ‘Das Beben’ (2005) an.

In dem Buch werden zwei Formen, mit Tradition umzugehen, miteinander konfrontiert: ein indischer König, der, längst entthront, die jahrtausendealten Formen lebt und bewahrt, und ein deutscher Architekt, der alte Paläste zu pseudohistorisch kostümierten Luxushotels umbaut.

Mosebach ergänzt, daß diese Hotels die Tradition in Wahrheit vernichten.

© Titelbild: Vernon Quaintance, traditionalcatholic.org.uk
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